Wirtschaft
02.12.2016

Henkel-Chef muss bald auf mehr Wiener Nachbarn hören

Warum der Ausbau des Werks schwieriger wird und Henkel Probleme hat, Mitarbeiter nach Wien zu holen.

Günter Thumser ist beim Konsumgüterriesen Henkel (Pril, Persil, Pattex, Schwarzkopf, Fewa) für 32 Länder zuständig. In Österreich ärgert sich der gebürtige Wiener über die Bürokratie, hält aber am Standort Wien fest.

KURIER: Neben dem Henkel-Standort in Wien werden Wohnungen gebaut. Freuen Sie sich über die neuen Nachbarn?

Günter Thumser: Als Konsumenten schon. Wir hätten uns aber eine rücksichtsvollere Bebauung gewünscht.

Inwiefern?

Der Bau beinhaltet Loggien, die genau auf unser Werksgebäude ausgerichtet sind. Bei uns im Werk ist Lärm unvermeidbar. Die Lkw fahren ab sechs Uhr morgens, wir arbeiten außerdem auch am Wochenende.

Fürchten Sie neue Auflagen?

Wir haben bei jeder künftigen Anlagengenehmigung neue Anrainer, die ihre Meinung einbringen können. Damit wird jede Erweiterung und Erneuerung noch schwieriger.

Sie sind für Henkel in 32 Ländern verantwortlich. Warum leisten Sie sich da überhaupt noch die Produktion in Wien?

Wir sind seit 90 Jahren am Standort tätig, betreiben hier das größte Flüssigwaschmittelwerk des Konzerns und sind hier im kozerninternen Benchmarking auch sehr erfolgreich.

Trotz der vergleichsweise hohen Kosten?

Ja, wegen der neuen Technologien, die wir in Wien einsetzen.

Am Standort Wien arbeiten 850 Mitarbeiter. Wie viele davon sind in der Produktion?

150, aber man muss auch die 60 Arbeitsplätze im Zentrallager dazurechnen, die ebenfalls wegfallen würden, wenn wir nicht mehr hier produzieren. 85 Prozent der Produktion gehen übrigens ins Ausland.

Das Klebstoff-Werk im oberösterreichischen Ebensee schließt Henkel Ende des Jahres. Warum war es nicht mehr konkurrenzfähig?

Man muss die Relation sehen: In Ebensee hatten wir 27 Mitarbeiter, das Werk war zu klein. Es hat im Jahr weniger produziert als andere Henkel-Bauchemie-Werke in nur einem Monat.

Wo stehen denn die anderen Baustoff-Werke?

Wir haben über zwanzig. In Polen, Bulgarien, Serbien, der Ukraine, in Russland ...

Apropos Russland: Wie stark trifft Sie die Rubelabwertung?

Russland entwickelt sich gut. Wir haben ein organisches Wachstum in lokaler Währung, aber auch währungsbereinigt. Es ist für uns der wichtigste Markt in Osteuropa.

In Österreich bilden Sie 30 Lehrlinge im Jahr aus. Haben Sie Probleme, geeignete zu finden?

Wir bekommen rund hundert Bewerbungen pro Lehrstelle im Jahr, 15 neue Lehrlinge nehmen wir.

Also kein Fachkräftemangel?

Wir haben Probleme, unsere Mitarbeiter aus EU-Drittstaaten für einen Zeitraum von sechs Monaten bis zwei Jahren nach Österreich zu holen. Das sind keine Billigarbeitskräfte, das sind Leute mit teuren Expat-Paketen (Anm.: Pakete für Fachkräfte aus de Ausland).

Wo ist das Problem?

Die Anlaufzeiten, um den Austausch bürokratisch zu organisieren, sind viel zu lange. Mit der Rot-Weiß-Rot-Card ist der Aufwand sogar noch gestiegen. Es ist auch fast unmöglich, Studenten aus Drittstaaten, die hier studiert haben, in Österreich weiterzubeschäftigen. Ich wünsche mir da wirklich weniger Bürokratie in Österreich.

Trifft Sie der Brexit?

Aus Henkel-Sicht begrenzt. Aber er ist eine weitere Schwächung des europäischen Gedankens. Positiv formuliert bietet der Brexit Europa-Politikern die Chance nachzudenken, ob sie nicht wieder näher an den Bürger rücken sollten.