© Oliver Wolf

schaden Lebensräume
09/23/2013

Holzkastenfenster: Eine Frage der Tradition

Seit mehr als 125 Jahren und in sechster Generation: Schaden Lebensräume hat sich auf die Sanierung von Holzkastenfenstern spezialisiert. IMMO hat den Betrieb in der Steiermark besucht.

von Ankica Nikolić

Die Hauptstrasse ist leer gefegt. Es herrscht absolute Stille. Nur ein leises, monotones Motorengeräusch aus einem Gebäude am Ortsende dringt heraus. Hinter den riesigen Portalen, inmitten der südoststeirischen Marktgemeinde Jagerberg, befindet sich die Firma Schaden Lebensräume. Im Eingangsbereich stapeln sich Fenster- und Türrahmen übereinander. Auf einer Palette werden gerade fertig sanierte Elemente einsortiert. Mittendrin koordiniert Florian Schaden das Geschehen. Gemeinsam mit Vater Anton und Bruder Christoph wird der 125 Jahre alte Betrieb, heute bereits in sechster Generation geführt. „Die Anforderungen an eine Tischlerei haben sich sicherlich verändert, aber der Anspruch an das Handwerk selbst wird immer die wichtigste Komponente bleiben“, erklärt Florian Schaden. „Wir haben die Möglichkeit historisch authentisch zu sanieren, das ist vor allem bei denkmalgeschützten Gebäuden ein wichtiger Aspekt.“

Die Sanierung und Restaurierung von Holzkastenfenster hat sich seit knapp neun Jahren zum Kerngeschäft für das 50 Mann starke Unternehmen entwickelt. Etwa 70 Prozent der Arbeitszeit nimmt das Aufbereiten von alten und zum Teil historischen Fenstern und Türen in Anspruch. Die restlichen 30 Prozent widmet das Unternehmen der klassischen Innenraumausstattung. Derzeit werden in der Tischlerei 300 Fenster mit jeweils sechs bis acht Flügeln für das Goldene Quartier in Wien (Tuchlauben und ehemalige Länderbankzentrale) aufbereitet. Ein Mammutprojekt. Neben Sanierungen für das Naturhistorische Museum in Wien und die Hofburg zählt das Goldene Quartier bisher zum größten Projekt des Unternehmens. Landet ein desolates Fenster in der Produktion, werden im ersten Schritt Schadstellen dokumentiert, Beschläge abmontiert, Kittränder entfräst, die Rahmen kurz angeschliffen und die Elemente vorsichtig entglast. Manfred Pachernegg ist seit einem Jahr für die Tischlerei tätig und kümmert sich darum, dass beim Entglasen kein zusätzlicher Schaden am Rahmen entsteht. Beim Ausglasen ist Fingerspitzengefühl gefragt. Das komplette Fenster wird in all seine Einzelteile zerlegt. Jedes Element muss von Hand bearbeitet werden. Für Sanierungen gibt es keine maschinellen Lösungen. Nach der Bearbeitung des Fensterrahmens werden neue Scheiben eingesetzt und versiegelt. „Bei den Gläsern kommt es darauf an, ob man etwa einen zusätzlichen Schall- oder thermischen Schutz erzielen möchte. Bei einer Einfachverglasung bewegt sich die Stärke zwischen 6 bis 8 mm, bei einer Doppelverglasung zwischen 14 bis 255 mm. Doch die Profilstärke des Rahmens legt dabei den Spielraum fest“, erklärt Schaden.

Im obergeschoss der Produktion lagern die vorgetrockneten Hölzer. Zum Großteil stammen sie aus heimischen Wäldern. Lärche wird am häufigsten verwendet, sie ist besonders feuchtigkeitsresistent und das authentischste Material für die Sanierung von historischen Holzkastenfenstern. Fichte und Tanne eignen sich ebenfalls. Insgesamt werden pro Jahr etwa 80 bis 100 Kubikmeter verbraucht. „Die gröbsten Fehler passieren bei der fehlerhaften Instandhaltung. Viele glauben, nach einem Anstrich ist alles getan, doch das stimmt leider nicht. Denn meist werden hierfür keine atmungsaktiven Farben verwendet. Auf der Oberfläche sieht es zwar wie neu aus, aber der Rahmen selbst ist meist morsch und kann brechen“, beschreibt Schaden. Dasselbe gilt auch für alte Flügeltüren. „Hier sind vor allem die Füllungen betroffen. Meist müssen dann ganze Querfrieshölzer heraus genommen, reproduziert und neu zusammengesetzt werden.“

