Für das Reinigen von Politikerportraits (wie hier am Mount Rushmore) eignen sich Kärcher-Geräte. Für politische Parolen nicht, meint das deutsche Unternehmen

© Kärcher

Interview
09/27/2019

Im Wahlkampf bitte nicht "kärchern"

Kärcher hat mit Politikern schon oft leidige Erfahrungen gemacht. Das Geschäft läuft dennoch blendend

von Thomas Pressberger

2005 wollte der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy die Pariser Banlieue mit ihm reinigen, im Februar 2018 der FPÖ-Politiker Manfred Haimbuchner die Republik damit durchwaschen und erst heuer im Sommer Wirtschaftskammerpräsident Harald Mahrer mit selbigem Gerät bei den EU-Regulierungen reingehen – gemeint ist der Kärcher. Beim Hersteller dieser Hochdruckreiniger ist man über solche Sprachbilder gar nicht begeistert.

KURIER: Haben Sie eigentlich in Wahlkampfzeiten schlaflose Nächte oder versetzt es Ihnen ein Stich ins Herz, wenn wieder einmal ein Politiker irgendwo mit dem Kärcher aufräumen will?

Michael Grüssinger: Vor Jahren hat der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy während der Unruhen in der Pariser Banlieue gesagt, er würde sie abkärchern. Das wollen wir prinzipiell nicht. Als deutsches Unternehmen in Frankreich, wo Menschen mit anderer Hautfarbe rausgekärchert werden sollen, solche Ausdrücke lehnen wir ab. Wir sehen uns als offenes Weltunternehmen, wenn Minderheiten und Migranten diskriminiert werden, dann schieben wir dem einen Riegel vor.

Welche Mittel haben Sie?

Wir rufen bei der Pressestelle an und sagen, dass das nicht gewünscht wird. Die Möglichkeiten sind begrenzt, aber wir würden nicht stillhalten, wenn zum Beispiel ein ehemaliger Innenminister das verwenden würde. Es ist aber auch immer die Frage nach der Aussagekraft und wie das aufschlägt. Wir sind jedenfalls mit keiner politischen Partei verbunden.

„Kärchern“ steht sogar im Wörterbuch.

„Kärchern“ wird häufig verwendet, aber nicht immer im negativen, sondern oft im richtigen Sinn. Da sind wir dann froh. Im österreichischen und französischen Schulwörterbuch steht „kärchern“ als Verb. Es ist interessant, das zu schaffen.

Kärcher baut aber nicht nur Hochdruckreiniger, sondern auch viele andere Produkte. Welche sind die Renner und gab es auch Flops?

Neben dem Hochdruckreiniger war der Window-Vac (Fensterreiniger mit Wasserabsaugfunktion) eines der erfolgreichsten Produkte. Früher waren wir eher ingenieursgetrieben, inzwischen schauen wir uns mehr an, was die Märkte brauchen und gehen dann in die Entwicklung. Natürlich kann es Produkte geben, die am Markt vorbeientwickelt werden. Ein Flop war unser Hybrid-Hochdruckreiniger-Staubsauger. Er war eine gute Idee, aber vielleicht nicht so benutzerfreundlich (das Geräte konnte den abgespritzten Schmutz auch gleich aufsaugen).

Welchen Stand hat Kärcher in Österreich?

Kärcher macht in Österreich 70 Millionen Euro Umsatz. Das ist der höchste Pro-Kopf-Umsatz weltweit. Das liegt daran, dass in Österreich Reinigung und Hygiene einen hohen Stellenwert haben. Das wird hier konsequent gelebt. Wir haben auch viel mit der Landwirtschaft gemacht. Kärcher hat in Österreich auch eine höhere Markenbekanntheit als in Deutschland.

Kärcher ist in Österreich stärker als im Heimmarkt Deutschland? Und in der Schweiz ist Sauberkeit ja auch kein Randthema.

Die Schweiz ist ganz nah dran an Österreich, das ist unser Matching-point. In Deutschland ist die Konkurrenz größer. Das ist ein größerer Markt, da gibt es mehr Mitbewerber. Außerdem haben wir in Österreich früh gelernt, regional zu arbeiten und nahe am Kunden zu sein.

