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Wirtschaft Immobiz
01/03/2019

Trendforscherin Oona Horx: "Alexa zerstört Beziehungen"

Warum wir nicht jede Technologie gut finden müssen und wieso wir beim Bauen von Häusern auch Beziehungen im Blick haben sollten.

von Barbara Nothegger

Die Trendforscherin Oona Horx-Strathern hat vor acht Jahren mit ihrem Mann Matthias Horx, ebenfalls Trendforscher ("Zukunftsinstitut"), ein "future house" in Wien-Hernals gebaut. Inspiriert vom weltberühmten Architekt Le Corbusier, planten die beiden zwei Gebäude mit verschienen Modulen zum Arbeiten, Leben und für Gäste. Oona Horx-Strathern empfängt den KURIER in ihrer Wohnküche zum Interview über das Wohnen in der Zukunft.

KURIER: In Ihrem „Zukunftshaus“ befinden sich sehr wenig technische Geräte und Smart-Home-Installationen. Liegt nicht gerade darin die Zukunft des Wohnens?

Oona Horx-Strathern: Wir probieren gerne neue Sachen aus. Aber wir haben gemerkt, dass viele dieser Dinge nach ein paar Anwendungen uninteressant werden. Man kennt das von früher: Brotbackgeräte und Entsafter – all das lag mal im Trend und stapelt sich jetzt im Keller. Damit sich smarte Technologie durchsetzen kann, braucht sie einen komparativen Vorteil und muss echten Nutzen stiften. Das sehe ich bei vielen Geräten nicht.

Aber ist es nicht praktisch, wenn man vom Bett aus mit dem Tablet den Toaster anschalten kann?

Wir stehen lieber selbst auf und machen es. Dabei bleiben wir in Bewegung und werden nicht zu bequem. Wir haben auch keinen Rasenroboter. Mein Mann mäht selbst, dabei bleibt er fit. Das einzige Gerät, ohne dem ich als leidenschaftliche Teetrinkerin nicht mehr leben will, ist mein Quooker. Ein Wasserhahn, der immer kochendes Wasser bereithält.

Studien zufolge wird in ein paar Jahren in den meisten Haushalten der Sprachassistent „Alexa“ von Amazon stehen. Bei Ihnen nicht?

Es ist wichtig, bei Geräten wie Alexa auf die psychischen und sozialen Auswirkungen zu achten. Psychologen haben bemerkt, dass Alexa Beziehungen zerstören kann. Männer reden sehr oft mit dem Sprachassistenten. Dieser ist wie eine dritte Person im Raum – und Frauen werden eifersüchtig. Forscher sprechen daher vom Camilla-Effekt in Anlehnung an die Dreiecksbeziehung zwischen Prinz Charles, Lady Diana und Camilla Parker Bowles. Wir müssen daher Technologie anhand von Beziehungsfragen selektieren, sonst werden wir in einer Welt aufwachen, wo wir durch Elektronik noch einsamer geworden sind als wir es ohnehin schon sind.

Das "Zukunftshaus" der Familie Horx in Wien-Hernals

Oona Horx mischt gerne Flohmarktstücke mit Designklassikern

Das Bad mit Holzboden wurde ein gemütlicher Raum

Die Wohnküche als Zentrum der Familie

Gerade ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind, leiden unter Einsamkeit. Was schlagen Sie vor?

Wir müssen Städte so bauen, dass Menschen ihre Kontakte zur Stadt und zu anderen Menschen halten können. Wir brauchen auch andere Wohnformen, damit die Leute sich verbunden mit anderen fühlen. Gemeinschaftliches Wohnen ist hier das Schlagwort. Architektur kann viel mehr, als Häuser zu bauen. Architektur kann Beziehungen bauen.

Das müssen Sie erklären.

Ein wunderbares Beispiel ist ein Wohnturm der Architektin Jeanne Gang in Chicago. In der Stadt wohnen viele Berufseinsteiger aus allen Landesteilen, die niemanden kennen. Sie plante ihren „Aqua Tower“ daher so, dass die Kommunikation gefördert wird. Die Balkone etwa befinden sind nicht strikt übereinander, sondern sind versetzt, sodass man von Balkon zu Balkon sprechen kann. So wie es früher der Plausch über den Gartenzaun hinweg war.

Sie sind vor acht Jahren in Ihr Zukunftshaus eingezogen. Würden Sie es heute anders bauen?

