Wien: Schimmel in Tausenden Wohnungen

Mietersorgen: Zehntausende Wiener Wohnungen sind von Schimmel befallen. Die Sanierung wird oft auf die Bewohner abgewälzt.

Die Familie M. fühlte sich wie vom Blitz getroffen, als sie im August von einem Kurzurlaub zurück in ihre Wohnung in Wien-Floridsdorf kam. "Im Kinderzimmer kamen die Tapeten von den Wänden und die Decke im Badezimmer war über und über mit Schimmel übersät", erzählt Karin M. dem KURIER.

Ein Rohrschaden hatte die Wohnung der Familie mit zwei Kindern in wenigen Tagen in einen Sanierungsfall verwandelt. "Ich habe dann sofort bei der Hausverwaltung angerufen, aber die haben gesagt, sie wären nicht zuständig für Schimmel und haben auf die Haushaltsversicherung verwiesen", sagt Karin M. Doch auch ein Anruf bei der Haushaltsversicherung brachte nicht den gewünschten Erfolg: "Sie erklärten uns, dass sie für Folgeschäden wie Schimmel nicht aufkommen", sagt die Mieterin Karin M.

Mit dem Schimmel wuchs auch die Verzweiflung der Kleinfamilie. "Wir haben zwei kleine Söhne. Wir wussten nicht, ob der Schimmel im Kinderzimmer nicht schädlich für sie wäre", erzählt Sascha M., der Ehemann. Schließlich machten die M.s, was viele Mieter in dieser Situation machen: Sie beauftragten eine private Firma mit der Sanierung – und übernahmen die Kosten selbst.

Schimmelbekämpfer

Der Schimmelbekämpfer Martin Mostböck saniert rund 160 Wohnungen pro Jahr
© Bild: Kurier/Franz Gruber

Martin Mostböck von der Wiener Firma Sanair kennt Fälle wie jenen der Familie M. aus der täglichen Praxis. Rund 160 Wohnungen befreit der 37-Jährige jedes Jahr vom Schimmel. Dass der Vermieter freiwillig die Kosten übernimmt, ist laut Mostböck die Ausnahme: "Dabei hat der Vermieter der Erhaltungspflicht nachzukommen, worunter auch die Bekämpfung von Schimmel fällt", sagt der Wiener Schimmelbekämpfer.

Auch bei der Arbeiterkammer Wien sieht man für die Beseitigung von Schimmel den Vermieter in der Pflicht – zumindest wenn es sich um einen gravierenden Schimmelbefall handelt. "Wer letztlich für den Schaden aufzukommen hat, hängt von der Ursache des Schimmels ab. Die Streitfrage ist dann, ob es sich etwa um einen punktuellen Wasseraustritt, einen Baumangel oder um falsches Nutzerverhalten handelt", sagt Christian Boschek von der Arbeiterkammer Wien.

Boschek rät in jedem Fall, den Vermieter schriftlich über das Auftreten des Schimmels zu informieren und in diesem Schreiben darauf hinzuweisen, dass die weiteren Mietzinszahlungen "unter Vorbehalt der Rückforderung" erfolgen. Sollte der Vermieter eine Sanierung verweigern, empfiehlt man, bei der Arbeiterkammer einen Antrag an die Schlichtungsstelle der MA 50 zu stellen.

Fragwürdige Gutachten

Wie schwierig die Beweisführung ist, wer den Schaden verursacht hat, weiß Martin Mostböck aus der täglichen Praxis. "Viele Vermieter schieben die Schuld auf das vermeintlich falsche Lüftungs- und Heizverhalten des Mieters und legen dann mitunter sehr fragwürdige Gutachten vor", sagt Mostböck, der auch einräumt, dass prinzipiell jeder Raum so bewohnt werden kann, dass kein Schimmel entsteht: "Die Frage ist nur, ob das dann zumutbar ist, wenn ich etwa Fenster nicht verdecken darf oder Möbel nicht an die Wand stellen kann. Bei üblichem Nutzerverhalten ist immer der Vermieter in der Pflicht", sagt Mostböck.

Kompromisse

Die Badezimmerdecke der Familie M. war nicht mehr zu retten
© Bild: Kurier/Franz Gruber

Um einer gerichtlichen Auseinandersetzung zuvorzukommen, versucht Mostböck meist beruhigend auf die Parteien einzuwirken: "Die Emotionen sind meistens schon sehr aufgeschaukelt, wenn ich zur Sanierung komme. Ich versuche dann, dass man sich auf einen Kompromiss einigt", sagt der Schimmelbekämpfer.

Im Fall der Familie M. ist Mostböck das mit einem Anruf bei der Haushaltsversicherung gelungen. "Sie haben den Großteil der Kosten dann auf Kulanz übernommen", sagt Karin M., die nun wieder in einer schimmelfreien Wohnung lebt.

Gesundheit: Schimmel macht krank

Allergien: Prinzipiell wirkt jeder Schimmelpilz allergen, allerdings reagiert jeder Mensch darauf mit unterschiedlicher Intensität. Besonders gefährlich sind die Schimmelsporen in Innenräumen für Allergiker und Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist (Raucher, Diabetiker, Kinder). Sie haben durch die Sporen ein erhöhtes Risiko chronischer Erkrankungen.

Extremfall: Ein seltener, aber extrem gefährlicher Fall ist gegeben, wenn der Schimmel im Körper (etwa in der Lunge) weiterwächst. Das kann bis zum Tod führen.

Warnsignal: Schon der Geruch von Schimmel kann krank machen. Da der Körper den Geruch als Warnsignal einordnet, ist er ständig in Alarmbereitschaft.

( Kurier ) Erstellt am 13.12.2011