Wirtschaft | Immobiz
12.09.2018

Architektur und Wein: Gut gebaute Jahrgänge

Lieblich im Anblick und feinherb im Abgang: Winzer verwandeln ihre Produktionsstätten in architektonische Meisterwerke.

Die „Hall of Legends“, ein City Center und eine eigene Landkarte. Was nach einem herbstlichen Städtetrip klingt, beschreibt einen Ausflug ins burgenländische Andau auf das Weingut Scheiblhofer, oder wie es Winzer und Gutsherr Erich Scheiblhofer sagt: Scheiblhofer City. „Eine Führung durch unser 75 Hektar großes Grundstück erinnert an einen Wandertag“, scherzt der Winzer. Ein großes Gebäude, das in der Nacht ein rot leuchtendes „S“ zeigt, weist Besuchern den Weg auf das Weingut. „Das Haus war lange Zeit eine einfache Produktionsstätte. Wir wollten das Weinerlebnis für unsere Kunden auf eine neue Stufe heben und dazu gehört ein echtes Prunkstück der Architektur“, so Scheiblhofer. Auf die Kritik der Dorfbewohner, das leuchtende „S“ passe eher in das amerikanische Los Angeles, antwortet Scheiblhofer gelassen: „Ein bisschen Hollywood schadet nie.“

Das Weingut ist über die Jahre gewachsen und sukzessive vergrößert worden. 1200 Quadratmeter umfasst die sogenannte „Hall of Legends“, die häufig als Eventlocation und auch für Seminare und Weinschulungen genutzt wird. Er wolle nicht protzen, der Qualität des österreichischen Weins aber eine gerechte Umgebung bieten. Daher baut der Winzer seit mittlerweile 18 Jahren den Weinhof um. Angefangen hat alles im Jahr 2000. Damals wurden die ersten Eventräume gebaut und in diesen Tagen werden die letzten Türen in die neuen Lagerhallen eingesetzt. Beim Bau sei auch auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz geachtet worden. Das zeigen die Fotovoltaikanlage und eine energieautarke Weinerzeugung. „Jetzt ist am Hof alles so, wie ich es haben will“, sagt Scheiblhofer. Dafür investierte der Winzer über zehn Millionen Euro. Fertig ist der Visionär aber noch lange nicht. Nachdem die fünf Doppelzimmer, die am Weingut ganzjährig vermietet werden, bis Mitte 2019 ausgebucht sind, plant er nun den Bau eines Hotels in Andau. „Es ist das letzte Mosaikstück, das das Weingut als Eventlocation auf ein neues Level hebt“, sagt der Winzer. Die Menschen kommen immer mehr auf den Geschmack einer Wein- und Genussreise.

Moderne Architektur, traditionelle Bauweise

Dieses Phänomen ist nicht nur in Burgenland, sondern in allen Weinregionen Österreichs zu beobachten. So auch in Niederösterreich. Die Winzerfamilie Alois und Nicole Höllerer hat beim Umbau ihrer Privaträume 2017 am Weinhof in Engabrunn auch gleich an Gästezimmer gedacht. Die Nachfrage sei hoch und steige stetig. „Die Menschen schätzen, dass das Gebiet touristisch noch unerschlossen und daher sehr ruhig ist“, so der Winzer. Für den Anbau wurden die Winzer und die Innsbrucker Imgang Architekten mit dem „Holzbaupreis Niederösterreich 2018“ ausgezeichnet. „Das Haus ist seit 1808 in Familienbesitz und seither nie im Stillstand. Es wurde immer wieder renoviert. Manche Mauern sind aber trotzdem mehrere hundert Jahre alt“, erzählt er. Diese Teile zu erhalten und den Spagat zwischen moderner Architektur und traditioneller Bauweise zu schaffen, sei eine spannende Herausforderung gewesen. „Schließlich wussten wir nie, was hinter den Mauern zum Vorschein kommt“, so der Winzer. Die Auszeichnung erhielten sie aber auch für die Nachhaltigkeit des Baus: „Wir haben heimische Lärchenbretter verwendet, weil sie leicht sind und wir nicht wussten, wie viel Gewicht das Fundament tragen kann“, erklärt Höllerer. Außerdem passe das Holz gut zur puristischen Philosophie des eigenen Weins.

