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Wirtschaft
09/09/2019

Immer mehr Deutsche erwarten konjunkturellen Abschwung

Nielsen: 41 Prozent sehen ihr Land in der Rezession, 2018 waren es 31 Prozent. Juli-Exportplus "kein Grund zur Entwarnung".

Die deutschen Bundesbürger beurteilen die wirtschaftliche Lage zunehmend skeptisch. Mittlerweile sind 41 Prozent der Meinung, Deutschland befinde sich in einer wirtschaftlichen Rezession.

Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsunternehmens Nielsen hervor. Zum gleichen Zeitpunkt des vergangenen Jahres dachten demnach nur 31 Prozent an eine Wirtschaftsflaute.

Deutlich gestiegene Skepsis

"Ein Anstieg von zehn Prozentpunkten innerhalb eines Jahres ist bei diesem Wert schon sehr deutlich", sagte der Nielsen-Chef für Deutschland, Österreich und die Schweiz, Jens Ohlig.

Insgesamt blicken die Verbraucher in Deutschland dennoch weiterhin deutlich zuversichtlicher in die Zukunft als die meisten anderen Europäer, wie aus der Studie hervorgeht.

Der Marktforscher Nielsen befragt regelmäßig Konsumenten in 64 Ländern nach ihren Zukunftserwartungen und ermittelt danach seinen Verbrauchervertrauensindex. Europaweit ist demnach das Vertrauen der Verbraucher nur in Dänemark, den Niederlanden, Tschechien, Polen und Irland höher als in Deutschland.

Ihre eigene finanzielle Lage beurteilt eine Mehrheit der Menschen in Deutschland positiv. So schätzen 58 Prozent ihre persönlichen Finanzen für die nächsten zwölf Monate als positiv ein.

Das ist ein Prozentpunkt mehr als im vergangenen Quartal. Auch bei den Jobaussichten sind sie weiter zuversichtlich. Unverändert 65 Prozent bewerten ihre Jobsituation für die kommenden zwölf Monate als positiv.

Exporte haben sich erfangen

Nach vielen negativen Meldungen in den vergangenen Wochen gibt es erstmals wieder positive Nachrichtungen aus der deutschen Wirtschaft. Die Exportfirmen können - inmitten der internationalen Handelskonflikte - ein wenig aufatmen.

Nach einem Dämpfer im Juni haben Deutschlands Exporteure im Juli dieses Jahres nämlich wieder bessere Geschäfte gemacht. Waren „Made in Germany“ im Gesamtwert von 115,2 Milliarden Euro wurden in dem Monat ins Ausland verkauft, wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte.

Das waren nach Berechnungen der Wiesbadener Statistiker 3,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor und 0,7 Prozent mehr als im Juni 2019.

Die Importe lagen mit 93,7 Milliarden Euro sowohl unter dem Wert des Vorjahresmonats (minus 0,9 Prozent) als auch unter dem Juni-Wert das laufenden Jahres (minus 1,5 Prozent). Auf sieben Monate gerechnet liegen Ausfuhren und Einfuhren leicht über Vorjahresniveau.

„Die Unsicherheiten vor allem aufgrund der schwelenden globalen Handelskonflikte und des weiterhin unklaren Brexits bleiben für die Unternehmen bestehen“, sagte Volker Treier vom  Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), Die neuen Zölle im Handelskonflikt zwischen den USA und China träfen auch deutsche Firmen vor Ort. „Ein Ende der Protektionismusspirale ist nicht in Sicht.“

Nach den ersten sieben Monaten des Jahres steht bei den erfolgsverwöhnten Exporteuren nur ein vergleichsweise mageres Umsatzplus von einem Prozent zu Buche.

Auch der Außenhandelsverband BGA sieht wegen vieler Risiken „keinen Grund zur Entwarnung“, aber auch einen Lichtblick. „Anders als das Großbritanniengeschäft, das unter dem Brexit leidet und das Europageschäft beeinträchtigt, läuft das US-Geschäft trotz aller Streitigkeiten sehr zufriedenstellend“, erläuterte BGA-Präsident Holger Bingmann.

Industrie-Produktion rückläufig

Zuletzt hatten vor allem Daten der schwächelnden Industrie für Konjunkturpessimismus gesorgt. Die Betriebe drosselten ihre Produktion im Juli den zweiten Monat in Folge und mussten den stärksten Auftragsschwund seit einem halben Jahr wegstecken.

Deutlich besser läuft noch die Inlandskonjunktur - also im Handwerk, am Bau und bei den Dienstleistern. Das Handwerk wächst derzeit schneller als die gesamte Wirtschaft und steigerte seinen Umsatz im zweiten Quartal binnen Jahresfrist um 3,3 Prozent. Bei den Dienstleistern ging es sogar um 3,8 Prozent bergauf.

Die Konjunkturflaute erfasst einer Umfrage zufolge aber zunehmend auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Dies geht aus einer Umfrage der deutschen staatlichen Förderbank KfW und des Ifo-Instituts unter 7.500 Mittelständlern hervor.

„Mit zunehmender Deutlichkeit zeichnet sich für Deutschland eine technische Rezession ab“, führte KfW-Ökonom Klaus Borger aus. Nachdem die Wirtschaftskraft bereits im zweiten Quartal um 0,1 Prozent gesunken sei, dürfte es im laufenden Sommerquartal erneut ein leichtes Minus geben.

Bei zwei Rückgängen in Folge sprechen Volkswirte von einer sogenannten technischen Rezession.