Marlene Welzl (li.) von "Wohnbuddy" vermittelte Christine Swoboda einen Studenten als Mitbewohner in ihrem Haus in Klosterneuburg

© Kurier/Gilbert Novy

Wirtschaft Immobiz
06/15/2019

Was tun, wenn das Einfamilienhaus zu groß wird?

Wenn Kinder ausziehen, stehen oft Zimmer leer. Drei Menschen erzählen, wie sie den Leerstand in ihrem Haus gelöst haben.

von Barbara Nothegger

Während junge Menschen in den Sätden oft ein kleines Vermögen für ein Zimmer ausgeben müssen, werden gut 57 Prozent aller Einfamilienhäuser in Österreich von nur ein bis zwei Personen bewohnt. Die Hälte der Haus-Bewohner ist bereits in Pension. Ältere Menschen möchten meist solange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden bleiben. Doch oft ist ein Haus nicht zwangsläufig die beste Wohnform für Menschen über 60 Jahre: es macht viel Arbeit, kann finanziell eine Belastung werden und die Bewohner fühlen sich schnell einsam und hilflos. Doch tun mit dem Einfamilienhaus, das man vielleicht mit eigenen Händen erbaut hat?

Vermietung, Umbau, Verkauf: ein zweites Leben für das Haus

Für Christine Swoboda war klar, dass sie ihr Einfmalienhaus in Klosterneuburg nach dem Tod ihres Mannes vor drei Jahren behalten möchte. Doch die 68-Jährige wollte auch nicht alleine wohnen, schließlich macht der 1.000 Quadratmeter große Garten viel Arbeit, die sie kaum mehr bewältigte. Durch Zufall stieß sie auf das Wiener Start-up Wohnbuddy, das Zimmer in Einfamilienhäuser an Studierende, Lehrlinge und Berufseinsteiger vermittelt. Wohnbuddy stellte Christine Swoboda einen Studenten namens Werner vor.

Zimmervermietung an Studierende

Die beiden trafen sich mehrmals, lernten sich langsam kennen. Die Chemie stimmte sofort und so mietet Werner seit Oktober ein 15 Quadratmeter großes Zimmer bei Christine Swoboda. Seitdem packt der 31-Jährige im Garten mit an, hilft bei Problemen mit der Handybedienung und manchmal frühstücken die beiden gemeinsam. Dafür zahlt er im Monat 190 Euro an Betriebskosten. Küche, Bad und Wohnzimmer werden geteilt. „Ich gehe zwar nicht mehr im Schlafanzug durchs Haus“, so Swoboda, „Eingeschränkt fühle ich mich aber nicht. Im Gegenteil: Ich bin sehr froh, dass wieder Leben im Haus ist.“

Riesige Nachfrage nach Zimmern

Wohnbuddy hat großen Erfolg, denn die Nachfrage seitens der Suchenden ist riesig. „Natürlich würde der Großteil der Studierenden erstmal am liebsten in einer hippen WG in einem coolen Stadtviertel wohnen“, sagt Wohnbuddy-Geschäftsführer Lukas Hecke, „aber die Lebenswelten von Jungen und Älteren liegen heute gar nicht mehr so weit auseinander.“

Dazu kommen finanzielle Gründe: Ein Zimmer in einem Studentenwohnheim ist heute kaum mehr unter 500 Euro pro Monat zu haben. Bei Wohnbuddy kosten die Zimmer meist zwischen 150 und 350 Euro. Eine Verpflichtung, dem Hausbesitzer zu helfen, gibt es nicht. Das wird individuell vereinbart. „Wohnbuddy sucht für den Wohnraumsteller aus einem großen Pool an Interessenten drei passende Studierende aus“, ergänzt Marlene Welzl von Wohnbuddy.

Umbau, um mehr Wohnraum zu schaffen

Einen etwas anderen Weg haben Silvia und Andreas S. gewagt: sie haben ihr Einfamilienhaus auf der Laßnitzhöhe nahe Graz umgebaut und dafür mehrere hunderttausend Euro in die Hand genommen. Sie erweiterten das 53 Jahre alte Gebäude auf 280 Quadratmeter und bauten einen zusätzlichen Trakt mit separatem Eingang an. Dadurch entstanden ein großer Yogaraum, wo Silvia S. und externe Trainer Kurse anbieten, sowie zwei neue Zimmer. Seit 2015 werden diese vermietet. Derzeit ist das Haus voll: Neben den beiden Besitzern wohnen dort nun ein Ärzte-Päarchen und zwei andere Frauen. „Das Zusammenleben verlief unterschiedlich: Von einem interessierten Nebeneinander bis zur harmonischen Gemeinschaft", sagt Silvia S.

