Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

"Größte Energiekrise" droht: Warnung vor Lieferengpass für Österreich

Es sind dramatische Worte, die der sonst besonnene Chef der Energieagentur gewählt hat. Es komme eine gewaltige Energiekrise auf die Welt zu.
Europe faces jet fuel shortage risk as Hormuz disruption hits supply

Es sind dramatische Worte, die der sonst besonnene Chef der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, am Donnerstag wählt.

Es komme eine gewaltige Energiekrise auf die Welt zu

Europa verfüge noch über Kerosin für etwa sechs Wochen. Lieferengpässe aufgrund des Iran-Konflikts und der Blockade der Straße von Hormus könnten Flugausfälle zur Folge haben. Birol bezeichnete dies als „die größte Energiekrise, mit der wir je konfrontiert waren“. Sie sei schwerwiegender als die Ölschocks von 1973, 1979 und 2022 zusammen.

Weiters sagt der Energieagentur-Chef: „Wir befinden uns in einer verzweifelten Lage, und das wird erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Und je länger das dauert, desto schlimmer wird es für das Wirtschaftswachstum und die Inflation weltweit.“

Gefährliches Maut-System

Birol kritisiert auch das sogenannte „Mautstellen“-System, das der Iran für einige Schiffe eingeführt hat und das ihnen gegen Gebühr die Durchfahrt durch die Straße von Hormus ermöglicht. Er warnt davor, dass eine dauerhafte Einführung dieses Systems einen Präzedenzfall schaffen könnte, der dann auch auf andere Wasserstraßen, darunter die wichtige Straße von Malakka in Asien, Anwendung finden könnte. „Wenn wir das System einmal ändern, wird es schwierig sein, es wieder rückgängig zu machen. Es wird schwierig sein, ein Mautsystem hier zu haben, das dort aber nicht gilt.“

Fatih Birol

Mit einem Notfallplan will die EU die Kerosinversorgung sichern. Entsprechende Maßnahmen sind laut einem Bericht in Arbeit, der Plan soll bereits kommenden Mittwoch präsentiert werden und zielt vor allem auf eine Auslastung der Raffineriekapazitäten ab.

Lieferengpass für Österreich

Ähnlich wie Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) zur Wochenmitte warnt nun auch der Wirtschaftskammer-Fachverband Energiehandel vor einem möglichen Lieferengpass bei Treibstoffen im Mai. „Die Versorgung ist im Moment stabil, aber der große Nachfrageschub steht uns erst bevor. Pfingsten und die Sommerurlaubszeit sind jedes Jahr die Zeit mit dem höchsten Verbrauch“, so Fachverbandsobmann Jürgen Roth.

Die Treibstofflager in Europa und Österreich seien derzeit so gefüllt, „dass wir das Hier und Jetzt bewältigen können“, sagt Roth. Für zusätzliche Störungen, Nachfragespitzen oder eine weitere Eskalation im Nahen Osten gebe es kaum Spielraum. Besonders angespannt sei die Lage bei Diesel, der international derzeit extrem knapp und heiß begehrt sei.

Strategische Reserven

Österreich verfügt über staatlich kontrollierte Notstandsreserven an Erdöl und Erdölprodukten im Ausmaß von rund 90 Tagen, bemessen an den Nettoimporten des Vorjahres. Das entspricht etwa 2,75 Millionen Tonnen Erdöleinheiten. Die Gasspeicher sind aktuell zu 35,9 Prozent gefüllt – deutlich mehr, als die strategische Reserve, die eine Versorgung von zwei Wintermonaten sicherstellen muss.
Aufgrund der Auswirkungen des Iran-Kriegs richtete die Bundesregierung in der vorigen Woche ein neues Koordinationsgremium ein. Dieses soll täglich die Lage erheben, der Regierung Bericht erstatten und Handlungsoptionen vorschlagen.

Kommunikationsmängel

Seit Beginn des Bombardements des Iran durch Israel und die USA am 28. Februar und der Schließung der für den Energiehandel so wichtigen Straße von Hormus am Persischen Golf ist auch die österreichische Energiepolitik stark von der instabilen Lage am Weltmarkt geprägt.

Diese riesigen Unsicherheiten an den Energiemärkten seit Anfang März zeigten sich auch in der Krisenkommunikation der Regierung. Immerhin wurde relativ rasch beschlossen, im Notfall auch Teile der strategischen Ölreserven frei zu geben als auch in den Markt einzugreifen (Spritpreisbremse mit maximal zehn Cent Reduktion). 

Doch noch vor zwei Wochen, am 2. April, verwunderten Aussagen der Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner (ÖVP), wonach die Regierung davon ausgehe, dass es zu keinem Energieengpass komme: „Wir haben keinen Versorgungsengpass in Europa und es droht auch keiner – es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich diese Lage hier in der nächsten Zeit ändern könnte.“ Auf Nachfrage meinte sie, sie sei für Energiesparen – aber nur freiwillig, ohne Vorgaben.

Nun rechnet  Hattmannsdorfer sehr wohl mit einem Lieferengpass bei Treibstoffen im Mai, er möchte   die Versorgungssicherheit notfalls mit staatlichen Reserven sicherstellen. Zudem solle jeder „überlegen, wo man Energie sparen“ könne.

Kommentare