Wirtschaft 16.04.2018

Fabasoft-Chef: „Warne seit Jahren vor Facebook“

Fabasoft-Chef Fallmann unterstützt auch den Datenschutzaktivisten Max Schrems © Bild: Fabasoft

Helmut Fallmann erklärt, wie er eine sichere elektronische Identität für jeden EU-Bürger etablieren will.

Weg mit dem Papier. Vor 30 Jahren gründete Helmut Fallmann gemeinsam mit Leopold Bauernfeind eine Softwareschmiede, um Akten und Dokumente elektronisch aufzubereiten. Heute ist die Linzer Fabasoft ein führender europäischer Softwarehersteller und Cloud-Dienstleister für digitale Dokumentenlenkung und Prozessmanagement. Die öffentliche Hand ist ein wichtiger Kunde. Im KURIER-Interview spricht sich Fallmann für einen besseren Datenschutz und digitalen EU-Binnenmarkt aus.

KURIER: Überrascht Sie der Datenskandal bei Facebook?

Helmut Fallmann: Nein, gar nicht. Es ist der Grund, warum ich Facebook privat nie benutzt habe. Ich warne die Menschen seit Jahren davor, genau darauf zu achten, welche Daten sie wem anvertrauen. Facebook kann man sicher am wenigsten vertrauen. Es ist eine Kombination aus Zuviel an Sammelwut und Zuviel an Zugriffsmöglichkeiten für Externe, dazu kommen Gesetzesverstöße.

Was ist zu tun?

Es freut mich, dass in der EU jetzt mit der neuen Datenschutzgrundverordnung ein riesengroßer Schritt für mehr Datenschutz gelungen ist. Das ist ein Gesetz, das Weltmaßstäbe setzt. Große Konzerne wie Apple reagieren ja schon darauf und setzen die Regeln global um. Am 25. Mai muss auch Facebook das umgesetzt haben.

Was, wenn Facebook sich nicht daran hält?

Dann muss Brüssel hohe Strafen verhängen.

Lassen sich die US-Internet-Riesen denn überhaupt noch regulieren?

Sie werden sich regulieren lassen müssen. Ich bin da optimistisch, aber es wird ein paar Jahre dauern, bis man den Konzernen klar gemacht hat, dass die EU diese Gesetze auch umsetzt und Strafen verhängt.

Der strengere Datenschutz trifft auch KMU. Sie stöhnen unter der Regulierungswut. . .

Ich wehre mich gegen das Wort Regulierungswut. Wir brauchen keine überschießenden Regelungen und das ist die Brüsseler Regelung auch nicht. Gerade KMU profitieren, wenn es einen fairen Wettbewerb auf Augenhöhe gibt. Heute haben sich die Großen eigene Regelwerke geschaffen, die Staaten waren ihnen egal. Europäisches Recht muss für alle gelten.

Viele befürchten Klagen, wenn sie nicht alles genau beachten.

Das Risiko ist immer vorhanden, aber wer sich ordentlich vorbereitet, braucht sich nicht zu fürchten.

Sie sind Verfechter eines digitalen EU-Binnenmarktes und schlagen in Ihrem Buch eine sichere elektronische Identität (ID) für jeden EU-Bürger vor. Ist das nicht eine Utopie?

Das hoffe ich nicht. Bei jeder Geburt entsteht eine physische Identität, die wir im analogen Leben gut nutzen. Es wandert aber viel Geschäft ins Digitale und es gibt immer mehr immaterielle Güter. Wir brauchen in dieser virtuellen Welt daher eine eindeutige Identifizierung von Personen oder Unternehmen. Mit genormten Online-Identitäten muss es einfach möglich sein, im europäischen Binnenmarkt alle Verträge abschließen zu können.

Eine solche elektronische ID gibt es in Österreich schon: die Handy-Signatur. Soll es eine EU-weite Handy-Signatur geben?

