Ringen um IT-Gehälter: Warum die Einigung so schwierig ist
Die Verhandlungen um einen neuen Kollektivvertrag für die rund 90.000 Beschäftigten in der heimischen IT-Branche sind gehörig ins Stocken geraten. Vor der morgigen, bereits sechsten Verhandlungsrunde, zeichnet sich noch keine Einigung ab. Arbeitgeber und Arbeitnehmer liegen mit ihren Forderungen noch meilenweit auseinander.
Die Gewerkschaft GPA holte sich zuletzt Rückendeckung bei Betriebsversammlungen in ganz Österreich, um den Druck zu erhöhen. Sollte es am Mittwoch keinen Abschluss geben, werden weitere Maßnahmen ergriffen, es liegen also (Warn)streiks in der Luft.
4 Prozent versus 1,9 Prozent
Die vertrackte Ausgangslage: Die Arbeitnehmervertreter sind von ihrer Maximalforderung von 4,3 Prozent mehr Gehalt bisher nur geringfügig auf 4 Prozent abgerückt, was die Arbeitgeber aber als völlig realitätsfremd ablehnen. Sie boten zunächst ein Gehaltsplus von 1,6 Prozent und erhöhten zuletzt auf 1,9 Prozent. Allerdings nur auf den KV-Mindestgehalt, nicht jedoch auf die Ist-Gehälter. Für die Ist-Gehälter gibt es bis dato gar kein Angebot.
Sandra Steiner, Verhandlungsleiterin der Gewerkschaft GPA will sich damit nicht abspeisen lassen und fordert eine saftige Nachbesserung des Angebotes. Auch die Gewerkschaft sei durchaus noch verhandlungsbereit, sagt sie zum KURIER.
Die dahinterliegende, rollierende Inflation liegt bei 3,5 Prozent. 2025 stiegen die Mindest-Gehälter im Rahmen eines 2-Jahres-Abschlusses um 3,2 und die Ist-Gehälter um 3,7 Prozent.
KV-Spielraum für die Arbeitgeber
Anders als in den meisten anderen Branchen haben die Arbeitgeber in der IT-Branche einen gewissen Spielraum bei den Ist-Gehältern, die wegen der Heterogenität der Tätigkeiten in Gehaltsklassen unterteilt sind. Zehn Prozent der Beschäftigten können daher von einer KV-Erhöhung ausgenommen und 15 Prozent in eine Einmalzahlung umgewandelt werden. Steiner spricht von einem 25-Prozent-Abschlag, den die Betriebe nutzen könnten. Eine Null-Lohnrunde will sie nicht akzeptieren.
„Die IT-Branche ist in keiner Krise, sie steht besser da als die meisten anderen Branchen und leidet unter akutem Fachkräftemangel“, betont Steiner. Laut Erhebung der Wirtschaftskammer fehlen bereits jetzt rund 28.000 IT-Expertinnen und Experten. Zudem gingen in den nächsten Jahren Tausende Babyboomer in Pension, was die Lage noch verschärfe. Der zunehmende Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) ändere zwar die Aufgaben, einen Personalrückgang habe es bisher aber nicht gegeben, so Steiner. „Wir sind eine nach wie vor wachsende Branche“.
Arbeitgeber-Vertreter: Deutschland billiger als Österreich
Martin Zandonella, Verhandlungsführer für die Wirtschaftskammer, sieht das naturgemäß anders. „Die IT-Branche ist keine Insel der Seligen, die Krise ist auch bei uns angekommen.“ Die enorme Steigerung der Gehaltskosten in den vergangenen drei Jahre bringe die IT-Arbeitgeber unter erheblichen Kostendruck. Das geforderte Gehaltsplus von 4 Prozent sei daher standortgefährdend. "Das wird es nicht annähernd spielen". Steiner müsse die „rosarote Brille“ abnehmen.
Der Personalkostenanteil von bis zu 80 Prozent im Bereich Software-Entwicklung biete keinen Spielraum für weitere Erhöhungen, argumentiert Zandonella. Selbst in Deutschland könne inzwischen billiger entwickelt werden als in Österreich. Dort seien die IT-Gehälter weniger stark gestiegen als hierzulande. Internationale IT-Konzerne ohne Headquarter in Österreich würden daher neue Projekte aus Kostengründen aus Österreich abziehen. "Die Jobs wandern ab".
Der Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen sei der Gewerkschaft offenbar nicht wichtig. Eine pauschale Gehaltserhöhung über alle Gehaltsklassen hält er für nicht darstellbar, zumal manche IT-Spezialisten ohnehin schon sehr hohe Gehälter hätten und Angebot und Nachfrage die Ist-Gehälter regulieren sollte.
Ein Abschluss in der sechsten Verhandlungsrunde scheint unter diesen Voraussetzungen schwierig. "Eigentlich ist alles abschlussreif", sagt Zandonella, doch die andere Seite müsse sich endlich bewegen. „Unser Ziel ist eine Lösung am Verhandlungstisch, doch dazu braucht es beide Seiten", sagt auch Steiner.
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