© ATV / Kainerstorfer

Hausbau
10/12/2012

Kein Pfusch am Bau: Genauer Bauen als früher

In der ATV-Sendung „Pfusch am Bau“ löst Günther Nussbaum-Sekora die Probleme der Bauherren. In IMMO verrät er seine besten Tipps.

von Ursula Horvath

Derzeit läuft auf ATV bereits die 5. Staffel von "Pfusch am Bau". Was ist nach rund 40 Folgen die schlimmste Geschichte, die Sie erlebt haben?

Schlimm sind alle Geschichten. Wir hatten einen Fall mit einem sehr netten, behinderten jungen Mann, er war Mieter in einer Substandard-Wohnung und kämpfte jahrelang mit dem Vermieter, um den massiven Schimmelbefall aus dem Bad zu bekommen. Der meinte immer nur lapidar: Sie lüften falsch. Es stellte sich heraus dass am Dachboden vier Quadratmeter Dämmung fehlten. Lebensgefahr wegen kaum 20 Euro für Dämmmaterial. Da hängt man genauso dran wie am für den Zuseher wesentlich spektakuläreren Fall einer voll ausbezahlten Rohbau-Ruine. Da hatten eine alleinstehende Dame und ihre Tochter bereits den vollen Hauspreis bezahlt. Sogar der Treuhänder hat hier mit dem korrupten Bauträger gemeinsame Sache gemacht. Die Frau war selbstmordgefährdet. Da schlafe dann auch ich schlecht

Wie vielen Bauherren konnten Sie durch die Sendung helfen bzw. gab es auch Fälle, die nicht "gelöst" werden konnten?

Als Grundregel kann man sagen, dass wir in allen Fällen wo der Vertragspartner noch existent war, helfen konnten. Die Bauwirtschaft fürchtet sich vor der Öffentlichkeit mehr als den ohnehin hoffnungslos überforderten und überlasteten Gerichten. Bei dubiosen Auslandsfirmen und insolventen Firmen können auch wir nicht mehr helfen. Aber wir schaffen es dann immer wieder, bei den guten Firmen gute Nachlässe auszuhandeln. Ich würde sagen, wir liegen bei einer Erfolgsquote von 50 Prozent. Die anderen bekommen dann wenigsten ihre Genugtuung und den Gedanken andere gewarnt und informiert zu haben.

Sie beraten Betroffene auch mit Ihrem Verein bauherrenhilfe.org und kennen daher viele Schicksale und Geschichten: Was ist der häufigste Fehler, den Bauherren machen? In welche Falle tappen die meisten?

Der Kardinalfehler bei fast allen unseren Fällen war die Blauäugigkeit bei der Auftragsvergabe. Eine einfache Online-Anfrage bei der Wirtschaftskammer unter www.wko.at hätte aufgedeckt, dass es die jeweilige Firma entweder gar nicht gibt, oder sie keine entsprechenden Gewerbescheine hat. Bei Auslandsfirmen geht es –unserer Statistik nach – zu 98,5 Prozent in die Hose.

Wie oder woran erkennt man denn als Laie unseriöse Anbieter?

Ein Patentrezept gibt es dazu leider nicht. Auch Daten von Kreditauskunfteien sind oft nicht aktuell. Aber dennoch: Eine Bonitätsauskunft zu den wirtschaftlichen Verhältnissen ist ein Muss, kostet weniger als 100 Euro, die Online-Auskunft zu den gewerberechtlichen Kompetenzen ist bei der Wirtschaftskammer kostenfrei. Internetrecherchen sind ok, aber Achtung: In den Foren wird gelogen und betrogen. Hier gibt es Aufklärungsbedarf. Es ist persönliches Engagement gefragt, es sollte kein Auftrag erteilt werden ohne den Unternehmer in seinen Geschäftsräumlichkeiten zu besuchen. Oft haben unsere "Pfuscher" nur ein kleines Mietbüro, kein Lager, keine Werkstatt. Die sind dann auch bald wieder weg, nichts ist auf eine lange Existenz ausgelegt.