Und wie viel wird gestritten? Bis auf einen Fall, wo gröbere Probleme auftraten, gab es bisher nur einen wirklichen Reibungspunkt: das Rauchen. Silvia S. vermietet daher seit Kurzem nicht mehr an Raucher. Zusätzlicher Diskussionsbedarf herrscht nur bei Kleinigkeiten, die auch aus dem Studenten-WG-Leben bekannt sind: Was wird eingekauft? Was will man gemeinsam kochen?

Neue Häuser so bauen, dass sie flexibel nutzbar sind

Die Unterbelegung in Einfamilienhäuser ist auch gesamtgesellschaftlich nicht optimal, weil wertvoller Wohnraum leer steht. Laut einer Studie des Architekturbüros Ertl und Henzl könnten alleine in Niederösterreich mehr als 600.000 Menschen in bestehenden Häusern untergebracht werden – ohne dass die Bewohner beengt leben müssten. Die Forscherin Julia Lindenthal vom Österreichischen Ökologie-Institut schlägt daher vor, den Bestand wesentlich besser zu nutzen. Und neue Einfamilienhäuser so zu errichten, dass sie später auch anders genutzt werden können als nur von einer Familie.

Beim Neubau ist darauf zu achten, dass Kinderzimmer später auch beispielsweise als kleine Einliegerwohnung, separate Wohneinheit, Büro oder Praxis verwendet werden können. Der Eingang, die Stiege und die Wasseranschlüsse sollten daher flexibel sein. „Je höher die Räume sind, desto flexibler wird auch die Nutzung“, sagt Lindenthal. Außerdem hat Lindenthal die Erfahrung gemacht, dass es hilfreich ist, so früh wie möglich – am besten noch in der Planungsphase, spätestens aber nach dem Auszug der Kinder – zu überlegen, was mit dem Einfamilienhaus später geschehen soll.

Umzug in eine Wohnung

Bei Freya Brandl kam die Entscheidung, was sie mit ihrem Haus machen will, etwas später. Dafür war sie umso einschneidender: Die Architektin ist gerade dabei, ihr Reihenhaus in Mauer bei Wien zu verkaufen. Leicht ist das nicht, wie die über 70-Jährige sagt. Immerhin hat sie in dem Haus Jahrzehnte gelebt, dort ihre beiden Kinder großgezogen, dort ihre Mutter gepflegt und dort ihren Mann bis zum Tod begleitet. Dann hat sie ein paar Jahre allein auf 120 Quadratmetern und einem kleinen Garten gelebt. „Ein wenig Wehmut ist beim Verkauf des Hauses dabei“, sagt Freya Brandl, „aber lustig ist es alleine auch nicht. Außerdem komme ich mir vor wie im Museum. Überall hängen Fotos von den alten Zeiten, die vorbei sind.“

Das Abschiednehmen fällt leichter, weil die Aussicht auf die Zukunft ein Lachen ins Gesicht von Freya Brandl zaubert: Die Architektin wird mit 16 anderen Menschen, die zwischen 54 und 79 Jahren sind, im Herbst eine Etage eines Neubaus beim Wiener Hauptbahnhof beziehen. Jeder hat eine eigene Wohnung samt Küche und Bad, dazu gibt es zwei Gemeinschaftsräume, wo sich die Gruppe zum Essen, zum Tratsch oder für Spiele treffen kann. Brandl: „Ich freue mich wahnsinnig, dass wir bald viel gemeinsam unternehmen werden. Wir werden das Leben genießen und uns gegenseitig unterstützen.“

Die Gruppe ist in einem Verein namens Kolokation organisiert. Seit mehreren Jahren kennen sich die Mitglieder und haben gemeinsam die Etage geplant. Das Architekturbüro Baumschlager & Eberle hat die Wünsche der Kolokation-Mitglieder planerisch umgesetzt. Bauträger für das Haus ist EGW Heimstätte. „Man muss etwas loslassen, um einen neuen Schritt gehen zu können“, sagt ihre künftige Mitbewohnerin Christine.

Wird Freya Brandl ihr altes Zuhause vermissen? „Ich wünsche mir, dass in meinem Einfamilienhaus wieder Leben einzieht, eine Familie etwa. Mit diesem Zweck wurde das Haus ja errichtet.“

www.kolokation.net

www.wohnbuddy.com

http://www.ecology.at/rehabitat_immocheck.htm