EU-Atomlobby erneut unter Stress

Nikolaus Berlakovich, Andreas Mulin
Foto: KURIER/Boroviczeny Umweltminister Berlakovich (li.) und AKW-Prüfer Molin

Das Ergebnis der EU-Sicherheitsprüfungen dürfte Zusatzinvestitionen für Risiko-Reaktoren in Milliardenhöhe zur Folge haben.

Japan begeht den Jahrestag der Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima fast ohne Atomenergie: Nur zwei der 54 Meiler im Land sind in Betrieb, alle anderen zu Inspektionen heruntergefahren. Dennoch ist das Land nicht ohne Licht. Für Österreichs Umweltminister Niki Berlakovich ein Beweis dafür, dass es auch ohne Atomenergie geht.

„Japan hat noch immer riesige Probleme bei der Beseitigung der Folgen des Unglücks. Es wäre aberwitzig, Atomenergie eine Zukunftsperspektive zu geben“, sagt der Minister zum KURIER.

Auch wenn sich die Atomlobby nach außen gerne gelassen zeigt und auf das weltweite Wachstum der Kernkraft hinweist – hinter den Kulissen herrscht Nervosität. Denn bis Juni sollen die Ergebnisse des EU-Stresstests der Atomkraftwerke veröffentlicht werden.

„Dann wird es wieder eine heftige politische Diskussion über Atomenergie geben. Der Druck auf die Betreiber, entweder sicherheitstechnisch nachzurüsten oder die Kraftwerke vom Netz zu nehmen, wird enorm“, ist Berlakovich überzeugt. Zig Milliarden an nötigen Nachrüstungsinvestitionen in den AKW dürften Ergebnis der Stress-Tests sein: Allein in Frankreich geht die nationale Aufsichtsbehörde von 10 bis 15 Milliarden Euro an zusätzlichen Sicherheits-Investitionen in die 58 AKW aus.

Österreicher prüft

Infografik Foto: Infografik Atomkraftwerke in Europa

Nicht zuletzt auf heftiges Drängen Österreichs hat die EU im Vorjahr Stress-Tests für die Atomkraftwerke beschlossen. In einer ersten Phase haben die Betreiber selbst Daten über die Anlage an die nationalen Aufsichtsbehörden übermittelt. Für Grünen-Chefin Eva Glawischnig ist diese Phase eins des Stresstests eine Farce. Dies berge die Gefahr, dass sich die Betreiber „Persil-Scheine“ ausstellten.

Andreas Molin, Leiter der Abteilung Nuklear-Koordination im Umweltministerium und jener Österreicher, der in der achtköpfigen EU-Atomkraftwerks-Kontrollgruppe („Stress Test Peer Review Board“) sitzt, lässt diese Kritik nicht gelten. Denn die Daten der Betreiber würden in einem zweiten Schritt von den nationalen Aufsichtsbehörden überprüft. Und im dritten Schritt durchleuchtet die Peer Review Board die Atomkraftwerke auf Basis erhöhter Stress-Annahmen.

So wird zum Beispiel die Widerstandsfähigkeit der Kernkraftwerke im Fall von starken Erdbeben durchgespielt. Oder es werden Flugzeugabstürze simuliert, die ein AKW beschädigen.

„Es ist das erste Mal in Europa, dass einheitliche und vergleichbare Sicherheitstests für alle Atomkraftwerke angewendet werden. Die Ergebnisse der Tests werden im Internet für jeden einsehbar sein. Schon jetzt sind die AKW-Stresstests der nationalen Aufsichtsbehörden im Internet nachzulesen.“

Umweltschützern und Grünen gehen die Tests nicht weit genug. Sie fordern rasch Maßnahmen auch in Österreich: Global 2000 erneuerte angesichts des Fukushima-Jahrestags die Forderung nach einem Atomstrom-Importverbot in Österreich. Fünf Prozent des heimischen Stroms stamme aus AKW. Und die Grünen forderten am Freitag die Regierung zur Blockade der 100-Mio.-Euro-Tranche auf, die Österreich zum Euratom-Forschungsprogramm beisteuern will.

Weiterführende Links

Ausstieg: Deutschland will ab 2022 frei von Kernenergie sein
Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte prompt: Kurz nach dem Reaktor-Unglück in Japan kündigte sie die Verkürzung der Laufzeit der deutschen Atomkraftwerke an. Acht Alt-Reaktoren mussten sofort vom Netz genommen werden. Im Juni beschloss die Regierung den Atom-Ausstieg.

Dieser sieht vor, dass die sieben ältesten Atommeiler, die nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima zunächst per Moratorium vorläufig abgeschaltet worden waren, nicht mehr ans Netz gehen sollen, auch nicht der schon länger abgeschaltete Pannenreaktor Krümmel in Schleswig-Holstein. Die neun verbleibenden AKW sollen in den folgenden Jahren schrittweise abgeschaltet werden, die meisten allerdings voraussichtlich erst 2021 und 2022.

Die Sorge, dass damit der Strompreis in Europa kräftig in die Höhe schnellen würde, ist bisher nicht eingetreten. Nur kurzzeitig kletterte der Preis für elektrische Energie leicht. Derzeit liegt er aber in etwa auf Vorjahresniveau. Auch die befürchtete Stromknappheit im Winter ist nicht eingetreten. Nur wenige Tage lang musste die deutsche Netzagentur auf Stromreserven in Österreich, die sie schon im Herbst zur Absicherung gebucht hatte, zurückgreifen.

Ersetzt werden die AKW großteils durch Gaskraftwerke, aber auch durch Kohle und Erneuerbare Energien.

(kurier) Erstellt am
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