12 Fragen und Antworten zur Job-Integration

FLÜCHTLINGE: BAHNHOF IN GRAZ
Foto: APA/ELMAR GUBISCH Heute auf der Flucht, morgen auf Jobsuche. Aktuelle sind 18.000 Asylberechtigte beim AMS registriert.

EU-Kommissionspräsident Juncker will, dass Asylwerber "vom ersten Tag an" arbeiten. Alle Fakten zum Thema in Österreich.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker fordert ein Arbeitsrecht für Asylwerber "vom ersten Tag an". Bedingungslos ist dies bisher in keinem einzigen EU-Land der Fall. In Österreich ist das Thema Job-Integration höchst umstritten. Die bisherige Regelung scheint ob der jüngsten Entwicklungen überholt. Sozialminister Rudolf Hundstorfer ist neuerdings für einen leichteren Arbeitsmarkt-Zugang "offen". Wirtschaftskammer und Hoteliersvereinigung begrüßen den Juncker-Vorschlag. Der KURIER fasst die wichtigsten Fakten zur Causa zusammen.

1. Ab wann dürfen Flüchtlinge in Österreich arbeiten?

Neu ankommende Flüchtlinge, die einen Asylantrag stellen, haben in Österreich keinen freien Zugang zum Arbeitsmarkt. Erst drei Monate nach Zulassung zum Asylverfahren gibt es eine eingeschränkte und befristete Arbeitserlaubnis für Saisonbranchen wie Landwirtschaft oder Gastronomie, gemeinnützige Tätigkeiten oder Selbstständigkeit in freien Berufen. Nach der Anerkennung als Flüchtling dürfen Asylberechtigte ohne Einschränkung arbeiten.

2. Warum ist die jetzige Regelung so umstritten?

Sie entspricht nicht der EU-Vorgabe, die nach spätestens neun Monaten einen uneingeschränkten Zugang vorsieht. Befristete Hilfsjobs als Erntehelfer oder Abwäscher sind nicht nachhaltig. Laut WIFO-Studie bevorzugt die jetzige Regelung Asylwerber aus Ländern mit guten Netzwerken in Österreich (Serbien, Kosovo, Türkei). Die Studie schlägt vor, den Zugang nach drei Monaten zeitlich eingeschränkt, dafür aber für alle Branchen, zu erlauben.

3. Dürfen Flüchtlinge eine Lehre machen?

Eine Lehre für Asylwerber bis 25 Jahren ist grundsätzlich möglich, bedarf aber einer Bewilligung durch das AMS und unterliegt mitunter hohen Bürokratie-Hürden. So muss im gewählten Beruf ein nachgewiesener Lehrlingsmangel herrschen. Die Bewilligung wird über die gesamte Lehrzeit ausgestellt.

4. Was spricht für eine rasche Arbeitserlaubnis?

Asylwerber hätten gleich eine Beschäftigung und müssten nicht untätig ihr Asylverfahren abwarten. Sie könnten für ihren Lebensunterhalt (zum Teil) selbst aufkommen und hätten auch höhere Chancen, nach der Asylzuerkennung einen Job zu finden. Bei der Arbeit entstehen häufig auch wichtige soziale Kontakte, die dabei helfen, sich in Österreich besser zurechtzufinden.

5. Was spricht gegen die rasche Arbeitserlaubnis?

Die Arbeitsmarktlage. Laut WIFO-Studie im Auftrag des Sozialministeriums würde ein rascher Zugang die Arbeitslosigkeit leicht ansteigen lassen und in einigen Branchen zu Lohndumping führen. Geht das Verfahren negativ aus, müsste der Job wieder aufgegeben werden.

6. Wie viele Asylberechtigte sind derzeit arbeitslos gemeldet?

Ende August waren beim AMS inkl. Schulungsteilnehmer knapp 18.000 anerkannte Flüchtlinge gemeldet, davon allein 12.000 in Wien. Am wenigsten im Burgenland mit 82. Die größten Gruppen sind Syrer (5000), gefolgt von Afghanen (4200) und Tschetschenen (2900). Die meisten davon sind Männer. Insgesamt sind Asylberechtigte aus 90 Ländern vorgemerkt.

7. Welche Qualifikationen weisen die Asylberechtigten in Österreich auf?

… Genaue Daten gibt es nur bei den vorgemerkten Arbeitslosen. Aktuell ist die formale Bildung bei den Syrern etwas höher als etwa bei den Afghanen oder Tschetschenen (siehe Grafik). Laut WIFO-Studie verfügen etwa zwei Drittel der Asylberechtigten über eine mittlere Qualifikation. Das Problem: Viele schulische und berufliche Ausbildungen/Abschlüsse werden bei uns nicht anerkannt, oft fehlen die nötigen Dokumente.

8. Wo finden Asylberechtigte am ehesten Arbeit?

Grundsätzlich im Dienstleistungssektor, vor allem bei Arbeitskräfteüberlassern. Laut AMS haben im Vorjahr 5246 anerkannte Flüchtlinge einen Arbeitsplatz gefunden, heuer waren es bereits 3332. Die wichtigsten Branchen sind Arbeitskräfteüberlassung, Gastgewerbe, Handel, Gesundheit und Bau.

9. Was sind die Haupthemmnisse für die Jobvermittlung?

Eindeutig mangelnde Deutschkenntnisse. Das AMS bietet Job-Suchenden daher vor allem Deutschkurse an, stößt aber aus Budgetgründen auf Kapazitätsgrenzen. Weiteres Problem sind bei uns nicht anerkannte (Aus)bildungsabschlüsse. Das AMS Wien führt derzeit "Kompetenzchecks" durch, um zu klären, welche Qualifikationen die Flüchtlinge mitbringen und welche zusätzlichen Maßnahmen sie für die Job-Integration benötigen.

10. Die Wirtschaft klagt ständig über Fachkräftemangel. In welchen Berufen gibt es derzeit mehr offene Stellen als Bewerber?

In sehr wenigen. Österreichweit gibt es aktuell nur bei 20 von 550 Berufen, darunter "die Klassiker" Dreher, Schweißer und Fräser, mehr offene Stellen als Arbeitslose. Im Tourismus kommt es in Westösterreich saisonbedingt oft zu Fachkräfte-Engpässen, etwa bei Köchen.

11. Wie ist der Arbeitsmarktzugang in anderen EU-Ländern geregelt?

Höchst unterschiedlich. Ähnliche Regelungen wie in Österreich gibt es etwa in Slowenien, den Niederlanden, Zypern und Luxemburg. Deutschland gewährt nach neun Monaten vollen Arbeitsmarktzugang. Fast alle osteuropäischen Länder haben strengere Regelungen.

12. Was schlagen Experten weiters für eine bessere Job-Integration vor?

Vor allem eine kürzere Asyl-Verfahrensdauer, um längere Stehzeiten zu verhindern. Die OECD schlägt vor, den Arbeitsmarktzugang an bestimmte Integrationsleistungen (wie z.B. verpflichtende Sprachkurse) zu knüpfen. Grundsätzlich– sind sich alle Experten einig – braucht es eine intensivere Betreuung, was freilich auch viel mehr Geld kosten wird.

(kurier) Erstellt am
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