Baugruppen: Zusammen baut man weniger allein

Baugruppe, Haberlgasse…
Foto: Kurier/Juerg Christandl Haberlgasse 81: Die zehn Mitstreiter standen bereits vor Baustart fest

Sie planen Wohnungen nach eigenen Vorstellungen, sorgen für lebendige Nachbarschaften und sind ein Fixpunkt jedes Stadtentwicklungsgebietes. Bis Baugruppen ihr fertiges Zuhause beziehen, ist jedoch ein weiter Weg zurückzulegen. Wie dieser aussieht? Eine Erkundung.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass wildfremde Menschen durch das Wohnzimmer spazieren, einen Blick ins Bad werfen, die Küche inspizieren. Karin Pernkopf steht etwas abseits, wartet geduldig, lächelt, beantwortet Fragen. Sie kennt das Prozedere. Drei Führungen waren es bis dato. "Jetzt wird es ein bisschen ruhiger werden.""Haberlgasse 81" steht auf dem Adressschild. Es ist ein Neubau mit großzügigen Balkonen, der sich in das Ensemble der Straße in Wien-Ottakring zurückhaltend einfügt. Ein Gebäude, das jedoch Interesse weckt. Es wurde in einer Gruppe geplant und umgesetzt. Zehn Parteien, die sich nicht gekannt haben, aber ihr zukünftiges Zuhause nach eigenen Vorstellungen gestalten wollten.

… Foto: Christina Häusler Die Wohnungen beinhalten einen großen Allraum, die restlichen Zimmer sind kompakt

Das Prinzip Baugruppe ist ein erprobtes Mittel, um Wohnraum abseits des Standardprogramms zu errichten. "Sie werden heute als Stadtentwicklungsmotoren erkannt, weil sie sich etwas trauen und die Möglichkeit haben, Dinge anders zu machen", sagt Ernst Gruber, Obmann des 2009 gegründeten Vereins Initiative für Gemeinschaftliches Bauen und Wohnen. So entstehen immer wieder neue Formen des Zusammenlebens, innovative Grundrisse. Zudem werden Gewerbeflächen oftmals ebenso selbstverständlich integriert wie Gemeinschafts- und Kulturangebote.

Neue Stadtviertel: Erste Felder für Baugruppen reserviert

Die ersten Areale in aspern Seestadt waren für Baugruppen vorgesehen. Auch im Sonnwendviertel oder am Nordbahnhofgelände sind partizipative Projekte ein fixer Bestandteil. "Sie übernehmen eine Verantwortung im Städtebau, sind oft die Ersten, die Grätzelfeste, Carsharing oder Kinderbetreuungsangebote organisieren – Angebote, die die Umgebung beleben", sagt Gruber. Trotzdem ist es ein Modell, das polarisiert.

Drei Jahre Lebenszeit müsse man in ein solches Projekt investieren, sagt Arnold Brückner (KABE Architekten). "Das ist nichts für jeden." Er zeichnet für die Planung des Objektes in der Haberlgasse verantwortlich, brachte Karin Pernkopf auf die Idee einer Baugruppe. Bedenken müsse man die oftmals hohen Eigenmittel, selbst im geförderten Wohnbau befindet man sich meist im höheren preislichen Segment. Wer die Anonymität des Großstadtlebens schätzt, wird auch abwinken. Denn ein solcher Neubau wird von der Pike auf entwickelt – und zwar in allen Phasen gemeinsam. Man lernt sich kennen. Für viele macht aber genau das den Reiz aus.

Baugruppe, Haberlgasse… Foto: Kurier/Juerg Christandl Architekt Arnold Brückner und Initiatorin Karin Pernkopf

Regelmäßige Treffen, intensive Diskussionen

"Wir haben so lange über Details debattiert, bis jeder Einzelne einverstanden war", erinnert sich Christine Elkner. Die Lehrerin ist Mitinitiatorin des Pionierprojektes Sargfabrik, das Ende der 80er-Jahre in Wiens 14. Bezirk vom Verein für Integrative Lebensgestaltung (VIL) ins Leben gerufen wurde. Eine alternative, gemeinschaftliche Wohnform, die für viele Baugruppen bis heute als Vorbild fungiert. "Manche Leute schlagen die Hände über den Kopf zusammen, wie furchtbar lange so ein Prozess dauert. Aber wir haben uns die Zeit genommen – und ich glaube, dass die Qualität heute noch spürbar ist."

… Foto: Wolfgang Zeiner Sargfabrik (1996): Über die Gestaltung diskutierten die Mitglieder des VIL lange

Dabei wird u. a. die Ausrichtung der Baugruppe festgelegt, welche Gemeinschaftsbereiche geplant sind, von der Energieversorgung bis zu den Grundrissen der Einheiten diskutiert. Meist bilden sich Arbeitsgruppen, die die jeweiligen Themen vertreten. "Geduld, Zuversicht und Offenheit sollte man auf jeden Fall mitbringen", meint Elkner. "Es ist ein persönlicher Entwicklungsprozess: nicht nur zu reden, sondern auch zuzuhören. Zurückstecken lernen, Abstriche machen, aufeinander zugehen."

Bevor es so weit ist, muss jedoch einmal die passende Gruppe gefunden werden. "Wer sich engagieren möchte, sollte zuerst das bestehende Angebot sondieren", rät Gruber. Der Newsletter seines Vereines informiert regelmäßig über aktuelle Projekte. So werden etwa im nördlichen Teil der Seestadt Baugruppenfelder ausgeschrieben, im Wohnquartier Wildgarten am Rosenhügel, das bis 2022 entsteht, sind drei Plätze vorgesehen. Auch KooWo im steirischen Volkersdorf, ein Vorhaben der erste Genossenschaft für gemeinschaftliches Wohnen WoGen, freut sich über Anfragen.

