"Tiefpunkt noch nicht erreicht": Nach dem Angriff im Iran sind die Finanzmärkte im Kriegsmodus

Der Angriff auf den Iran hat die Aktienbörsen weltweit erschüttert. Bis auf Weiteres erwartet Top-Analyst Martin Lück einen volatilen Seitwärtsmarkt.
"Tiefpunkt noch nicht erreicht": Nach dem Angriff im Iran sind die Finanzmärkte im Kriegsmodus

Minus 5,2 Prozent in Wien, minus 6,7 Prozent in Frankfurt, minus 4,9 Prozent in Paris oder minus 5,7 Prozent in London. Die vergangene Börsewoche lief in Europa so schlecht wie zuletzt jene im vergangenen April, als US-Präsident Donald Trump seine große Zollkeule auspackte und andere Staaten rund um den Globus damit bedrohte. In den USA selbst ging es diese Woche nur knapp drei Prozent bergab. Grund für die aktuell schlechte Performance sind nicht erneut Strafzölle, die meisten davon mussten die USA ohnehin wieder zurücknehmen.

Dieses Mal ist der Angriff auf den Iran der Spielverderber. Dass es zu Kriegsbeginn an den Kapitalmärkten noch relativ ruhig blieb, lag laut Martin Lück, Chef-Kapitalmarktstratege für Deutschland und Österreich bei der Investmentgesellschaft Franklin Templeton, daran, dass die erste Angriffswelle sehr erfolgreich gewesen sei. „Es ist ein Enthauptungsschlag erfolgt und man hat gehofft, vielleicht bleibt es dabei.“

Martin Lück

Investmentstratege Martin Lück.

Unsicherheiten

Dann habe der Iran zurückgeschlagen, US-Soldaten getötet und Raffinerien getroffen. Nun hänge alles davon ab, wie lange der Konflikt dauert. „Die Unsicherheit ist noch groß, etwa bezüglich wie Regime Change gemeint ist und wie das Ziel umgesetzt wird“, sagt Lück.

Für am wahrscheinlichsten hält Lück im KURIER-Gespräch ein Venezuela-Szenario, also eine neue iranische Führung, die mit dem Rücken zur Wand steht. „Trump wird versuchen, Deals zu machen.“ Öl stehe dabei nicht im Vordergrund, weil die USA bezüglich Energie autark seien. Und das Nuklearprogramm und die Unterstützung regionaler Terrorgruppen müssten eingestellt und Langstreckenwaffen abgegeben werden.

„Tiefpunkt noch nicht erreicht“

Dieses Szenario wäre für die Finanzmärkte ideal, denn der Einbruch wäre nur kurz und eine gute Einstiegsmöglichkeit. Bis auf Weiteres sieht Lück einen volatilen Seitwärtsmarkt. „Es geht erst wieder deutlich nach oben, wenn es eine klare Tendenz für ein Kriegsende gibt. Der Tiefpunkt ist noch nicht erreicht.“ Es hänge alles davon ab, wie lange der Konflikt dauert. „Solange der Iran sich wehrt und nicht kapituliert, wird weitergebombt.“

Für die nächste Zeit sieht Lück Rüstungsaktien nach wie vor als Top-Thema, die hohen Bewertungen seien gerechtfertigt, es sei der Sektor mit einem der größten Potenziale. Dahinter folgen mit mittelfristiger Ausrichtung nachhaltige Energieerzeugung, aber auch LifeScience und Biotech. „Wir müssen die beste CO2-Technik haben, um sie auf der ganzen Welt zu verkaufen. Wir müssen raus aus Öl“, so Lück.

US-Dollar

„Der US-Dollar hat eine kriegsbedingte Stärke. Er wird aber dann wieder abwerten. Ich rechne zum Euro mit 1,20 oder mehr bis Jahresende. Anleger sollten lieber in Euro-Werten bleiben oder in die Emerging Markets gehen, weil diese Länder relativ viel Kapital anziehen und die Währungen stärken.“ Lück nennt hier vor allem Asien und insbesondere Japan. Die neue, sehr konservative Regierung werde Strukturreformen durchsetzen.

Gold wiederum sei schon stark gelaufen, aber die Politik der Notenbanken habe sich kaum geändert. Sie werden weiterhin zukaufen, glaubt der Experte.

US-Zinssenkungen

Apropos Notenbanken: Bei der US-Inflationsrate sieht Lück auf Sicht der nächsten Monate eine Drei vor dem Komma. „Die Märkte erwarten zwei Zinssenkungen bis Sommer, in der zweiten Jahreshälfte zumindest eine weitere.“ Mit der Begründung, dass der Arbeitsmarkt so schwach sei. „Denn der neue Notenbankchef wird sich nicht Trumps Wunsch nach Zinssenkungen widersetzen.“ Das sorge auch für eine Dollar-Abwertung.

Unter dem Strich werden Lück zufolge die Aktienmärkte voraussichtlich dieses Jahr positiv abschließen, aber im Gegensatz zu 2025 nur im einstelligen Bereich. Europa werde die USA währungsbedingt nicht outperformen, in lokaler Währung jedoch schon.

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