Digitalisierung ist derzeit in aller Munde. Welche Bedeutung hat sie für Kärcher?

Ich hätte gerne, dass Digitalisierung zum Unwort des Jahres gewählt wird. Das funktioniert gut bei der Produktion und der Organisation. Die Digitalisierung von Produkten hat vor ein paar Jahren begonnen und steht noch am Anfang. Aber mit einem Staubsauger will keiner reden. Es braucht Lösungen, die handlebar sind. Überdigitalisierung ist nicht zielführend und für den Kunden nur kurzfristig interessant.

Aber stehen nicht zum Beispiel selbstfahrende Geräte hoch im Kurs?

Der klassische Saugroboter ist für 80 bis 85 Prozent der Wohnungen nicht geeignet. Die sind nicht dafür gestaltet, die haben Schwellen, Kanten und Treppenhäuser. Da kann man die Saugroboter nicht verwenden, egal welche Marke. Die Digitalisierung schreitet voran, aber es wird nicht so schnell den volldigitalisierten Haushalt geben, wie das an die Wand gezeichnet wird.

Wo liegen dann Ihre Wachstumschancen?

Beim Trend zum Sharing. Viele unserer Geräte werden nur drei bis vier Mal im Jahr genutzt. Das ist ökologisch und ökonomisch nicht sehr intelligent. Zum Beispiel reicht ein Hochdruckreiniger für vier Häuser. Außerdem könnte man darauf schauen, dass Fahrzeuge, Häuser und Oberflächen so beschaffen sind, dass sie nicht so schnell verschmutzen. Das ist dringender als Digitalisierung.

Zerstören Sie mit solchen Ideen nicht Ihr Geschäftsmodell?

(Carl, Anm.) Benz hat ursprünglich Kutschen gebaut. Hätte er nicht den Kraftstoffverbrennungsmotor erfunden, würde ihn heute niemand mehr kennen. Man muss sich weiterentwickeln, sonst ist man draußen.

Wohin kann sich Kärcher entwickeln?

Zum Beispiel für Industrie und Gewerbe Komplettlösungen anbieten. Wir müssen Lösungen anbieten, die nicht nur auf unsere Maschinen und Leistungen bezogen sind. Die Vernetzung einzelner Komponenten wird wichtiger. Zum Beispiel für eine große Supermarktkette das Service für alle Geräte zu machen, auch wenn das 14 verschiedene Marken sind. Man muss den Kopf freihaben, damit man sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren kann.

Wird sich das durchsetzen?

Früher war es undenkbar, Ski und Skischuhe auszuborgen. Heute läuft das Geschäft mit Skiern besser als früher. Man muss es nur gut machen.

In vielen Branchen geht die Angst vor den Chinesen um. Fürchten Sie die Konkurrenz aus Asien?

In dieser Region findet derzeit das größte Wachstum statt, dort entstehen große Player. Es ist mir großer Konkurrenz zu rechnen. In fünf bis sechs Jahren werden sie auch bei uns sein, aber nicht mit billigen, sondern mit guten Produkten, die preislich günstiger sein werden. Aber wir fürchten uns vor dieser Entwicklung nicht, man muss damit umgehen lernen und innovativ bleiben.

Ist Kärcher Österreich als Brückenkopf Richtung Osten auch für andere Länder oder Regionen zuständig?

Wir haben bis vor zwei Jahren Zentral- und Mitteleuropa mitbedient. Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien haben sich so gut entwickelt, dass wir sie in die Freiheit entlassen haben. Wir sind noch für die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien zuständig, doch die werden sich in den kommenden zwei bis drei Jahren auch verselbstständigen.

Wie entwickelt sich das Geschäft in Österreich?

Sehr gut, wir hatten in den vergangenen Jahren ein Wachstum von jährlich rund sechs Prozent. Heuer werden wir kein großes Wachstum generieren, weil das Umfeld wegen der Unsicherheit vor einem Abschwung schwieriger geworden ist. 2020 wird auch noch schwierig, aber wir sind zuversichtlich, dass es wieder besser wird.

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