Eine weitere Option? Ein eigenes Team bilden. In so einem Fall muss einen Bauträger finden oder ein Konzept bei einem Wettbewerb einreichen sowie eine entsprechende Finanzierung bereitstellen. Neben einem Architekten empfiehlt es sich, ein Kommunikationsbüro zurate zu ziehen, das in der Moderation solcher Prozesse Erfahrung hat.

Eigentum: Baulücke in Ottakring als Pionierprojekt

Einen eigenen Weg hat Karin Pernkopf eingeschlagen. Sie hielt die fünfzehn Meter lange Baulücke im 16. Bezirk für geeignet, erwarb das Grundstück und suchte nach Mitstreitern. Ein Ausnahmefall – meist sind Entwickler schneller. "Es ist insofern auch keine typische Baugruppe, weil es nie darum ging, miteinander zu wohnen oder die Freizeit zu verbringen – sie wollten gemeinsam ein Haus bauen, weil sie ähnliche Ziele verfolgt haben", sagt Architekt Brückner.

Mit dem Projekt Grätzelmixer plant der Deutsche die nächste Baugruppe, diesmal im Sonnwendviertel. Und diesmal wird er selbst ein Apartment beziehen. "Natürlich ist der Betreuungsaufwand hoch. Aber dafür arbeitet man direkt mit dem zukünftigen Nutzer zusammen."

… Foto: Markus Kaiser Zeitgemäß umgesetzt wurde ,JAspern' (COFABRIC, pos Architekten) in der Seestadt

Miete: Alternative zum Erwerb

"Es ist am zugänglichsten, weil innerhalb der Planung und Entwicklung mit Parametern des standardisierten Wohnbaus gearbeitet wird", sagt Gruber. Das bedeute zwar eine Spur weniger Einflussmöglichkeit, dafür ein niederschwelliger und meist günstigerer Zugang. In der Bundeshauptstadt machte sich diesen das frauenwohnprojekt [ro*sa] ebenso zunutze wie Que[e]rbau oder Pegasus.

Wohnheim: Adäquate Rechtsform

In Wien werden Baugruppen überwiegend als Wohnheim errichtet. "Die Rechtsform ist für deren Idee die adäquateste. Anstelle von Miet- werden Nutzungsverträge vergeben." Der Verein, der dafür gegründet wird, besitzt und verwaltet das Haus, seine Mitglieder übernehmen einen Grund- und Eigenmittelanteil – zieht man aus, fällt die Wohnung an den Verein zurück, der Anteil wird retourniert. Zu zahlen sind meist das Wohnbaudarlehen und die Betriebskosten.

… Foto: Wolfgang Zeiner Das Pionierprojekt ,Sargfabrik' wurde als Wohnheim errichtet

Beliebt ist dies deswegen, weil die Förderung u. a. auch Gemeinschaftsflächen berücksichtigt und andere Mobilitätskonzepte ermöglicht. Dafür erhalten Bewohner jedoch z.B. keine Wohnbeihilfe – der Verein VIL der Sargfabrik hat stattdessen einen eigenen Sozialfonds aufgestellt. Der Bau im 14. Bezirk ist ebenso ein Wohnheim: Er beherbergt einen Kulturbetrieb, einen Kindergarten, ein Café sowie ein Badehaus.

Ehrenamtliche Arbeit und das Miteinander wird großgeschrieben, Gemeinschaft regiert anstelle von Egoismus. Die luftigen Wohnungen nach den Plänen des Büros BKK-2 (heute BKK-3) rund um Johnny Winter seien wunderschön, sagt Elkner. "Aber wenn jemand nichts mit Menschen zu tun haben möchte, gibt es sicherlich andere Optionen."

Großes Interesse

Die Wartelisten sind lang – trotz eines zusätzlichen Gebäudes, das vier Jahre später hinzugefügt wurde. Zwar ist das Angebot an Baugruppen mittlerweile gestiegen, dennoch gibt es leichtere Optionen, ein neues Zuhause zu finden. "Die Zeiten haben sich verändert: Menschen arbeiten mehr und haben weniger Geld. Viele können es sich nicht leisten, ewig in Arbeitskreisen zu sitzen", sagt Gruber. Sein Verein bietet Hilfestellung an. "Wir beschreiben die Abläufe, machen sie wiederholbar – das Rad muss nicht neu erfunden werden. Und niemand am womöglich zu großen Aufwand scheitern. Es geht ja auch effizient."

… Foto: Schreiner Kastler Bis 2022 entsteht das Quartier ,Wildgarten': Drei Felder sind für Baugruppen reserviert

Als sich die Besucher von Karin Pernkopf verabschieden, meint sie: "Es war ein Risiko, das sich gelohnt hat." Christine Elkner geht es genauso. Zur 20-Jahr-Feier der Sargfabrik tanzte sie mit ihren Mitbewohnern in den Morgen. Die meisten sind zu Freunden geworden. "Das soll nicht wie ein Kitschroman klingen. Aber es ist ein schönes Zusammenleben."

Information: Die erste Infoveranstaltung für das neue Baugruppenverfahren "Aspern Nord" wird am 12.Dezember statt finden. Weitere Hinweise und eine Übersicht zu aktuellen Projekten auf: www.gemeinsam-bauen-wohnen.org

Links zu den vorgestellten Projekten:

www.morgen-wohnen.at

www.sargfabrik.at

www.wildgarten.wien

www.diewogen.at

(kurier) Erstellt am
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