Wirtschaft
21.01.2013

"Ich hatte die Schnauze voll“

Karl Schweisfurth schlachtete 29.000 Tiere wöchentlich. Jetzt will er die Welt verbessern.

Der Deutsche Karl Ludwig Schweisfurth ist Metzgermeister und „Auswärtsvegetarier“. Er isst nur noch Fleisch von seinem eigenen Hof im Osten von München. „Weil ich weiß, wie schrecklich es in den Tierfabriken zugeht“, sagt ausgerechnet der ehemals größte Fleischverarbeiter Europas.

1984 hat der heute 84-Jährige sein Wurst-Imperium Herta an den Nahrungsmittelriesen Nestlé verkauft. Damals wurden in seinen Fabriken 25.000 Schweine und 4000 Rinder geschlachtet – pro Woche. Das Geld aus dem Verkauf steckte er in eine Stiftung, die sich für nachhaltige Agrar- und Ernährungswirtschaft engagiert. Und er eröffnete die Herrmannsdorfer Landwerkstätten bei München, wo er regional unter fairen Bedingungen und auf Handwerksart Lebensmittel erzeugt. Schweisfurth: „Ich hatte die Schnauze voll.“ Seine „letzte Bastion im alten Leben“, die österreichische Wurstfabrik Stastnik, verkaufte er aber erst Mitte der 1990er-Jahre.

KURIER: Herr Schweisfurth, wovon genau hatten Sie „die Schnauze voll“?

Karl Ludwig Schweisfurth: Ich hatte Probleme, aus dem angelieferten Fleisch noch gute Wurst zu machen und immer mehr moralische Bedenken. In den voll automatisierten Fabriken geht die Würde von Tier und Mensch verloren. Angelernte Hilfskräfte aus den Ostländern machen unter dem Zeitdruck des Fließbandes die immer gleichen Handgriffe. Das Handwerk stirbt aus. Tiere werden behandelt wie Steine, nicht wie Lebewesen.

Außer Zweifel steht, dass Sie in den Jahren davor genau auf diese Weise reich geworden sind. Woher kam der Sinneswandel?

Es gab mehrere Faktoren. Meine Kinder waren mit der Schule fertig, stellten mir kritische Fragen und wollten nicht so leben wie ich: Immer unterwegs, immer mehr Fabriken, mehr Umsatz, höhere Renditen, billigeres Fleisch und das alles immer schneller. Dazu mein eigener Eindruck, dass die industrielle Lebensmittelproduktion in die falsche Richtung und den Bach runtergeht. Da hab ich gesagt: Ich verkaufe alles und fange von vorne an. Das Geld hat für eine große Stiftung gereicht, die sich mit der Frage beschäftigt, wie man besser im Einklang mit der Natur leben kann. Und für die Gründung des Wirtschaftsbetriebes Herrmannsdorf.

Was machen Sie jetzt anders?

Neben der anderen Form der Tierhaltung haben wir eine Warmfleischmetzgerei, so wie sie vor 50 Jahren in Europa weit verbreitet war.

Das heißt?

Kurze Wege vom Stall zur Schlachtung und kein Stress für die Tiere bei der Schlachtung. Bei uns hören sie keinen Schrei – das merkt man auch an der Fleischqualität, die mit der Höhe des Stresspegels sinkt. Das Tier wird dann wie früher noch schlachtwarm zerlegt und verarbeitet – ohne Zusatzstoffe, so wie vor 50 Jahren.

Warum kam man von der Warmfleischtechnologie ab?

Als Folge der Industrialisierung und der damit einhergehenden Spezialisierung: der Erste schlachtet, der Zweite zerlegt das Tier, der Dritte verarbeitet es zu Wurst. Weil jeder hochspezialisierte Maschinen hat, kann er billiger fertigen als ein Metzger. Aber er kann nicht mehr alle Schritte hintereinander machen – so wie bei Warmfleischerzeugung nötig. Deswegen wird gekühlt und oft auch tiefgefroren.

Um wie viel teurer ist das Fleisch aus Herrmannsdorf?

Im Handel zahlen Sie für ein Kotelett zwischen sechs und acht Euro, in Aktion vier Euro. Bei uns mindestens doppelt so viel.

Zahlen Kunden das?

Viele wollen lieber nicht wissen, was auf dem Teller liegt. Aber die Leute werden kritischer.

Sind Lebensmittel zu billig?

Industrielle Lebensmittel auf jeden Fall. Da geht es nur noch um die Ausbeutung von Land und Leuten – siehe Soja-Anbau in Brasilien. Der Energieaufwand in der Produktion ist ungeheuerlich – und am Ende werfen wir ein Drittel der Lebensmittel weg. Das ist dumm und eines Homo sapiens nicht würdig. So kann es jedenfalls nicht weitergehen. Wir fressen ja die Erde kahl.

Können Projekte wie Herrmannsdorf etwas ändern?

Es ist zumindest ein Leuchtturm. Man muss aber realistisch sein. In den Landwirtschaftsbetrieben steckt viel Geld. Viele Bauern, die ihre Betriebe umstellen wollen, können das gar nicht, weil sie in den nächsten zehn Jahren ihren Bankkredit abzahlen müssen. Das sind keine bösen Leute, sondern Leute in Zwängen, die ausblenden, dass sie langfristig alles kaputt machen. Dasselbe gilt für große Schlachtfabriken. Die können nicht einfach den Schalter umlegen.

Bio ist auch schon zur Industrie geworden. Ein Problem?

Ich verfolge das mit Sorge. Alles, was sie im Supermarkt kaufen, ist Industrie-Bio. Aber Bio ist noch besser als konventionelle Ware.

Warum haben Sie die Firma Stastnik in Österreich als einzige „alte Bastion“ bis Mitte der 1990er-Jahre behalten?

Vielleicht wollte ich einen Grund haben, weiter nach Österreich zu fahren – von den Salzburger Festspielen einmal abgesehen.