Bei RHI Magnesita wurden fünf Lehren aus der Krise gezogen.

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Wirtschaft
05/22/2020

"Es wird einen Geldtransfer zu den ärmeren Nationen geben müssen"

Stefan Borgas, Vorstandschef von RHI Magnesita, fordert europäische Solidarität in der Wirtschaftskrise.

von Martin Meyrath

RHI Magnesita ist der laut eigenen Angaben weltweit führende Anbieter von Feuerfestprodukten für die Industrie und stellt außerdem den Anspruch der Innovationsführerschaft. Der börsennotierte Konzern führt dabei alle Schritte der Wertschöpfungskette aus, vom Bergbau bis zu Installation und Recycling.

Das Unternehmen geht auf die Veitscher Magnesitwerke zurück, in der heutigen Form existiert es seit der Fusion von RHI und dem brasilianischen Mitbewerber Magnesita im Jahr 2017. Der Konzern hat weltweit mehr als 14.000 Mitarbeiter, 1.800 davon in Österreich.

Drei Werke in Europa und eines in Mexiko wurde unlängst wegen der Corona-Krise in Kurzarbeit geschickt. Der KURIER sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden Stefan Borgas über die Krise und ihre Folgen.

KURIER: Wie wirkt sich die Pandemie auf einen global agierenden Konzern aus?

Stefan Borgas: Unsere globale Präsenz sorgt für Stabilität, weil uns diese Krise zwar Schritt für Schritt trifft, aber nicht überall gleichzeitig. Der zweite Aspekt ist: Wir können dort, wo die Krise schon weiter fortgeschritten ist, für die Regionen lernen, wo die Krise noch am Anfang steht.

Welche Anti-Corona-Strategie funktioniert am besten?

Ich glaube, da ein Urteil abzugeben, ist viel zu früh, weil wir überhaupt noch nicht zu 100 Prozent wissen, welche Auswirkungen diese Pandemie für die Gesundheit der Menschen hat. Insofern können wir nicht abschätzen, ob wir rechtzeitig, zu stark oder zu schwach reagiert haben. Die Politiker müssen in dieser Unsicherheit entscheiden und das ist echt schwer.

War der Shutdown in Österreich richtig?

Ich glaube, das werden wir langfristig sehen. Es ist natürlich ein brutaler wirtschaftlicher Impact und wir müssen erst sehen, was er für Kollateralschäden anrichtet. Aber als wir das als Land gemeinsam entschieden haben, wussten wir nicht, wie schlimm das wird – und deswegen ist es auch verständlich, dass wir so stark reagiert haben. Vielleicht stellt sich im Nachhinein heraus, es war zu viel. Aber auch beim Fußball weiß jeder Fan im Nachhinein immer besser, welche Aufstellung man hätte machen sollen.

Und jetzt?

Wir erwarten erstmal eine Rezession der Weltwirtschaft 2020 von mindestens zehn Prozent. Und wir erwarten dann auch, dass wir 2021 noch nicht bereits wieder auf die Größe der Weltwirtschaft kommen, die wir vor der Krise hatten.

Was erwarten Sie als nächsten wichtigen wirtschaftspolitischen Schritt?

Wirtschaftspolitisch ist wichtig, dass wir mit öffentlichen Geldern nicht konsumieren, sondern investieren, also etwa in Infrastruktur, Digitalisierung und Bildung. Dinge, die eine langfristige Wirkung haben, sind viel besser als einfach Transfers. Und man muss relativ schnell davon wegkommen, dass der Staat alles rettet, dass der Staat die Wirtschaft stützt. Es ist umgekehrt, die Wirtschaft stützt den Staat. Deswegen muss die Wirtschaft möglichst schnell wieder Gewinne machen und wachsen, damit sie Steuern zahlen kann und der Staat überlebt.

Die Wirtschaftsministerin will laut Handelsblatt eine Renaissance des Produktionsstandorts Europa – halten Sie das für realistisch?

Ich halte das für realistisch, wenn wir uns auf die Zukunft konzentrieren und nicht der Vergangenheit nachweinen. Ich glaube, alte Strukturen wieder neu aufzubauen ist Unsinn. Aber wenn wir in Europa uns neuen Technologien öffnen und nicht die Risiken, sondern mehr die Chancen sehen, dann ist das eine echte Chance.