Authentizität ist ein weiterer wichtiger Punkt im Alltag der Tischlerei. Markus Kern bereitet gerade Beschläge neu auf. Mithilfe eines feinen Sandstrahls werden diese von Schmutz befreit. Eine komplette Säuberung erreicht man nur, indem sämtliche Einzelteile der Beschläge in ein Säurebad eingelegt werden. Je nach Kundenwunsch wird auch dieses Verfahren angeboten. Ebenfalls eine Arbeit, die ausschließlich von Hand erledigt werden kann.

Im Fachjargon nennt man diese historischen Beschläge Fitschenbänder. Das Tür- und Fensterscharnier wird nicht wie heute üblich aufgeschraubt, sondern eingestemmt. Mit einer Stemmmaschine oder manuell mit einem Fitscheneisen werden Schlitze in das Holz des Fensterflügels oder des Türblattes und den Rahmen gemacht. Hier wird dann je ein Bandlappen des Fitschenbandes eingesteckt. Anschließend werden durch Rahmen und vorgebohrte Löcher im Band Metallstifte (sogenannte Fitschenbandstifte) gesteckt, die das Band fixieren. Diese Technik war bis Anfang der 1960er-Jahre weit verbreitet. „In Österreich gibt es derzeit nur drei Maschinen, die diese Bänder produzieren. Eine davon steht hier. Wir haben sie auf einem Flohmarkt ersteigert und Messerklingen anfertigen lassen und können nun Fitschenbänder selbst erzeugen“, erklärt Schaden. „Eine originalgetreue Verarbeitung wird durch solche historische Maschinen überhaupt erst möglich gemacht.“ Für jedes Fenster wird eine individuelle Fräsung für das Profil angefertigt. Mehr als 100 Exemplare davon findet man in den Schubladen der Werkstatt. Bei Kommissionsaufkäufen wird regelmäßig nach historischen Beschlägen Ausschau gehalten, um sie vor Ort neu aufzubereiten.

Der betrieb widmet sich aber nicht nur alten Modellen und hat in den letzten Jahren ein neues Holzkastenfenster aus Eiche entwickelt. In Kombination mit moderner Architektur können damit spannende Kontraste gesetzt werden. Traditionelles Handwerk und alte Techniken sind ein wichtiger Grundstein für die heutige Baukultur. Ohne dem Wissen von früher hätten etwa Hausfassaden mit alten Kastenfenstern wenig Überlebenschance. Und das wäre doch schade.

Das Unternehmen wurde im Jahre 1888 vom Kunsttischler Anton Gutmann in Jagerberg gegründet. Im Jahr 1929 übernimmt sein Schwiegersohn Florian Schaden den Betrieb und schafft die ersten Maschinen an. Er war es auch, der die für die Gestaltungsphilosophie des Unternehmens heute noch gültigen Maßstäbe gesetzt hat.1949 übernimmt Anton Schaden die Leitung, 1978 folgt ihm sein Sohn Anton, der die Tischlerei auf Innenarchitektur spezialisiert. Zwanzig Jahre später wird der Name des Unternehmens in „Schaden Lebensräume“ geändert. Das Unternehmen ist im Privatkundengeschäft (Einrichtung von Lebensräumen) und im Projektgeschäft tätig, hier besonders in der Sanierung historischer Kastenfenster. Mittlerweile zählt das Unternehmen rund 50 Mitarbeiter. Heute wird der Betrieb von Anton Schaden und seinen Söhnen Christoph (Bereich Renovierung alter Holzfenster) und Florian (Bereich Innenarchitektur) geführt. Die Spezialisierung auf die Sanierung von Holzkastenfenster zählt seit neun Jahren zum Kerngeschäft des Unternehmens.

www.schaden.co.at

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