Unser Haus ist aus Holz und Stahl. Ich würde noch mehr Holz verwenden. Wir leben heute in unseren Bildschirmen, schauen ständig in Screens. Holz ist dabei so etwas wie der Gegentrend zur Digitalisierung. Es ist ein haptisches und authentisches Material. Außerdem würde ich versuchen, mit mehr vorgefertigten Teilen zu arbeiten. Das geht wesentlich schneller und ist günstiger. Für den sozialen Wohnbau sind solche Fertigungsmethoden übrigens eine große Chance. Bei meinem eigenen Haus würde ich außerdem cradle-to-cradle bauen. Also Materialien so verwenden, dass sie wiederverwertbar sind. Apropos Holz: Skandinavisches Design liegt derzeit voll im Trend. Wie lange noch?Noch länger. Es geht nicht um ein paar Decken und Polster, sondern um eine ganze Kulturweise, die am Skandinavien-Trend fasziniert. Die Leute sind entspannter, sozialer und offener. Wenn man dort um fünf Uhr nachmittags noch im Büro sitzt, wird man gefragt, ob man kein Zuhause hat und nicht heimgehen will. Die skandinavischen Länder gelten als glückliche Nationen. Für diesen Lifestyle braucht man daher eine gewisse Einstellung, ein schönes Kissen reicht dafür nicht aus.

Minimalismus war das Thema der vergangenen Jahre. Kommt nun wieder eine neue Üppigkeit?

Auf jeden Trend folgt ein Gegentrend und daraus entstehen Synthesen. Der eine Trend löscht den anderen nicht aus. Das Schöne ist, dass man heute aus vielen Strömungen für sich das Passende wählen kann. Da gibt es keine Zwänge mehr.

Gerade im Interior-Bereich gibt es immer wieder neue Stile. Erzeugt das nicht enorm viel Stress?

Meine persönliche Lösung dafür ist der Eklektizismus-Trend: Man nimmt von allem ein wenig und mischt Stile durcheinander. Es ist wichtig, sich von Trends nicht fesseln zu lassen. Ich orientiere mich am „autobiografischen Wohnen“. Ich sammele Stücke oder Möbel, die verschiedene Lebensphasen repräsentieren. Die Uhr da drüben am Regal ist beispielsweise von meiner Großmutter. Ich bin in London im Stadtteil Notting Hill aufgewachsen. Es gibt dort den berühmten Flohmarkt in der Portobello Road. Ich habe es geliebt, Sachen dort zu kaufen.

Wie schaffen Sie es, dass Ihr Haus mit Dingen nicht überquillt?

Wenn etwas Neues reinkommt, geht etwas Altes raus. Ganz einfach. Sonst hat man zuviel. Ich bringe nicht mehr verwendete Kleidung, Möbel und Haushaltsgegenstande etwa zur Caritas oder verschenke sie.

Sie sind in London aufgewachsen, Ihr Mann Matthias in Frankfurt. Was bedeutet Zuhause, wenn wir alle mobiler werden?

Wir sind zwar beide fremd in Wien, aber wir fühlen uns trotzdem hier Zuhause. Man kann sich überall Zuhause fühlen, dieses Gefühl ist nicht an einen bestimmten Ort gebunden. Man wohnt vielleicht nicht mehr unbedingt dort, wo die Familie ist, sondern wo man eine bestimmte Infrastruktur und Freunde hat. Das Gefühl des Zuhauses kann man mitnehmen. Ich muss aber zugeben, dass ich das Meer hier in Wien schon vermisse.

Wie sollten Städte gebaut sein,damit sich die Bewohner wohlfühlen?

Wir lernen derzeit sehr viel von der sogenannten Neuro-Architektur. Es geht darum, was Architektur mit unserem Hirn und unserem Verhalten macht. Die Erkenntnisse sind interessant. Ein Beispiel: Wie groß müssen Plätze sein, dass wir uns wohlfühlen? Wenn sie zu groß sind, fühlen wir uns ausgesetzt. Sind sie zu klein, spüren wir Beengung. Genau die richtige Größe haben etwa die Plätze in italienischen Städten, die wir im Urlaub so lieben.

Sie sagten einmal, dass der ideale Lebensraum des Menschen ein Dorf ist. Finden Sie das wirklich?

Das Dorf, so wie wir es von früher kennen, ist gestorben. Es gibt keine belebten Hauptplätze und keine Dorfmitte mehr, wo sich Leute treffen und flanieren gehen. Daher gefällt mir die Idee vom Dorf in der Stadt oder der Stadt im Dorf besser. Ich meine jene Gegenden, die wirklich lebendig sind. Das können Grätzel im urbanen Raum sein, die mehr Dorfcharakter haben als ein Ort im Waldviertel.

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