Eine andere Frage ist die Refinanzierung der bereits gesetzten Maßnahmen. Sind Sie etwa für eine Erbschaftsteuer?

Ich glaube hier gibt es zwei große Blöcke. Das eine ist, Steuern dort abgreifen, wo halt die Menge der Steuern ist, das ist bei der Einkommens- und der Mehrwertsteuer, meinetwegen auch bei der Gewinnsteuer. Ich glaube die Erbschaftssteuer ist so ein kleiner Teil, das ist eher ein politischer Luftballon, ich glaube nicht, dass das de facto sehr viel bringt – ich habe die Zahlen aber nicht studiert. Und das zweite Thema ist sparen. Gott sei Dank haben wir da in den letzten Jahren einen relativ guten Job gemacht und haben jetzt ein bisschen Luft.

Wie kann die Refinanzierung auf europäische Ebene gelingen?

Wir brauchen in Europa sicher ein klares Zeichen der Solidarität. Die Starken müssen die Schwachen unterstützen, das ist in jeder Gesellschaft so und in der europäischen Gesellschaft muss das auch passieren, ansonsten sehe ich schwarz für die Idee Europa. Es wird einen Geldtransfer von den reicheren Nationen, zu denen auch Österreich gehört, zu den ärmeren Nationen geben müssen.

Auf Ihrer Website wird der Schutz der Gesundheit Ihrer Mitarbeiter als Priorität angegeben - haben Sie die Produktionsanlagen und Lieferketten trotzdem laufen gelassen?

Ja, sie laufen und sie liefen die ganze Krise hindurch. Wir hatten bis jetzt drei identifizierte Corona-Infektionen bei 14.000 Mitarbeitern auf der ganzen Welt. Das waren deswegen so wenig, weil wir die Mitarbeiter von Anfang an gut informiert haben und versucht haben zu testen und deswegen auch die Weiter-Ansteckung verhindert haben.

Sie haben unlängst Werke in Europa und Mexiko in Kurzarbeit geschickt. Warum?

Die Nachfrage unserer Kunden geht seit April, vor allem aber im Mai, Juni und eventuell länger deutlich zurück. Daher müssen wir die Produktionskapazität unserer 35 Werke jetzt anpassen. Dies führt dazu, dass wir in vielen Werken die Kapazität herunterfahren und 4 Werke in Europa und Nordamerika übergangsweise schließen. Dafür nehmen wir, wo dies angeboten wird, Kurzarbeitshilfe in Anspruch.

Welchen Beitrag leistet das Management?

Das Management verzichtet in dieser Zeit auf 20 Prozent seiner Gehälter und wir haben eine riesengroße Solidarität von unseren Nicht-Produktions-Mitarbeitern, die auch für die Zeit dieser Krise auf Gehalt verzichtet haben. Je nachdem, wieviel jeder leisten kann – fünf Prozent, zehn Prozent, manche sogar 15 Prozent.

Ist absehbar, ob Sie noch andere Staatshilfen in Anspruch nehmen?

Wir haben einen zusätzlichen Kredit von der Oesterreichischen Kontrollbank aufgenommen, das ist aber im Rahmen der normalen Finanzierung. Wir haben keine Sonderkredite aufnehmen müssen, unsere Liquidität ist in einem vernünftigen Maß, deswegen brauchen wir wahrscheinlich keine anderen Staatshilfen.

Was halten Sie von Staatsbeteiligungen?

Ich gehe sogar einen Schritt weiter: Wir würden es nicht gerne sehen, wenn Staaten jetzt anfangen, Unternehmen zu kaufen oder zu übernehmen, um sie vor Übernahme durch Chinesen oder Amerikaner zu schützen. Wir wären dafür, dass man in Europa Lösungen findet, wie sich die europäische Wirtschaft selbst helfen kann, also zum Beispiel die Kartellgesetzgebung überarbeiten. Ich glaube es gibt genug starke Unternehmen, die dann schwache Unternehmen übernehmen können, zum Beispiel wie im Fall Siemens-Alstom. Wenn man solche Dinge überdenkt, könnte man hier viele Lösungen bringen, die für die Menschen und die Wirtschaft gut sind, ohne, dass sie den Staat Geld kosten.

…Sie meinen damit im Wesentlichen Deregulierung?