Ein Herzensprojekt

Für die Imgang Architekten wurde die Planung des Weinguts zu einem Herzensprojekt. „Man tritt sehr tief in diese Welt ein und lernt viel über die Vorzüge und Schwierigkeiten, mit denen die Winzer täglich leben“, erzählt Architekt Christoph Milborn. Die Philosophie der Bauherren, die Stimmung am Hof und die Umgebung nehme großen Einfluss auf die Planung der Architektur. Beim Umbau eines Weinguts spielt auch der Zeitplan eine entscheidende Rolle. Denn gebaut werden kann nur während der lesefreien Zeit, zwischen November und August. Das weiß auch Architekt Thomas Tauber. Seit zwanzig Jahren plant er Weingüter. Für ihn war und ist jeder Auftrag anders. „Der Bau eines Weingutes ist stark abhängig von der Philosophie des Winzers“, erklärt Tauber. Manche Winzer lagern die Trauben im Keller und nutzen die Bodentemperierung, andere haben ebenerdige Lagerhallen. „Wo die Trauben in das Gebäude kommen und verarbeitet werden, wie sie in den Tank gelangen und wieder herausgeholt werden, ist wichtig, um das Weingut funktionell umbauen zu können“, so der Architekt.

Die Zukunftsplanung der Winzer sei ebenfalls entscheidend und auch die Frage nach einer potenziellen Vergrößerung des Weinguts. Darauf fand der südsteirische Winzer Stefan Krispel 2014 eine Antwort. Er vergrößerte seinen Keller und holte somit die fünffache Kapazität an Weingewinnung heraus. Dafür investierte er damals 2,5 Millionen Euro. Pläne für einen neuerlichen Zubau liegen auch heute wieder am Tisch. „2020 werden wir den vorderen Verkaufsbereich und den dahinter liegenden Keller miteinander verbinden und so den Gebäudekomplex zusammenschließen“, erzählt Krispel.

Generationskonflikte nicht ausgeschlossen

Neben der Vergrößerung des Weinguts ist auch die Art der Verarbeitung der Trauben eine Grundsatzfrage für die Winzerfamilien. „Manchmal entstehen Generationenkonflikte, weil die Jungen den Hof zwar übernommen haben, die Älteren aber noch mitreden und aus einer Zeit stammen, in der es keine Computertechnik gab, sondern der Wein noch in Kellerröhren hergestellt wurde“, erklärt Tauber.Mit der Planung des Weinguts Alzinger stand Tauber zwar nicht vor dieser, dafür aber vor einer anderen Herausforderung: Der Hof befindet sich mitten im Ort und sollte modern strukturiert werden und sich gleichzeitig in das Weltkulturerbe der Wachauer einfügen. „Der Keller ist mit rund 300 Jahren der älteste Teil unseres Hofs. Den wollten wir natürlich unbedingt bewahren“, so Leo Alzinger. Deshalb verwendete Tauber, genauso wie Milborn beim Weingut Höllerer, Lärchenholz für den Anbau. Die Bretter sind leicht genug für den darunter liegenden Keller. „Außerdem verleiht die Lärchenverschalung dem Objekt eine gewisse Kleinteiligkeit und eine zartere Betrachtung als ein Betonbau“, erklärt Tauber.

Im Sinne der Anpassung an das Landschaftsbild blieb auch das Giebeldach bestehen und wurde lediglich angehoben. Darunter sind nun Wohnungen für Mitarbeiter und im vergrößerten Erdgeschoß findet die Weinproduktion statt.Ein Keller der besonderen Art steht seit 2016 auch am Weingut Müller in Krustetten, Niederösterreich. „Wir haben unseren Hof in den vergangenen 25 Jahren von sieben auf 120 Hektar vergrößert und kontinuierlich auch den Keller angepasst“, erzählt Leopold Müller. Dabei haben die Winzer die Lage genutzt und sechzig Prozent des Kellers in den Hang integriert. „Für unsere Weinproduktion arbeiten wir mit Gravitation und der Temperatur des Bodens“, so Müller weiter. Das Weingut ist nachhaltig zertifiziert und der Umbau wurde ohne weiteren Bodenverbrauch ermöglicht. „Wir konnten die umliegenden Bauernhofgründe unserer Nachbarn kaufen und haben dann mit Naturstein, Holz und Glas gearbeitet, um so wenig Fläche wie möglich versiegeln zu müssen“, so Müller. Dafür investierten sie insgesamt 4,5 Millionen Euro. Wichtig sei es, die langfristige Bodenfruchtbarkeit zu erhalten. „Denn das bedeutet mehr Kunden, mehr Umsatz und vor allem mehr Wein.“