Wirtschaft
12.09.2018

Fehlen in Österreich wirklich 162.000 Fachkräfte?

Analyse: Die Wirtschaftskammer klagt über Personalengpässe. Die Erhebungsmethode weist Schwächen auf.

Seit Tagen geht Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer mit einer nach Eigendefinition „verdammt großen Zahl“ hausieren: 162.000 Fachkräfte-Stellen könnten derzeit in Österreich nicht besetzt werden. Aber wie kommt er auf diese Zahl? Sie stammt aus dem neuen Fachkräfteradar des von der Kammer beauftragten Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw).

Dafür wurden im April 80.000 Betriebe angeschrieben, 4462 von ihnen antworteten und gaben ihre offenen Stellen bekannt. Rund 9000. Das ibw gewichtete die Antworten und rechnete die Zahlen dann auf alle 180.000 Mitgliedsbetriebe hoch. Anders als bei vergleichbaren Erhebungen deutscher Institute wurden die registrierten Arbeitslosen in der jeweiligen Branche nicht berücksichtigt. „Weil es dem Tiroler Betrieb ja nicht hilft, wenn es in Wien noch einen Job suchenden Koch gibt“, erläutert ibw-Experte Helmut Dornmayr.

Tatsächlich gibt es in manchen angeblichen Mangelberufen nach wie vor mehr Bewerber als offene Stellen. Bei Restaurantfachkräften meldet sogar das Tourismusland Tirol aktuell einen Überhang: 238 Arbeitslose kommen auf 189 offene Stellen. Ein vom deutschen Wifor-Institut für Oberösterreich erstellter „Fachkräftemonitor“ berücksichtigt auch das Angebot und kommt für 2018 zu weniger dramatischen Zahlen.

Köche und IT-Kräfte

Ein zweiter Blick auf das Radar zeigt, dass sich der Fachkräftemangel zwar durch alle Branchen zieht, aber nur in wenigen Berufen wirklich akut ist: Gesucht werden vor allem Köche, IT-Fachkräfte, Tischler, Elektrotechniker, Kraftfahrer, Verkäufer und Restaurantfachkräfte. Das deckt sich auch mit den aktuell beim AMS gemeldeten rund 80.000 freien Stellen. Jeder zehnte Job entfällt hier auf den Tourismus, weitere 13.000 auf den Handel und 22.000 auf die Arbeitskräfteüberlassung. Jeder vierte Job wird übrigens in Oberösterreich gesucht. Die Meldequote beim AMS beträgt allerdings nur 41 Prozent. Bleibt noch zu klären, was überhaupt eine Fachkraft ist? „Alles, was nicht Hilfskraft ist, wir haben einen bewusst weiten Begriff gewählt“, erklärt Dornmayr.

Mahrer lässt Kritik an den hochgerechneten 162.000 nicht gelten: „Wir gehen davon aus, dass es eine konservative Berechnung ist, es könnte in Wirklichkeit sogar noch höher sein.“ Der WKO-Boss fordert daher eine Gesamtstrategie, um mittel- und längerfristig die Fachkräftesicherung zu gewährleisten. Notfalls sogar mit einer Öffnung der Rot-Weiß-Rot-Card für Lehrlinge aus Drittstaaten.

Für Verwunderung sorgt auch eine Grafik im Fachkräfteradar, wonach die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 60 Jahren bis 2030 von 5,045 Millionen auf 4,812 Millionen sinken wird. Bekanntlich liegt das gesetzliche Pensionsantrittsalter bei 65 (Männer, Frauen werden ab 2024 stufenweise angeglichen). Dornmayr verweist auf das durchschnittliche Pensionsalter in Österreich. Das aber bis 2030 nicht bei 60 bleiben wird. Schon gar nicht angesichts eines sich verschärfenden Fachkräftemangels.