Nachhaltigkeitsexperte mahnt: „Klimaanlagen sind der falsche Weg“
Draußen hat es 35 bis 40 Grad und alle träumen von der hauseigenen Klimaanlage. Sie schafft individuelle Linderung, jedoch: Experten sagen, dass der Einbau von Klimaanlagen keine pauschale Lösung sein kann. Obwohl Klimaanlagen kurzfristig an heißen Tagen Abkühlung verschaffen, sind sie auch Teil des Problems. Sie heizen durch den Abwärmeausstoß die unmittelbare Umgebung noch weiter auf. Und sie verbrauchen massiv Strom. Was ist also die Lösung?
Experten betonen, dass nachhaltige Alternativen wie baulicher Sonnenschutz und Gebäudebegrünung Vorrang haben sollten. Die beste Kühlung entsteht, wenn die Hitze erst gar nicht in den Raum gelangt. Das funktioniert aber nur bis zu einem gewissen Grad, bewirkt keine Wunder. Weshalb Immobilien-Nachhaltigkeitsexperte Peter Engert im Gespräch mit dem KURIER unverblümt sagt: „Wir werden uns umstellen und die Hitze besser aushalten müssen“.
KURIER: Herr Engert, wieder einmal haben wir einen der heißesten Sommer der Messgeschichte. Brauchen wir jetzt alle eine Klimaanlage?
Peter Engert: Es scheint so, wenn man sich die Zahlen anschaut. Wir halten das aber für den vollkommen falschen Zugang zu dem Thema. Es gibt durchaus Möglichkeiten, auch ohne technische Gebäudeausstattung, die viele Betriebskosten in der Zukunft verschlingen wird, die Dinge ein bisschen besser zu machen. Auf der anderen Seite: Wir müssen uns als Gesellschaft transformieren.
Wohin?
Mit einer vernünftigen Architektur, mit Außenjalousien, mit Begrünungen im Raum und vor allem draußen, kann man Temperaturen und solche Ausschläge von 40 Grad dämpfen. Da schafft man drei, vier Grad weniger, verwendet dafür aber nicht einen Euro Energiekosten mehr und stößt auch kein CO2 aus. Man muss auch kein französisches Atomkraftwerk belästigen, um den Strom zu bekommen. Es geht, aber unsere Gesellschaft muss erkennen: 20, 22 Grad in Hitzeperioden im Sommer werden wir mit diesen Maßnahmen nicht erreichen können. Aber wir erreichen 24, 25 Grad und das ist schon was. Mit dem müssen wir uns zufriedengeben. Das heißt, wir müssen alle generell ein bisschen hitzeresistenter werden. Und auf der anderen Seite brauchen wir mehr architektonische Maßnahmen, intelligente Architektur, um das Thema Hitze in den Griff zu bekommen. Nur die technische Gebäudeausstattung zu verbessern und überall eine Klimaanlage einzubauen, ist sicher der falsche Weg.
Peter Engert, Geschäftsführer der ÖGNI
Aber viele reden über Klimaanlagen und wollen selbst eine haben. Verstehen Sie das und ist es ein Drama, wenn die Leute jetzt beginnen, Klimaanlagen nachzurüsten?
Wenn man weiterhin Häuser baut, als wäre eh alles wurscht, dann ist auch die Zukunft egal. Wir haben Hitze- und Kälteereignisse und insgesamt einen Klimawandel, der bleiben wird. Das bedeutet, wir müssen uns darauf einstellen. Einstellen kann man sich mit verschiedenen Maßnahmen. Ich kann überall Strom erzeugen und versuchen, das so zu regulieren. Gleichzeitig habe ich aber das Thema ,leistbares Wohnen’ und das hat auch mit den Betriebskosten zu tun. Wenn ich aber versuche, mit möglichst guten Maßnahmen etwas zu erreichen, die lange bestehen und keine zusätzliche Energie brauchen, habe ich nicht nur für mich etwas Gescheites getan, sondern auch für zukünftige Generationen. Ein Gebäude soll ja im besten Fall 100, 200, 300 Jahre halten.
Aber werden die Gebäude heute überhaupt noch für so einen langen Zeithorizont gebaut? Oder sind sie nicht eher so billig gebaut, dass man sie in 50 Jahren wieder abreißt?
Wir reden doch gerne über die Gründerzeithäuser, über deren Charme, der die Stadt Wien ausmacht. Wir bauen aber nicht mehr so, weil wir glauben, dass es nicht effizient ist. Ich glaube aber, bei einem Gebäude ist das Thema Effizienz nachrangig. In Wirklichkeit sind die Lebensdauer, die Kosten in dieser Lebensdauer, also die Lebenszykluskosten beim Errichten eines Gebäudes entscheidend.
Welche Fehler hat man beim Bauen in den vergangenen Jahren gemacht?
Wir baden gerade aus, dass es vollkommen wurscht war, wie die Architektur ist. Es hat die Effizienz gezählt und die anfänglichen Investitionskosten. Kein Mensch hat in die Zukunft geschaut, wie die Betriebskosten sich entwickeln werden in solchen Gebäuden. Wir haben eigentlich das, was wir seit der Nachkriegszeit gemacht haben, nämlich schnell viel Wohnraum zu schaffen, weitergeführt. Dieses Denken haben wir in die jetzige Zeit übernommen. Wir haben schnell große Gebäude geschaffen, haben aber auf die Architektur und die Planung wenig Wert gelegt. Wo es nicht funktioniert hat, haben wir eine Klimaanlage eingebaut. Ich glaube, diese Zeit ist vorbei. Die Menschen haben erkannt, dass nicht die heutigen Investitionskosten zählen, sondern das, was auf die Zukunft Auswirkungen hat, auf zukünftige Generationen oder auch auf meinen eigenen Alterssitz.
