Rainer Voss: „Habe die Nase voll von Leuten mit siebenstelligen Gehältern, die anderen sagen, die Sozialhilfe sei zu hoch“.

© /Arsenalfilm

Interview
08/31/2014

Ex-Investmentbanker Voss: "Ich bin ungeheuer wütend"

Rainer Voss über die Unsinnigkeit vieler Bankgeschäfte und den schlechten Ruf der Banker.

von Irmgard Kischko

Rainer Voss zählte bis vor wenigen Jahren zu den bestverdienenden Investmentbankern Deutschlands. Seine Kunden waren Staaten, Entwicklungsbanken und internationale Organisationen. Kein Geschäft, das er abschloss, war kleiner als eine Milliarde Euro. Arbeitstage von zwölf und mehr Stunden waren seine Normalität, schnelle Autos und tolle Urlaube sein Ausgleich – bis er kurz vor Ausbruch der Finanzkrise 2008 genug hatte von Milliarden und der Hochfinanz. Er kündigte seinen Super-Job bei einer deutschen Großbank. Seither lebt er vom Ersparten, unterstützt Sozialprojekte und ist ein unermüdlicher Vortragsreisender, der den Blick der Gesellschaft auf die Gefahren eines Finanzsystems lenken will, das den Boden unter den Füßen verloren hat. Der KURIER sprach mit Rainer Voss am Rande des Forum Alpbach.

KURIER: Herr Voss, der Begriff Banker ist seit der Finanzkrise in der Bevölkerung in Verruf gekommen. Sind Banker wirklich so böse?

Rainer Voss: Nein, nur ein kleiner Teil der Banker. Die meisten machen einen guten Job mit Kreditvergabe und Spareinlagen. Auch im Investmentbanking ist nicht alles böse. Investmentbanker bringen Finanzierungssuchende und Financiers zusammen – etwa, wenn ein Unternehmen eine Anleihe begeben will, sucht ein Investmentbanker Käufer dafür. Das ist ja auch sinnvoll. Aber es ist im Investmentbanking ein Zweig entstanden, der gar keinen Sinn und furchtbare soziale Folgen hat: Das ist der Hochfrequenz-Computerhandel und das sind die vielen Derivate. Die haben das Potenzial, ganz großen Schaden anzurichten.

Wann war der Zeitpunkt, an dem das Investmentbanking begann, aus dem Ruder zu laufen?

Das war um das Jahr 2000 herum mit der zweiten großen Liberalisierungswelle am Finanzmarkt. Da wurden in Deutschland Hedgefonds und Private-Equity-Fonds zugelassen. Da begann die Finanzbranche, der Realwirtschaft davonzugaloppieren. Das war das große Übel.

Sie waren damals als Investmentbanker dick im Geschäft. Wie haben Sie diesen Turbo im Finanzsystem wahrgenommen?

Das war damals, als ob ein Schalter umgelegt worden wäre. Der Ton im Umgang mit den Mitarbeitern hat sich geändert, der Respekt ging verloren. Ich habe in den 1970er-Jahren als Banklehrling begonnen. Damals hatte der Beruf hohes Ansehen. Mein Vater war stolz auf mich. Da haben wir Bankmitarbeiter noch den Omis die Taschen nach Hause getragen. Ich bin ungeheuer wütend auf das, was aus dem Beruf geworden ist.

Wie würden Sie Banker heute beschreiben?

Ich denke, dass gewisse Teile des Bankgeschäfts, etwa der Aktienhandel, Menschen mit einer schwachen Persönlichkeit anzieht. Mit einem Blick auf den Computerschirm sehen sie jede Sekunde ihren Wert am Kurs der Aktie. Und im Investmentbanking arbeiten mehr Psychopathen als im Durchschnitt der Bevölkerung. Da gibt es dann die Menschen, die zwei Tage durcharbeiten. Da geht es nicht ums Geld, da wird der Arbeitgeber zum Gott und der heißt Morgan Stanley oder Goldman Sachs.

Jetzt versuchen die Bankenaufseher mit vielen neuen Regeln das Finanzsystem zu zähmen. Ist das der richtige Weg?

Das Problem ist, dass wir versuchen etwas zu regulieren, das wir nicht wirklich verstehen. Und die Regulierer sind ja auch Teil des Systems. Die Banken müssen das Eigenkapital erhöhen, damit die Ausfallsrisiken sinken. Die Investmentbanker sehen, dass die Bankgeschäfte zu geringe Erträge bringen und suchen risikoreicheres Geschäft. Der nächste Crash kommt daher bestimmt, wir wissen nur noch nicht wann.

Wann war Ihnen klar, dass Sie da nicht mehr mitmachen wollten?

Das war 2008. Die Werte des Investmentbankings hatten sich von meinen völlig entfernt. Ich hatte die Nase voll von Leuten, die siebenstellige Summen verdienen und anderen sagen, dass die Sozialhilfe, die sie beziehen, zu hoch sei.

Sind Sie seither Privatier?

Nicht nur. Ich habe unter anderem am Aufbau einer europäischen Ratingagentur mitgearbeitet, die soziale Faktoren berücksichtigt. Es ist nämlich egal, ob Spanien 100 oder 104 Prozent Schulden gemessen an der Wirtschaftsleistung hat. Viel wichtiger ist, ob Spanien 50 oder zehn Prozent Jugendarbeitslosigkeit hat. Ich glaube, wir stellen einfach die falschen Fragen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen mit den sinnvollsten Jobs, wie Kindergärtnerinnen oder Pfleger, am wenigsten verdienen, jene mit den unsinnigsten, wie Investmentbanker, aber am meisten.

Das große Thema ist derzeit die Staatsschuldenkrise ...

Das ist das falsche Wort. Es geht um die Schulden aller. Spanien hatte vor der Bankenkrise keine so hohen Staatsschulden. Die Politiker erzählen den Menschen aber nicht die Wahrheit. Sie müssten sagen: Wenn wir sparen, müsst ihr auf etwas verzichten.

Master of the Universe

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden ist der deutsche Investmentbanker Rainer Voss (55) im Vorjahr durch den Film „Master of the Universe“. Der Filmemacher Marc Bauder drehte mit Voss diese Dokumentation über das Leben eines Investmentbankers. Voss hat nach der Banklehre in Köln Volkswirtschaft studiert und begann dann in einer großen deutschen Bank im Bereich Anleihehandel zu arbeiten – mit viel Erfolg. Er wechselte einige Male die Bank und kletterte so die Karriereleiter hoch. Heute ist er Privatier und lebt in Frankfurt.

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