Was ist Ihr wichtigster Tipp für Bauherren?

Da möchte ich zwei nennen: Zum Einem immer vor der Auftragsvergabe die Firma auf Herz und Nieren prüfen, zum Anderen keine Vorauszahlungen leisten, Geld darf immer nur nach mängelfreier Leistung den Besitzer wechseln.

Wie kann man Fehler während der Planung und in der Bauphase vermeiden?

In meinem Buch widme ich der Planungsphase besonders viel Aufmerksamkeit. Das beginnt schon der gründlichen Recherche was kann und will ich mir leisten und geht weiter zur Suche nach dem problemfreien Grundstück. Entweder entscheidet man sich für einen renommierten Fertighausanbieter, dann reduziert sich die Planungsphase wesentlich. Oder man baut individuell und massiv, dann empfiehlt sich ein Architekt. Aber Achtung, nicht alles was plant, glänzt auch. Eine sinnvolle Detailplanung kann ein Architekt alleine in der Regel nicht leisten. In den meisten Fällen ist die gesetzliche Gewährleistung das Papier nicht wert. Der einzige wirksame Sofort-Schutz ist eine externe Qualitätssicherung, eine Baubegleitung durch einen Fachmann.

Haus fertig, aber leider unbewohnbar: Was tun, wenn es bereits zu spät ist? Wie können sich Bauherrn wehren, wenn gepfuscht wurde?

Unbewohnbar ist hart. Schritt 1: Über einen Gutachter alle Mängel feststellen lassen. Der darf und kann zwar keine Rechtsberatung leisten, aber vorab ist am wichtigsten zu wissen ob und in welcher Form Mängel vorliegen. Schritt 2: Zu Beginn genügt es, wenn der Gutachter eine einfache Mängelliste erstellt, ein aufwendiges Gutachten ist meist nicht nötig. Diese Mängelliste schicken Sie selbst an den Vertragspartner, mit der Aufforderung zur Stellungnahme und Mängelbehebung innerhalb einer angemessenen Frist. In der Regel reichen für die Stellungnahme ein paar Tage. Reagiert Ihr Vertragspartner nicht folgt Schritt 3: Konsultieren Sie einen auf Baurecht spezialisierten Rechtsanwalt. Sie können ja nun schon qualifiziert alle Mängel auflisten. Das hilft ihrem Anwalt!. Schritt 4: Reagiert Ihr Vertragspartner nun auch trotz Anwaltsschreiben nicht bleibt nur mehr der Gerichtsweg. Vermeiden Sie das soweit als möglich, schrecken Sie davor aber auch nicht zurück. Die Bauwirtschaft kann wie ein wildes Tier sein:Wenn Sie Angst zeigen werden Sie erst recht gefressen.

Manchmal entdeckt man einen Fehler oder Mangel erst, nachdem man bereits viele Jahre in dem Haus gewohnt hat. Wie soll man dann am besten vorgehen?

In der Regel ist das kein Problem. Im Unterschied zur dreijährigen Gewährleistungsfrist können Sie bis zu 30 Jahre unter dem Titel "Schadensersatz" klagen. Mit dem Unterschied dass nun eine Bewertung nicht mehr vordergründig nach Normen und Richtlinien stattfindet. Nun müssen Sie einen Schaden nachweisen! Im Gegensatz zur landläufigen Meinung muss dass aber nicht nur der akute Gebäudeschaden sein. Auch eine verringerte Haltbarkeit und ein wesentlich erhöhter Energieverlust ist "ein Schaden".

Vor wenigen Tagen ist Ihr Buch zur Sendung erschienen. Wie kam es zu der Idee? Was war Ihnen bei dem Buch besonders wichtig?

