© Kurier/Franz Gruber

Interview
10/26/2019

Gexi Tostmann: "Van der Bellen hat den Begriff Heimat neutralisiert"

Die Trachten-Lady über Geld für alle, Bauchweh beim Gedanken an manche Lehrlinge und Klopapier.

von Simone Hoepke

Im Keller von  Gexi Tostmann haben sich einst die Grünen formiert. Warum die Unternehmerin heute froh ist, wenn Van der Bellen von Heimat spricht und was sie mit Vivienne Westwood verbindet.

KURIER: Hat der 26. Oktober für Sie eine besondere Bedeutung?
Gexi Tostmann: Natürlich, ich bin 77 Jahre alt! Als ich Kind war, hatten wir ja ein Problem mit unserem Staat und unserer Identität. Jahrhundertelang waren wir ein großes Land, dann sind wir hin- und hergeschupft worden.

Wie definieren Sie Heimat? Hat der Begriff in Zeiten der Nationalisierungstendenzen einen faden Beigeschmack?
Also mir gefällt die Definition von Ottfried Fischer: „Heimat ist dort, wo einem die Todesanzeigen etwas sagen.“ (lacht) Im Ernst: Angeblich gibt es den Begriff Heimat nur in deutscher Sprache. Oder fällt Ihnen das englische oder französische Wort dafür ein? Er handelt sich um einen Ausdruck aus der Zeit der Romantik, die Folgen könnten gefährlich sein.

Das müssen Sie erklären …
Grillparzer hat in etwa gesagt: Von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität. Und den Begriff „Volk“ verbunden mit „Tümlichkeit“ haben wir im Grunde den Romantikern zu verdanken, die Nationalsozialisten formten dann hehre Ideale zu furchtbaren Ideologien. Irgendetwas ist da auch beim Heimatbegriff hängen geblieben.

Verwenden Sie ihn?
Nicht sehr gern. Aber umgekehrt denke ich mir, man darf ihn sich auch nicht nehmen lassen. Ich war froh, als Alexander Van der Bellen den Begriff im Wahlkampf verwendet hat.

Warum?
Weil „Heimat“ meist von der rechten Seite besetzt wird, durch VdB wird der Begriff quasi neutralisiert.

Sie unterstützen die Grünen seit der ersten Stunde, haben VdB im Präsidentschaftswahlkampf unterstützt. Hoffen Sie jetzt, dass die Grünen in die Regierung kommen?
Ich denke, Sebastian Kurz hat Instinkt genug, um zu sehen, dass so eine Koalition zukunftsweisend und beispielhaft in Europa wäre. Aber natürlich sind die Hürden, die es zu überwinden gilt, hoch.

Haben Sie Angst, dass die Prinzipien der Grünen in einer Koalition verwaschen werden?
Nein. Ich finde, die Grünen sind ohnehin oft zu stur, sollten pragmatischer werden. Aber nicht in Sachen Asyl. Die Gesetze im Asylbereich sind furchtbar, da müssen die Grünen ihren Prinzipien treu bleiben.

Sie produzieren in Seewalchen am Attersee. Gibt es dort genügend Näherinnen?
Wir bilden selbst aus, auch Ausländer, bei denen wir Bauchweh haben.

Warum Bauchweh?
Weil wir Angst haben, dass sie wieder abgeschoben werden. Es war ja eine Zeit lang erlaubt, dass Unter-25-Jährige in bestimmten Berufen ohne Aufenthaltsbewilligung ausgebildet werden. Diese Hundstorfer-Verordnung wurde  von der türkis-blauen Regierung gestrichen. Wer weiter ausbildet, ist im illegalen Bereich. Das ist skandalös, ich nehme an, dass dieses Thema von der neuen Regierung – egal wie sie sich zusammensetzt – wieder aufgegriffen wird.

Sie haben sich lange für das bedingungslose Grundeinkommen eingesetzt. Jetzt nicht mehr?
Ich bin noch immer davon überzeugt, dass wir uns darauf vorbereiten müssen, habe das im Zusammenhang mit den Ladenschlussdiskussionen vor über 30 Jahren erkannt. Die armen Frauen mit den kleinen Kindern muss man mit strengen Ladenschlusszeiten – speziell zum Wochenende – schützen. So verlogene Argumentationen! Mit einem kleinen Basiseinkommen kann jeder frei entscheiden, ob und was er wann dazuverdienen will.

Offen bleibt die Frage der Finanzierung ...
Es geht sich rechnerisch aus, wenn wir alle Unterstützungen und teure Bürokratie dahinter streichen. Natürlich würden dann viele ihren Job bzw. ihre Funktion verlieren. Regt mich nicht auf, sie hätten ja ein Grundeinkommen.

Werden Sie das bedingungslose Grundeinkommen noch erleben?
Meine Mutter ist 102 geworden. Mit ihren Genen vielleicht schon.

Wollten Sie nie in die Politik gehen?
Nicht in die Parteipolitik.

Sie waren doch bei der Gründung der Grünen dabei …
Die Gründungsmitglieder haben sich in Räumlichkeiten unserer Firma getroffen. Freda Meissner-Blau hatte ihr Büro für die Präsidentschaftswahl bei uns und da haben sich auch Sympathisanten der aufkeimenden Grünbewegung bei uns im Keller getroffen.

Saß Peter Pilz damals auch bei Ihnen im Keller?
Ja, er war damals schon ein Spaltpilz, der so gut wie alle Bürgerlichen rausgeekelt hat, so wie den Günther Nenning. Was ich ihm anrechne ist, dass er Van der Bellen zu den Grünen geholt hat.

Sind Sie für eine CO2-Steuer?
Wir sollten uns als Konsumenten generell mehr zurücknehmen. Ob beim Fetzen kaufen, Fliegen oder Fleischessen. Mir imponiert Vivienne Westwood, die immer predigt, dass wir nicht dauernd etwas Neues kaufen sollen. Ich habe ihr vor ein paar Jahren ein selbst gestricktes Westerl meiner Mutter geschenkt, mit dem sie sich immer wieder abbilden lässt. Uns verbindet viel, obwohl uns optisch Welten trennen.

Sie sparen unter anderem beim Papier …
Wieso?

Als Notizzettel werden im Geschäft alte Rechnungen verwendet, auf deren Rückseite geschrieben wird …
Das ist ja selbstverständlich, dass wir altes Papier nicht wegschmeißen, sondern so weit wie möglich verwenden. Aber Zeitungen als Klopapier möchte ich heute nicht mehr haben.

 

Gesine Maria „Gexi“ Tostmann hat 1968 den Trachtenbetrieb von ihren Eltern übernommen und führt ihn seit 2002 gemeinsam mit ihrer Tochter Anna. Die 77-jährige Unternehmerin hat eine  Dissertation zum Thema „Wechselwirkung von Tracht und Mode in Österreich“ geschrieben. Sie sagt von sich selbst, dass sie keinen Knopf annähen und nur Löskaffee kochen kann. Sie hat sich immer um das Geschäftliche gekümmert und sich auch in die politische Diskussion eingebracht. Etwa 1987, als sie mit einer Verfassungsklage das Ladenschlussgesetz kippte.

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