Nachdem das Fruchtfleisch aus der Schale geholt wurde, wird es unter Palmblättern fermentiert.

© /Fairtrade Österreich/Luc Gnago

Wirtschaft
12/12/2015

Elfenbeinküste: Leben, wo der Kakao wächst

Weltweit wird jede dritte Kakaobohne hier geerntet. Es gibt Probleme mit Kinderarbeit, aber auch ein Umdenken.

Es ist nicht leicht, zu den Kakaobauern des Dorfes Tiemokokro zu kommen. Die Straße aus platt gemachter roter Erde führt quer durch tropische Vegetation. Sie hat so große Schlaglöcher, dass man in ihnen ganze Ziegen verstecken könnte. "Vor ein paar Jahren hätten Sie in den Schlaglöchern noch Kühe verstecken können", sagt ein Einheimischer, der in der 120 Kilometer entfernten Millionenstadt Abidjan lebt.

Tiemokokro ist ein Vorzeigedorf, weil es eine eigene Schule hat, mehrere Klassen mit 250 Schülern. In einem Land, in dem laut Schätzungen knapp die Hälfte der Bevölkerung Analphabeten sind, keine Selbstverständlichkeit. Die Schule, errichtet aus Geldern der Fairtrade-Kooperative, macht den Dorfältesten stolz. Er hat selbst nie Lesen und Schreiben gelernt. Wie alt er ist, weiß er nicht genau. Er glaubt, ungefähr 66. Damit hätte er die offizielle Lebenserwartung in der Elfenbeinküste bereits um zwölf Jahre übertroffen.

Reich an Bohnen

Die Côte d’Ivoire, wie das Land offiziell heißt, ist der größte Kakaoproduzent der Welt. Jede dritte auf der Welt gehandelte Kakaobohne wächst in der Elfenbeinküste. Jeder vierte Einwohner der Côte d’Ivoire lebt vom Kakaoanbau. Reichtum bringen die Bohnen aber vor allem den westlichen Multis, die sie verarbeiten. Die Armutsrate in der Elfenbeinküste liegt laut Statistik bei 43 Prozent.

Kinderarbeit

Viele Kinder schuften im Kakaoanbau und können so nicht in die Schule gehen. Dazu kommt, dass viele Arbeiten gefährlich und gesundheitsschädigend sind, wie das Tragen schwerer Lasten, das Fällen von Bäumen oder das Hantieren mit Chemikalien. "Die Bauern wissen oft gar nicht, dass die Pestizide auf den Plantagen ihren Kindern schaden", sagt Joseph N’Guessan von der Hilfsorganisation Fraternite sans Limites. Kinderarbeit habe in den armen Gegenden Tradition. Schließlich sei es einfacher, die Kinder arbeiten zu lassen als Familienfremde für die Arbeit zu bezahlen. Zuletzt hat die Kinderarbeit in der Elfenbeinküste sogar wieder zugenommen, belegt eine Studie der Universität Tulane.

Wie hart der Kakaoanbau ist, zeigt ein Lokalaugenschein in Tiemokokro. Bei tropischer Hitze werden die Kakaofrüchte mit Macheten von Bäumen geschlagen, mit Stöcken aufgeschlagen und die Bohnen samt dem weißen Fruchtfleisch per Hand aus der Schale geholt. Auf Palmblättern wird die Masse zur Gärung aufgelegt. Nach diesem Fermentationsprozess werden die Bohnen am Dorfplatz zum Trocknen aufgelegt, die schlechten händisch aussortiert. Ausbeuterische Kinderarbeit ist in Tiemokokro verboten, genauso wie der Einsatz bestimmter Pestizide. Die meisten Bauern arbeiten hier unter dem Fairtrade-Siegel.

Luxus Gummistiefel

Einer von 700 Fairtrade-Bauern in der Region ist Frederic, Familienoberhaupt von 20 Personen, darunter zwei Ehefrauen, Kinder und Kindeskinder. Seit er vor vier Jahren dem Siegel beigetreten ist, ist sein Lebensstandard gestiegen, betont er. Fairtrade hat ihm Gummistiefel geschenkt, die ihm bei der Arbeit auf dem Feld vor den Schlangen schützen. Zudem hat er Zugang zu neuen Pflanzen und zu Spritzmitteln bekommen, was den Ertrag steigert. Und am allerwichtigsten: Seine Kinder können in die Schule gehen.

Offiziell regelt der Staat, wie viel die Bauern beim Verkauf ihrer Bohnen ab Hof mindestens bezahlt bekommen. Zwischen dem, was auf dem Papier steht und der Realität klafft aber eine Kluft. In der Region seien libanesische Zwischenhändler am Werk, die den Bauern weit weniger bezahlen als vorgeschrieben, wird erzählt. Da die Bauern mangels Fahrzeugen keine Möglichkeit haben, ihre Ernte selbst an den Hafen zu bringen, sind sie den Machenschaften dieser Händler ausgeliefert. Auch das hat viele bewogen, ins Fairtrade-System zu wechseln.

Ein Paar Cent mehr

Ein gutes Gewissen ist käuflich. In Form von Gütesiegeln. UTZ, Rainforest Alliance, Fairtrade und eine ganze Reihe hausgemachter Labels machen es möglich. Noch ist das Interesse enden wollend. Die Österreicher essen mehr als acht Kilo Schokolade im Jahr, keine fünf Prozent davon sind nach sozialen oder ökonomischen Kriterien zertifiziert. Oft wird kritisiert, dass NGOs zu viel Geld in Audits und ins Marketing stecken. Ohne diese Investitionen geht’s aber auch nicht.

Tatsächlich landen weniger als zehn Prozent des Verkaufspreises einer Schokolade bei den Bauern, für die der Verdienst kaum zum Überleben reicht. Der Einzelne kann sich schwer aus der Armut befreien. Die meisten wünschen sich, dass ihre Kinder in die Schule gehen und einen Job in der Stadt finden. Selbstverständlich ist beides nicht. In manchen Dörfern gibt es kein sauberes Trinkwasser, Strom schon gar nicht. Es gibt auch nicht viele Lehrer, die unter solchen Bedingungen leben und arbeiten wollen. Wer das Glück hatte, in einem Dorf mit Schule gelebt und einen Job gefunden zu haben, ist oft für die Ernährung der ganzen Großfamilie verantwortlich.

Bleibt die Frage, ob es sich auszahlt, ein paar Cent mehr für zertifizierte Schokolade zu bezahlen. Verbesserungen passieren nicht über Nacht, sondern über Generationen hinweg. Eine Schule ist ein guter Start zu einem besseren Leben. Zu sagen, dass die paar Cent mehr nicht gut investiert wären, wäre billig.