Ja, genau.

Wirkt sich die Corona-Krise bei Ihnen bereits auf die Auftragslage aus?

Wir haben in Europa im April, Mai und Juni ungefähr Auftragsreduzierungen je nach Segment zwischen 25 und 40 Prozent. In den USA erwarten wir das etwas schärfer und tiefer, aber mit schnellerer Erholung. In Südamerika erwarten wir auch ca. 30 bis 40 Prozent Auftragseinbußen im zweiten Quartal.

RHI Magnesita bekennt sich zu den UN-Nachhaltigkeitszielen. Ist damit zu rechnen, dass in Zeiten der Wirtschaftskrise weniger Geld für Umweltverträglichkeit ausgeben wird?

Ganz kurzfristige Priorität hat in der Krise immer die Liquidität der Unternehmen. Sobald man die sofortige Krisenzeit überwunden hat, gilt die gleiche Priorität wie vorher. Den CO2-Aussoß müssen wir reduzieren oder eliminieren, damit hat diese Krise nichts zu tun.

RHI Magnesita hat in Anbetracht der Corona-Krise die Dividende ausgesetzt. Fürchten Sie Liquiditätsengpässe?

Wir haben viele Maßnahmen ergriffen, um die Liquidität zu sichern, angefangen bei den Aktionären. Wir haben gesagt wir behalten das Geld in der Firma, setzen die Dividende aus und entscheiden das nach der Krise wieder. Dann haben wir die Aufsichtsrats- und die Vorstandsgehälter gesenkt und dann sind wir an die Mitarbeiter herangetreten und haben gesagt „Wollt ihr auch was tun?“. Das hat einen unglaublichen Zuspruch erhalten und jetzt kommt eben die Kurzarbeit bei den Produktionsmitarbeitern.

Der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat gefordert, dass Firmen die staatliche Hilfe beziehen, keine Dividenden auszahlen – was ist Ihre Meinung?

Ich finde solche allgemeinen Regeln schlecht, weil die bei manchen Firmen funktionieren und bei anderen nicht. Dafür gibt’s Aufsichtsräte, die müssen die Verantwortung übernehmen und sich dem hinterher auch stellen.

Ist schon absehbar, was die Corona-Krise für das gesamte Jahr bedeutet? Was ist Ihr Ausblick?

Wir haben uns die letzten sechs bis acht Wochen auf das Liquiditätsklima konzentriert und können jetzt durchatmen. Diese Krise wird uns nicht umhauen – selbst, wenn sie auf dem Niveau des zweiten Quartals länger anhält.

Und was passiert in den nächsten zwei Jahren?

Dazu haben wir fünf Lehren aus dieser Krise gezogen. Erstens, wir werden eine längere Rezession haben. Das dauert wahrscheinlich zwei Jahre. Das zweite Thema ist, wir haben einen echten Push der Digitalisierung erfahren. Die Konnektivität als globale Firma zwischen den Mitarbeitern, aber auch zu den Kunden und Lieferanten, ist dramatisch gestiegen und das müssen wir in die Zukunft bringen. Drittens, wir können nicht mehr so viel reisen wie vorher. Solange es keine Impfstoffe gibt, müssen wir unser gesamtes Reiseverhalten ändern, und damit auch, wie wir miteinander arbeiten.

Ist das das Ende der Globalisierung?

Das ist der vierte Punkt. Die Globalisierung als Solche kommt jetzt mal zu einem Ende, Regionalisierung wird wichtiger werden. Dem zufolge müssen wir mehr regionalisieren und auch Entscheidungen dezentralisieren. Die fünfte Lektion ist: Wir haben eine hohe Unsicherheit, was die Zukunft bringt. Die Volatilität wird steigen, deshalb müssen wir einen großen Teil unserer Kosten variabilisieren, sodass wir flexibler sein können. Zu diesen fünf Lektionen haben wir ein Projektteam zusammengestellt, das in den nächsten Wochen Maßnahmen erarbeitet.

Das Werk im Kärntner Radenthein sollte ab Herbst 2020 als Ausbildungsstandort ausgebaut werden. Kann das wie geplant umgesetzt werden?
Die Investitionsentscheidungen, die wir vor der Krise für Österreich getroffen haben, bleiben alle bestehen.