Auf Architektur und Planung wurde zu wenig Wert gelegt.
Wenn wir uns den Wohnbau anschauen, dann gibt es private Gesellschaften, die meist kosteneffizient bauen. Und es gibt soziale Bauträger, die auch kosteneffizient bauen müssen. Wer würde denn überhaupt die Extrameile gehen und sagen, ich investiere mehr, weil es nachhaltig ist und am Ende einen Vorteil schafft?
Begriffen haben das alle. Die Privaten, die relativ frei in der Gestaltung waren und durch tolle Leistungen auch höhere Mieten kassieren konnten. Denn die teuren Wohnungen in guten Lagen sind alle sehr nachhaltig. Auch die Gemeinnützigen haben es begriffen. Nur wird ein Vorstand eines gemeinnützigen Bauträgers immer noch an den Investitionskosten eines Gebäudes gemessen. Kein Mensch schaut auf die Lebenszykluskostenanalyse. Wenn ich heute den Gemeinnützigen aber nicht die Vorgabe gebe, du darfst maximal fünf Millionen ausgeben, sondern du musst erreichen, dass die Betriebskosten auch in 20 Jahren nicht mehr als zwei Euro am Quadratmeter sind, dann würde der Zug in Richtung Nachhaltigkeit fahren. Ein großes Problem ist die derzeitige politischen Lage. Wenn eine Partei alle Hauseigentümer als Verbrecher und Mietwucherer bezeichnet, Aufstockungen und Erweiterungen unmöglich macht, um so den Spekulationen eine Regel vorzuschieben, dann nützt das niemanden. Mit all diesen Maßnahmen werden wir weder erreichen, dass der jetzige Bestand richtig saniert wird. Noch, dass wirklich Wohnraum entsteht, nicht nur auf der grünen Wiese, sondern auf bereits versiegelten Flächen.
Ein begrünter Innenhof sorgt für Abkühlung.
Was sind die aktuell gültigen Standards im Wohnbau im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Klimawandel?
Wir haben durchaus Mindeststandards geschaffen. Wir haben gute Bemühungen beim Licht- und Klimaschutz, vor allem auch beim Zirkularitätsmanagement. Wir haben zum Beispiel vor ein paar Jahren eine hervorragende Abfallverordnung geschaffen , die wirklich alle dazu zwingt, Kreislaufwirtschaft anzuwenden. Was wir aus dem Auge verloren haben, ist jedoch die Wirtschaftlichkeit. Nachhaltigkeit heißt auch, wirtschaftlich zu agieren. Und das dritte ist, und da traut sich komischerweise im Regulativ keiner so richtig drüber, die soziale Nachhaltigkeit. Wir bauen Häuser immer noch für Menschen, das sollten wir nicht vergessen. Und nur wenn sich die Menschen in ihren Wohnhäusern wohlfühlen, ist das Ziel erreicht.
Wenn man jetzt – nach dem neuesten Stand der Erkenntnisse – ein Wohnhaus errichten würde, wie würde das aussehen und was müsste man berücksichtigen, um auch wirklich klimagerecht zu bauen?
Sinnvolle Architektur heißt, zum Beispiel einen belüfteten Innenhof zu haben und dort eine gute Begrünung. Es muss keine Fassadenbegrünung sein, die ist extrem teuer in der Erhaltung, aber es kann eine gute Begrünung rundherum sein, von mir aus auch auf dem Dach. Es braucht zudem Flächen, wo Starkregenereignisse abfließen können. Zudem ist eine energetische Versorgung notwendig, die nachhaltig ist, also etwa Erdwärme, denn es muss nicht immer Fernwärme sein. Oder auch Erdkühlung oder auch eine Luftwärmepumpe. Das wäre die ökologische Sache, um eine gewisse Klimawandelresilienz zu erreichen. Und dann geht es auch um die soziale Komponente: was macht ein Haus lebenswert?
Sie bleiben dabei: Es ist nicht die Technologie, die uns helfen wird, sondern die Architektur und die Bauweise, auf die es ankommt.
Aus meiner Sicht ja, weil die Architektur mache ich nur einmal. Das war's dann. Schlechte Architektur mit 100 Klimasplitgeräten bringt nichts und ist zudem auch noch hässlich. Und massiv Strom zu verbrauchen, begleitet ein Gebäude über die gesamte Lebenszeit. Und das sollte ja über viele Generationen sein.
Die Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI) ist eine unabhängige Organisation, die sich seit 2009 für Nachhaltigkeit in der Bau- und Immobilienbranche einsetzt.
Die ÖGNI verbindet Akteure aus Planung, Bau, Immobilienwirtschaft und Wissenschaft. Durch die Zertifizierung von Gebäuden zeigt die ÖGNI den Mehrwert nachhaltiger Immobilien auf.
Peter Engert ist seit 2017 Geschäftsführer der ÖGNI. Zum zweiten Mal findet im Oktober das ÖGNI Symposium statt. Stargast ist Ban Ki-moon, ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen.
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