Wirtschaft
11.10.2018

Größte Unternehmerinnen-Lobby Europas formiert sich

"Frau in der Wirtschaft"-Vorsitzende Martha Schultz bündelt Frauennetzwerke aus 45 Länder: "EU muss weiblicher werden"

Stell dir vor, es ist Unternehmerparlament und es gehen nur Frauen hin. Genau das tat Österreich heuer und schickte zum wichtigsten Netzwerktreffen der größten Arbeitgeber-Lobby in der EU, Eurochambres, (fast) nur Unternehmerinnen nach Brüssel. Die 30 Chefinnen heimischer KMU setzten im Plenum des Europäischen Parlaments ein starkes Statement.

Das blieb nicht unbemerkt. Eine griechische Delegierte – die Einzige aus ihrem Land – klatschte begeistert. EU-Kommissar Günther Oettinger ließ sogar U2-Sänger Bono länger warten, um sich mit der Damenrunde aus Österreich auszutauschen. Dabei gab er sich ungewohnt locker, erzählte viel Privates und gab Tipps. Da mehr als 50 Prozent aller Gesetze auf EU-Richtlinien beruhen, sei es „wichtiger in Brüssel als in Wien zu lobbyieren“, empfahl er den Frauen.

Genau das ist das Ziel des Eurochambres Women Network (EWN), das von Wirtschaftskammer-Vizepräsidentin Martha Schultz geleitet wird. Die Vorsitzende von „Frau in der Wirtschaft“ ist gerade dabei, die größte Unternehmerinnen-Lobby Europas zu formen. „Frauen brauchen eine stärkere Stimme in Europa, die EU muss weiblicher werden“, so das Credo von Schultz. Wirtschaftsnahe Frauenverbände aus 15 verschiedenen Ländern, darunter auch die Türkei, sind bei EWN bereits an Bord.

Großer Frauenkongress

Noch in diesem Jahr sollen alle 45 Eurochambres-Mitgliedsländer folgen. „Ich treffe mich demnächst mit den Präsidenten der vielen Wirtschaftsverbände und ich will von jedem eine Ansprechpartnerin für das Netzwerk“, beharrt Schultz. Anders als in Österreich gibt es in anderen EU-Ländern keine Pflichtmitgliedschaft in Arbeitgeber-Verbänden, was die Vernetzung erschwert. Für Juni 2019 ist ein großer EU-Unternehmerinnen-Kongress in Brüssel geplant. Dort soll ein Forderungspaket für die neue EU-Kommission ausgearbeitet werden. Das Budget für solche Aktivitäten steht schon, praktischerweise ist Ex-WKO-Boss Christoph Leitl Präsident von Eurochambres. In seiner Eröffnungsrede zum Unternehmerparlament hob er die „Ladys“ im Plenum hervor.

Themen für mehr weibliche Mitsprache auf EU-Ebene gibt es genug, hier ein paar Beispiele: Weibliche Gründer kommen schwieriger zu Investitionskapital als Männer, auch weil die Geldgeber meist Männer sind. In der Technologie-Branche sind Unternehmerinnen unterrepräsentiert, Zukunftsthemen wie „Künstliche Intelligenz“ sind daher männlich geprägt. In den Führungsetagen ziehen Frauen nur langsam ein, gesetzliche Quoten wie für Aufsichtsräte sind längst nicht überall umgesetzt. Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die soziale Absicherung für Selbstständige stehen ebenfalls ganz oben auf der Agenda. Die Niederlande gilt hier als großes Vorbild.

Hinweis: Der KURIER war auf Einladung von „Frau in der Wirtschaft“ in Brüssel.