Ich habe Blut geleckt. Die Öffentlichkeitsarbeit habe ich vor Jahren mit unserem Internet-Vereinsportal begonnen. Es war ungemein befriedigend festzustellen wie effizient Öffentlichkeitsarbeit ist. Darauf ist auch ATV aufmerksam geworden, prompt hat mich Martin Gastinger kontaktiert und gefragt ob ich "Pfusch am Bau" machen möchte. Die logische Konsequenz war neben Internet und TV nun auch ein Buch zu schreiben. Eine zweistündige Bauberatung kostet rund 600 Euro, das Buch 19,90. Nun hoffe ich auf das Feedback dass mein Buch genauso gut ist wie meine Bauberatungen. Nicht dass ich keine Bauberatungen machen möchte, aber ich kann ja sowieso nicht mehr als arbeiten. Meine Arbeit ist meine Berufung, ich weiß nicht warum, aber ich möchte neben dem Zwang zum Geldverdienen auch und vor allem etwas bewirken.

Was ist "state of the art" beim Hausbau?

Viele Wege führen nach Rom, prinzipiell alles was erprobt ist und fachgerecht verarbeitet wird. Ich rate aber dringend von ökologisch bedenklichen Bauweisen wie "Polystyrol-Ziegeln" und dergleichen ab. Im Buch beschreibe ich aber nicht "die Bausysteme dieser Welt"; sondern meine Empfehlungen und Tipps. Ich würde entweder Holzmassiv mit Außendämmung oder Ziegelmassiv Ohne Außendämmung bauen. Eines soll dabei im Vordergrund stehen: Schadstoffemissionen vermeiden. Hier wird sehr viel gelogen, dazu möchte ich im Besonderen informieren.

Passivhaus, moderne Heizung, Dachgarten, etc: Ist bauen komplizierter geworden? Und gibt es dadurch mehr Baumängel als früher?

Ein Passivhaus zu bauen ist um nichts komplizierter, im Gegenteil die Haustechnik kann einfacher sein. Und die Energiekostenersparnis macht das Leben danach jedenfalls leichter. Das Problem sind die Anbieter, Änderungen werden oft als wirtschaftliche Bedrohung empfunden und abgelehnt. Der Kunde dann um seine Chance betrogen. Aber zum Teil stimmt es schon, die Technik ist nicht komplizierter geworden, nur nicht mehr so fehlerverzeihend. Während früher die Gebäudehülle an allen Enden und Ecken luftundicht war ist heute kein Leck mehr zu finden. Baufehler wirken sich wesentlich schneller und massiver aus. Es muss genauer gebaut werden.

Worauf muss man achten, wenn man ein Haus oder eine Wohnung vom Bauträger kauft? Was sind hier die häufigsten Probleme und Mängel?

Neben dem Kauf einer gebrauchten Immobilie kann man entweder den Hausbau selbst organisieren, einen Fertighausanbieter beauftragen oder eine Immobilie mitsamt Baugrund vom Bauträger erwerben. Beim Bauträger hat man kaum Einfluss auf die Bauqualität, der ist den Zwängen der Profitoptimierung unterworfen. Bei Bauträgerhäusern haben wir statistisch gesehen die billigsten Baumaterialien, die höchsten Instandhaltungs- und Erneuerungsintervalle und die geringste Lebensdauer. Da gibt es eine gewissen Spannung zwischen den Wünschen der Käufer und den wirtschaftlichen Bedürfnissen des Bauträgers. Da beschäftige ich mich auch sehr intensiv in meinem Buch damit, Fallen lauern da zur Genüge.

Wie wohnen Sie selbst? Was war Ihnen bei Ihrem eigenen Haus am wichtigsten?

Ich lebe wie ich denke wie ich arbeite. Das kann ich nicht trennen. Ich hab den weltweit ersten Plus-Energie-Passivhaus-Dachboden geplant und teilweise selbst gebaut. Dabei ausschließlich ökologische Materialien verwendet, Ton-Lehmputze, Solaranlage, Photovoltaik, Latentwärmespeicher statt Wasserspeicher und eine Regelungstechnik die sich ausschließlich haustechnischen Bedürfnissen unterwirft. Statt einer Klimaanlage speicherfähige Dämmstoffe und Fenster die in der kühlen Sommernacht automatisch aufgehen. Ein Experiment wie das Leben selbst.

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