Herbert Walterskirchen: „Die Politik der Europäischen Zentralbank mit den tiefen Zinsen ängstigt mich“

© KURIER/Gilbert Novy

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12/08/2014

"Negativzinsen sind Schwachsinn"

Der langjährige Wüstenrot-Chef Herbert Walterskirchen über Fehler der Banken und Zukunft des Bausparens.

von Irmgard Kischko

Wenn es um Bank-Erfahrung geht, kommt wohl kaum ein Österreicher an Herbert Walterskirchen heran: 50 Jahre arbeitet der 77-Jährige schon für Wüstenrot, viele Jahre als Vorstand der Bausparkasse, seit 2001 als Chef des Aufsichtsrats der Wüstenrot-Gruppe. Mit dem KURIER sprach er über das verlorene Vertrauen in die Banken, den Sinn des Bausparens und Geldanlage in Zeiten von Mini-Zinsen.

KURIER: Herr Walterskirchen. Banken stecken in einer tiefen Krise. War dieser Absturz für Sie absehbar?

Herbert Walterskirchen: Ich komme aus einer Zeit, in der es für Banken vorrangig war, dass Einlagen und Ausleihungen ausgeglichen sind. Alle, die dabei geblieben sind, haben auch die schwierige Zeit von 2008/’09 gut überstanden. Das gilt jedenfalls für eine Reihe von Regionalbanken. Sie dienen nach wie vor der Realwirtschaft. Die anderen Banken haben sich von diesen Prinzipien entfernt. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen.

Halten Sie viele Geschäfte, die Banken heute machen, für sinnlos?

Es ist traurig, was aus der Finanzwirtschaft geworden ist: Ein Casino, in dem täglich Billionen von Dollar um den Globus geschickt werden, ohne dass die Realwirtschaft etwas davon hat. Die Krise hat dies nicht viel verändert. Statt Kredite an Unternehmen zu vergeben, wetten Zocker untereinander. Das ist Wahnsinn und gefährlich.

Die Antwort der Bankenaufseher heißt: Mehr Eigenkapital, Mini-Zinsen. Zügelt das Banken?

Höheres Eigenkapital halte ich für richtig. Aber die Politik der Europäischen Zentralbank, mit tiefen Zinsen und dem Aufkauf von faulen Krediten die Krise zu bewältigen, macht mir Angst. Die tiefen Zinsen sind eine glänzende Voraussetzung für Finanzgeschäfte jeglicher Art. Das verbessert die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft nicht. Und die Schulden der EZB wachsen. Im Klartext: Die kleinen Kunden sind betroffen, ihr Geldvermögen wird weniger wert.

Einige deutsche Banken verlangen von Kunden jetzt Zinsen für Spareinlagen. Könnte das auch in Österreich kommen?

Für die Bausparkasse Wüstenrot schließe ich das aus. Grundsätzlich halte ich Negativzinsen für Schwachsinn. Das kommt davon, wenn Banken den Kontakt zu den Kunden verlieren. Das Vertrauen in die Banken ist ohnehin schon gering. Da begreife ich nicht, warum man das mit Negativzinsen zusätzlich belastet.

Auch Bausparen bringt nur noch wenig Zinsen. Warum sollte man noch einen Bausparvertrag abschließen?

Interessanterweise läuft das Spargeschäft der Bausparkasse unheimlich gut. Mit der staatlichen Prämie bekommt der Kunde immerhin ein bisschen mehr heraus als am Sparbuch. Bausparen ist damit so etwas wie ein Notgroschen. Das Wichtigste ist aber: Das Geld der Bausparer geht zu 100 Prozent in die Finanzierung des österreichischen Wohnbaus und in keine internationalen Zockereien.

Die staatliche Prämie wurde mehrmals reduziert und beträgt jetzt 1,5 Prozent der jährlichen Einzahlung. Können Sie diese Sparförderung der Politik gegenüber überhaupt noch begründen?

Die Bausparkassen versprechen den Kunden, dass die Darlehenszinsen nie über sechs Prozent steigen. Das ist zwar weit weg vom aktuellen Zinsniveau. Aber die Zinsen werden wieder einmal steigen und dann wird die Politik froh sein, dass es Bausparkassen gibt. Ohne Förderungen würden wir bald keine neuen Bauspardarlehen mehr vergeben können.

Aktuell zieht dieses Argument nicht. Darlehen der Bausparkassen sind derzeit teurer als Wohnbaukredite der Banken, die nicht gefördert werden ...

Wir müssen uns derzeit wirklich anstrengen, Finanzierungen zu vergeben. Aber: Wir haben bewiesen, dass wir langfristig vertrauenswürdig und seriös sind. Unsere Darlehen laufen bis zu 30 Jahre. In dieser Zeit kann sich viel verändern, die Kapitalmarktzinsen können auch wieder einmal über die sechs Prozent steigen. Dagegen sind Bauspardarlehens-Nehmer mit der sechs Prozent-Obergrenze gut geschützt.

Die tiefen Zinsen sind auch für die Bausparkassen selbst ein Problem. Verdient Wüstenrot dabei überhaupt noch?Es ist schwieriger geworden, aber wir verdienen noch. Von den goldenen Zeiten, die wir in den 1970er-und 80er-Jahren hatten, sind wir aber weit entfernt. Damals hatten wir Zinsmargen von 2,3 Prozent, heute höchstens noch 1,6 Prozent. Das Gute aber ist: Wir haben im Gegensatz zu den Banken fast keine Kreditausfällen, also sehr geringe Risikokosten. Das Risikomanagement ist aber auch bei uns sehr wichtig geworden.