Ja, ich möchte die österreichische Handy-Signatur für ganz Europa. Es bräuchte dafür eine einheitliche Schnittstelle für alle Länder und es muss sichergestellt werden, dass der Umgang überall gleich ist. Das Rennen um die Identität im Internet läuft längst zwischen den großen Internet-Konzernen. Ich will, dass die Staaten hier gewinnen und eine europäische Identität sicherstellen. Es kann über das Handy funktionieren und muss hochsicher sein. Technisch gesehen schwebt mir da eine Art Nachfolgemodell für die so genannte Blockchain vor. Da könnte man dann auch staatlich regulierte, digitale Währungen aufsetzen.

Helmut Fallmann, Andreas Dangl
Helmut Fallmann mit Andreas Dangl, Geschäftsführer Fabasoft Cloud Services © Bild: Kurier/Gilbert Novy

Österreich hat mit Margarete Schramböck jetzt eine eigene Digitalisierungsministerin. Welche Themen muss sie rasch angehen?

Wir sind bei der Handy-Signatur auf einen guten Weg, mir geht aber der 5G-Ausbau (nächste Mobilfunkgeneration, Anm.) dramatisch zu langsam. Der Standard ist schon sehr weit, die Hardware ist fertig. Man könnte wie in Südkorea heute sehr wohl schon eine 5G-Infrastruktur ausrollen.

Zu Fabasoft selbst. Sie haben gerade die Anteile bei der Tochter Mindbreeze aufgestockt. Was sind die nächsten Expansionsschritte?

2017 war das beste Wirtschaftsjahr der Unternehmensgeschichte, wir hatten ein starkes Umsatz- und Ergebniswachstum (Jahresbilanz liegt noch nicht vor, Anm.). Während wir mit Fabasoft einen Fokus in der EU haben, ist unsere Tochter Mindbreeze global tätig. Wir haben kürzlich in Chicago die Mindbreeze USA gegründet und sind sehr erfolgreich auf dem US-Markt, es gibt derzeit das größte Wachstum dort. Wir schauen uns auch immer wieder Übernahmeziele an, etwa im Bereich künstliche Intelligenz (KI).

In der IT-Branche herrscht akuter Fachkräftemangel. Wie geht es Fabasoft damit?

Wir brauchen heuer sicher 60 neue Mitarbeiter. Das wird eine Herausforderung. Alle Leute, die wir nicht in Österreich finden, müssen wir von woanders holen. Aktuell behindern wir uns mit der Bildungspolitik selbst...

Inwiefern?

Wir haben im Bereich Informatik schon zu wenig Studienanfänger, geschweige denn Absolventen. Vor allem jene, die aus den AHS kommen, tun sich schwer. Ich schlage daher vor, eine Art Vorbereitungsjahr für AHS-Maturanten auf das Informatik-Studium anzubieten, damit diese auf das HAK- bzw. HTL-Niveau kommen.

Sollen Volksschüler schon programmieren lernen?
Spielerisch Roboter zu programmieren kann sicher Spaß machen. Da kann man schon früh damit beginnen. Jeder sollte zumindest gewisse Grundkenntnisse im Programmieren haben, weil Roboter künftig zum Alltag gehören werden .IT spielt in 20 Jahren eine ganz zentrale Rolle im Alltag, sie hält quasi in jeder Branche Einzug.

Fabasoft: 30 Jahre im Dienste der Datensicherheit

Das Kerngeschäft des 1988 in Linz gegründeten Softwareherstellers und Cloud-Dienstleisters  ist die Nachvollziehbarkeit von Prozessen rund um Daten (Personen-, Maschinendaten) und Dokumente. Auch zur Umsetzung der EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGV) bietet das Unternehmen eigene Lösungen an. Die Fabasoft AG ist an der Frankfurter Börse gelistet und beschäftigt rund 200 Mitarbeiter in Österreich, Deutschland und Schweiz.

Zu den Kunden gehört die öffentliche Hand  im Bereich eGovernment, aber auch Konzerne wie Lufthansa oder Ikea. Fabasoft hält 76 Prozent an der  von Fallmanns Bruder Daniel geleiteten IT-Tochter Mindbreeze. Im ersten Halbjahr 2017/’18 legte der Umsatz um 15 Prozent auf 15,7 Mio. Euro, das Ergebnis (EBIT) von 1,0 auf 2,6 Mio. Euro zu.

( kurier.at ) Erstellt am 16.04.2018