Erste Group-Chef Andreas Treichl

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Erste-Group-Chef Andreas Treichl
12/21/2016

"Grauenhafte Folgen der Null-Zinsen"

Warum sich Politik um Vermögensbildung für breite Masse kümmern sollte.

von Irmgard Kischko

Der Chef der Erste Group, Andreas Treichl, ist mehr als nur Banker. Er hat sich auch als scharfsinniger Beobachter und Kritiker von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen einen Namen gemacht. Mit dem KURIER sprach Treichl über die künftige Daseinsberechtigung von Banken, seine Sorgen über den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft und was er nach 2020 macht.

KURIER: Banken scheinen auf dem Rückzug zu sein. Sie schließen Filialen, bauen Mitarbeiter ab. Würden Sie einem jungen Menschen noch raten, Banker zu werden?

Andreas Treichl: Natürlich, das ist ein aufregender Beruf. Die Art und Weise, wie sich die Banken verändern, wird großen Einfluss darauf haben, wie sich Volkswirtschaften entwickeln können. Und Kredite werden Menschen auch in 30 Jahren noch brauchen.

Kredite können sie auch von Google bekommen ...

Vertrauen wird in der Frage, wo sich das Finanzleben von Betrieben und Menschen abspielt, eine entscheidende Rolle spielen. Wie die Digitalisierung diese Vertrauens-Frage verändert, wissen wir noch nicht.

Was wir aber wissen ist, dass es mehr arbeitslose Banker geben wird. Was sollen diese Menschen tun?

Das Problem beschränkt sich nicht auf die Finanzbranche allein. Wir müssen uns generell die Frage stellen, ob der Anteil der arbeitenden Bevölkerung auf Dauer auf dem aktuellen Niveau gehalten werden kann. Die Antwort darauf wird die große Herausforderung für die Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten.Kommen wir zur Erste Group. Wie stellen Sie die Bank im zunehmend digitalen Umfeld auf?Wir wissen genauso wenig wie alle anderen, wie die Welt in 25 Jahren aussieht. In diesem Zusammenhang müssen wir die Frage nach der Daseinsberechtigung stellen. Wofür sind wir da? Und wofür ist die Erste da?

Wir stiften Nutzen für die Gesellschaft. Wir haben Fachkräfte, mit denen Kunden vertrauensvoll ihre finanziellen Fragen besprechen können. Es wächst zwar eine Generation heran, die alles online erledigt. Aber wenn sie einmal einen Wohnungskredit brauchen, werden sie auch ein persönliches Gespräch bevorzugen.

Geldanlage aber bringt kaum noch Ertrag. Warum sollen die Menschen ihr Geld bei Banken veranlagen?

Wenn ich an unsere 15 Millionen Kunden denke, bin ich ein großer Gegner der Null-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank. Diese Null-Zinsen haben in Ländern mit schwach ausgeprägtem Kapitalmarkt grauenhafte soziale Folgen. Sie führen langsam aber sicher zu einem Abrutschen der Mittelklasse und zu einer dramatischen Altersarmut. Es gibt keinen Ertrag auf die vertrauten Anlageformen, wie es das Sparbuch oder das Bausparen z.B. in Österreich sind.

Wer sollte das ändern?

Die EZB ist nicht dazu da, Sozialpolitik zu machen. Und für die nationalen Politiker ist das ein sehr unattraktives Thema. Aber sie müssen sich damit auseinandersetzen, wie die breite Masse Vermögen aufbauen kann, wie sie sich einen kleinen Polster neben der staatlichen Pension aufbaut. Dazu ist ein Bündel von Maßnahmen nötig: im Pensionssystem, im Steuerrecht, um Kapitalbildung in heimischen Unternehmen zu erreichen und Veranlagungsmöglichkeiten für Pensionsfonds und Private zu schaffen.

Nehmen Sie da Banken gänzlich aus der Verantwortung?

Als Banken und Sparkassen sind wir in keiner guten Position, um gesellschaftspolitisch relevante Probleme aufzuzeigen. Uns wird immer Eigeninteresse vorgeworfen werden.

Ist dieses Misstrauen noch immer Folge der Finanzkrise?

Dass in der Finanzbranche vieles falsch gelaufen ist, ist offensichtlich. Es gibt und gab in allen Branchen Menschen, die nur für ihren Vorteil arbeiten. Aber die Finanzbranche hat sich seit der Krise 2008 stark verändert. Sie ist viel professioneller geworden. Dazu hat auch die Politik mit den neuen Regularien beigetragen. Aber jetzt ist diese Regulierung zu einem Perpetuum mobile geworden, sie geht viel zu weit.

Wo zum Beispiel?

Sie versucht zu vieles zu vereinheitlichen. Das ist der wirkliche Fehler der Regulatoren. Sie wollen die Finanzprodukte so weit standardisieren, dass jeder Missbrauch ausgeschaltet wird. Damit spielt die Vertrauenskomponente keine Rolle mehr. Dann wird die Antwort ,Nein. Sie bekommen den Kredit nicht‘ über Algorithmen profunder und rascher kommen als vom Bankberater, der immer noch die menschliche Komponente einspielt. Für Banken bleibt die Frage: Wo lassen uns die Regulatoren noch arbeiten?

Die Politik hat zumindest einen für Banken positiven Schritt gesetzt und kürzt die Bankensteuer. Was bringt das?

Die Einführung der Bankensteuer war eine gelungene populistische Maßnahme, die Reduktion eine gelungene unpopulistische. Das hat aber Österreich bei Investoren massiv geholfen und sie wird die Investitionsbereitschaft der Banken steigern.

Ihr Vorstandsvertrag läuft bis 2020. Haben Sie Lust auf eine weitere Periode?

Das frage ich mich noch nicht. Aus heutiger Sicht kann ich jedenfalls sagen, dass die Lust meiner Frau darauf unter dem Gefrierpunkt liegt. Und ich möchte in meinem Leben auch noch etwas anderes machen als Banker zu sein.

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