Inder warten in einer Schlange, um Geldscheine umzutauschen.

© APA/AFP/NARINDER NANU

Notenbank
12/30/2016

Indien: Alte Geldscheine wertlos, zu wenig neue da

Premier Modi hatte im November Banknoten im Wert von mehr als 100 Rupien für ungültig erklärt. Die indische Notenbank hat es noch nicht geschafft, diese durch genügend neue zu ersetzen.

Menschen in Indien warten an vielen Orten noch immer auf Bargeld. Die Regierung verpasste damit eine selbstgesetzte Frist, bis zu der sich die Lage im Land nach einer radikalen Bargeldreform normalisieren sollte. Premierminister Narendra Modi hatte in einer emotionalen Rede im November der Bevölkerung versprochen, dass zum Jahresende wieder Normalität herrschen würde.

"Ertragt den Schmerz" - dieser dauert noch an

"Ertragt den Schmerz für 50 Tage, gebt mir Zeit bis zum 30. Dezember", lautete der Kernsatz seiner Rede. In der Nacht auf den 9. November hatte Modi überraschend alle Geldscheine im Wert von mehr als 100 Rupien (1,4 Euro) für ungültig erklärt. Neues Bargeld erhält nur, wer seine alten Scheine zuvor auf ein indisches Bankkonto einzahlt. Der unerwartete Schritt entzog dem Land auf einen Schlag 86 Prozent des im Umlauf befindlichen Bargelds.

Lange Schlangen vor Banken und Geldautomaten

Der Notenbank gelang es bisher jedoch nicht, das fehlende Bargeld durch genügend neu gedruckte Scheine zu ersetzen. Noch immer sind Bankomaten leer. Zudem endete am Freitag die Frist, bis zu der die alten Scheine noch bei der Bank eingezahlt werden durften. Auch an diesem letzten Tag bildeten sich lange Schlangen vor den Filialen der indischen Notenbank, wie Bilder zeigten.
Bargeldabhebungen bei der Bank sind nach einer Vorgabe der Regierung auch weiterhin auf weniger als 350 Euro pro Woche limitiert. Zahlreiche Medien berichteten auch am Freitag noch von anhaltenden Problemen insbesondere bei der armen Landbevölkerung. Mehr als die Hälfte davon hat laut Schätzungen kein eigenes Konto, was für einen Umtausch der alten Scheine nötig wäre.

Was Indiens Bargeldreform bisher ausgelöst hat

Als der indische Premierminister Narendra Modi vor Wochen auf einen Schlag mehr als vier Fünftel des Bargelds im Land für ungültig erklärte, versprach er vor allem zwei Dinge. Erstens: Durch den Zwangsumtausch aller großen Scheine in neue Banknoten würde er Schwarzgeld und Korruption auslöschen. Zweitens: Die Übergangszeit werde hart, aber nach dem 30. Dezember werde das Leiden ein Ende haben.

Den zweiten Teil seines Versprechens konnte Modi nicht einhalten. Noch immer sind die meisten Bankomaten leer, Auszahlungen in der Bank haben eine wöchentliche Obergrenze von weniger als umgerechnet 350 Euro. Zahlreiche kleine Händler und Bauern auf dem Land ohne Bankkonto leiden immer noch unter dem Bargeldmangel, wie lokale Medien fast täglich berichten.

Wie viel er vom ersten Teil seines Versprechens einhalten konnte, ist bis heute unklar. Zu dünn ist bisher die Datenlage. Diese fünf Folgen der Bargeldreform sind jedoch heute schon sichtbar:

DURCHEINANDER BEI REGIERUNG UND BANKEN
Seit der Verkündung der indischen Bargeldreform am 8. November haben das Finanzministerium und die Notenbank RBI zusammen mehr als 50 verschiedene Anordnungen erlassen, wie ungültige Scheine im Wert von 500 und 1000 Rupien (rund 7 und 14 Euro) umgetauscht oder bei der Bank eingezahlt werden dürfen. In teilweise täglichem Wechsel wurden Limits eingeführt, geändert und wieder verworfen. Kurzzeitig sollte sogar jeder, der noch Bargeld einzahlt, von mindestens zwei Bankangestellten verhört werden - bis der Finanzminister zwei Tage später die Regelung mit den Worten zurücknahm, man habe sich wohl nicht klar genug ausgedrückt. In den sozialen Medien tauchte zuletzt eine neue Interpretation der Abkürzung RBI (Reserve Bank of India) auf: Reverse Bank of India - frei übersetzt "die Bank, die wieder zurück rudert".

MEHR MENSCHEN ZAHLEN OHNE BARGELD
Die indische Regierung will nicht nur gegen Schwarzgeld vorgehen, sondern gegen Bargeld insgesamt. Dutzende Dörfer wurden seit der Reform von der Regierung für "bargeldfrei" erklärt. Die Nutzerzahl von Bezahl-Apps wie Paytm ist sprunghaft gestiegen. Gerade erst stellte Modi den nächsten Baustein für seine bargeldlose Gesellschaft vor: Eine App soll mobile Zahlungen mit dem indischen Identifikationsverfahren Aadhaar koppeln, durch das laut Regierung bereits mehr als eine Milliarde Menschen mit ihren Fingerabrücken identifizierbar sind. So brauche nur der Händler ein Smartphone, der Kunde könne einfach mit seinem Fingerabdruck zahlen. Kritiker wenden jedoch ein, dass in vielen Teilen Indiens die digitale Infrastruktur zu schwach für die Zahlungssysteme sei und es Sicherheitslücken gebe.

KURZFRISTIGE WACHSTUMSDELLE
Zumindest für die kommenden Monate dürfte die indische Wirtschaft wegen der Radikalreform langsamer wachsen. Fast alle Analysten und Ratingagenturen sind sich einig, dass der plötzliche Bargeldentzug insbesondere den in Indien sehr großen informellen Wirtschaftssektor ausbremsen dürfte. Die meisten Schätzungen gehen von mindestens einem Prozentpunkt geringerem Wirtschaftswachstum aus. Langfristig könnte die Reform allerdings auch positive Effekte haben und die Steuereinnahmen ankurbeln, schreibt zum Beispiel die Ratingagentur Moody's. Konkurrent Fitch erklärt: "Das hängt zu einem großen Teil davon ab, wie lange die Bargeldknappheit noch anhält."

DIE ARMEN LEIDEN
Größter Kritikpunkt an der Reform ist, dass die arme Landbevölkerung keine Gelegenheit zum Umtausch des alten Geldes habe. Die Mehrheit der ländlich lebenden Inder hat kein Bankkonto. Viele leben zudem weit weg von der nächsten Bankfiliale, mehr als ein Drittel kann nicht lesen und schreiben. Trotzdem gibt es zahlreiche Stimmen auch aus der ärmeren Bevölkerung, die die Reform öffentlich unterstützen. Wie die öffentliche Stimmung wirklich ist, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Dann stehen in mehreren Bundesstaaten Wahlen an.

STEUERSÜNDER BLEIBEN EINFALLSREICH
Schon jetzt ist klar, dass Steuersünder auch mit neuem Bargeld ihre Gewohnheiten kaum ändern werden. In den vergangenen Wochen häuften sich Medienberichte von beschlagnahmtem Geld, auch in neuen Banknoten. In einen besonders großen Skandal war eine lokale Bank verwickelt. Wie die Bankchefin öffentlich zugab, hatten mehrere Manager mittels falscher Konten Geld für reiche Kunden gewaschen und in neue Noten umgetauscht.

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