Wenn Sie von goldenen Zeiten sprechen: Könnte man nicht sagen, Bausparen hatte in den Jahrzehnten des Nachkriegs-Aufschwungs Sinn, jetzt aber nicht mehr?

Damals war die Situation sicherlich ganz anders. Wir haben Bauspardarlehen "gewährt", nicht "vergeben". Die Wartezeiten auf ein Darlehen lagen bei bis zu drei Jahren. Die Nachfrage war enorm. Auch die Bausparförderung war hoch: Ab 1973 fast ein Drittel der Einzahlung, 1979 wurde deutlich reduziert. Heute gibt es sehr viele Mitbewerber auf diesem Markt und es bedarf großer Anstrengungen im Konditionenwettbewerb.

Was ist zurzeit Ihre persönliche Präferenz für die Geldanlage?

Ich würde Aktien von substanzstarken Unternehmen mit hoher Dividendenrendite kaufen. Ich fürchte den Zeitpunkt steigender Zinsen.

Ein Banker vom alten Schlag

Herbert Walterskirchen (77) hat das österreichische Bausparwesen mit geprägt und wesentlich zu seiner großen Verbreitung beigetragen. Als er 1964 bei Wüstenrot begann, war die Nachfrage nach Bauspardarlehen zwar riesig, sie konnte aber bei Weitem nicht befriedigt werden. Denn die Bauspareinlagen, die Basis der Darlehensvergaben, waren äußerst gering. Walterskirchen, der schon 1968 in den Vorstand von Wüstenrot aufrückte, begann daher mit dem Aufbau eines Vertriebs, um mehr Sparkunden zu finden.

„Der Beginn war schwierig“, erinnert er sich. Im Burgenland etwa hatte Wüstenrot eine einzige Frau, die für den Vertrieb zuständig war. „Sie hatte kein Auto, auch keinen Führerschein und fuhr mit dem Bus zu den Kunden“, erzählt Walterskirchen von den Anfängen.
1973 gründete er die Wüstenrot Versicherung. Das sei zur besseren Auslastung des Vertriebs notwendig gewesen. Denn ab 1973 habe die Politik begonnen, immer wieder in das Fördersystem der Bausparkassen einzugreifen. Und nach jeder Änderung sei das Geschäft deutlich abgeflaut, habe sich nach einiger Zeit aber jedes Mal wieder gut erholt.

Der selbstständige Vertrieb ist nach wie vor eine wesentliche Stütze von Wüstenrot. Etwa die Hälfte des Bauspar-Neugeschäfts aber kommt über die Vertriebsschiene der Bawag/PSK, 15 Prozent von den 3-Banken und von Versicherungen.

50 Jahre in Zahlen

1964 vergab die Bausparkasse Wüstenrot 21.580 Bausparverträge, 2013 waren es mit 248.656 mehr als zehn mal so viele. Insgesamt zählt die Bausparkasse heute 1,3 Millionen Kunden im Sparbereich, vor 50 Jahren waren es 90.900. 505 Millionen Euro an neuen Finanzierungen vergab die Bausparkasse im Vorjahr, 1964 war es mit 33 Millionen Euro nur ein Fünfzehntel davon.

Den Bau oder die Sanierung von mehr als 400.000 Eigenheimen finanzierte die Bausparkasse in den 50 Jahren.

Die dummen Sparer

Das Geld muss in die Wirtschaft fließen, nicht aufs Sparkonto. So lautet das Credo der Europäischen Zentralbank, mit dem sie die Krise bekämpfen will. Null Zinsen für Einlagen der Banken bei der Zentralbank war der erste Schritt. Er nützte nicht. Dann verlangte die EZB von den Banken Strafzinsen für ihre Einlagen. Die Privatkunden sollte das nicht treffen, versprach die europäische Finanzwirtschaft. Doch in Deutschland zieht die Commerzbank von Firmenkunden nun doch Strafzinsen von deren Einlagen ab.

Österreichs Banken versichern: Bei uns kommt das sicher nicht. Sparer aber haben längst den Glauben an solche Aussagen verloren: Ihr Geld tragen die Österreicher dennoch zur Bank. Negativzinsen oder Mini-Zinsen? Auch schon egal. Die Sparer sind jedenfalls die Verlierer der Finanzkrise. Ihr Geld wird stetig weniger wert, während die, die vermögend sind, ihr Geld in Immobilien stecken und von den hohen Mieten profitieren.

Einzige Alternative für Sparer wäre Cash unterm Kopfpolster zu horten. Dafür fallen wenigsten keine Bankgebühren an. Aber auch das will ihnen die internationale Finanzindustrie möglichst austreiben. Bargeld soll tendenziell verschwinden. Nur noch Bankomat-, Kreditkarten und Online-Zahlungen sollen das Geldleben bestimmen. Der völlig transparente Bürger hätte dann keine Chance mehr, kleine Geschäfte an der Steuer vorbei abzuwickeln oder Geld zu Hause zu horten. Und die Banken hätten freie Hand, die Sparer zu schröpfen.

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