© Kurier/Juerg Christandl

Wirtschaft
07/09/2019

Ein Auftrags-Boom und das große G'riss um Handwerker

Österreichs Handwerks- und Gewerbsbetriebe sitzen auf prall gefüllten Auftragspolstern. Weil sie aber nicht genügend Mitarbeiter finden, müssen sie kurzfristige Bestellungen sogar ablehnen.

von Irmgard Kischko

„Wir befinden uns im Rekordhoch und wir suchen Fachkräfte.“ Renate Scheichelbauer-Schuster, Obfrau der Sparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer Österreich (WKO), ist erfreut über die „sehr, sehr positive Entwicklung“ ihrer Branche. Besonders im Baugewerbe und allen nachgelagerten Bereichen wie den Malern, Tapezierern oder Elektrikern seien die Auftragsbücher voll.

„Vielfach können die Klein- und Mittelbetriebe kurzfristige Aufträge gar nicht mehr annehmen“, berichtet Christina Enichlmair von der KMU Forschung Austria. Davon profitierten Ein-Personen-Unternehmen, an die solche Aufträge oftmals weitergeben werden. Knapp mehr als ein Viertel dieser Kleinbetriebe meldete einen wachsenden Auftragsbestand im zweiten Quartal 2019. Immerhin zwölf Prozent überlegten daher, nicht mehr länger ein Ein-Personen-Betrieb zu bleiben und Personal einzustellen.

Da wiederum treffen sie auf dasselbe Problem, das größere Handwerks- und Gewerbeunternehmen plagt: Sie finden keine Fachkräfte.

Fliesenleger gesucht

In einigen Branchen ist der Fachkräftemangel besonders groß. Baufirmen und Fliesenleger melden ausgeprägte Personalengpässe. Auch wenn die Geschäftserwartungen für das zweite Halbjahr im Handwerk und Gewerbe nicht mehr so boomend ausfallen wie bisher, wollen immer noch deutlich mehr Betriebe neues Personal einstellen als abbauen.

Bei Fliesenlegern ist das geplante Wachstum des Personalstands am stärksten. Aber auch Dachdecker, Glaser und Spengler sowie Betriebe im Bereich des Holzbaus wollen Mitarbeiter aufnehmen. Am absteigenden Ast befindet sich nur eine Branche: das Kunsthandwerk. Dort wird eher Personal abgebaut.

Insgesamt suche die Sparte Handwerk und Gewerbe österreichweit 26.000 Facharbeiter, sagt Scheichelbauer-Schuster. „Ich kann nur alle jungen Leute ermuntern, eine Lehre zu machen. Ausgebildete Fachkräfte sind am österreichischen Arbeitsmarkt die Gefragtesten“, betont die Handwerks- und Gewerbe-Obfrau. Auch die Löhne sprächen dafür (siehe Tabelle) . Derzeit suchten drei von vier Betrieben der Sparte zusätzliche Mitarbeiter. Im Mai stieg die Zahl der Beschäftigten im Handwerk und Gewerbe laut Hauptverband der Sozialversicherung um 1,75 Prozent und im Baugewerbe sogar um 3,4 Prozent.

Im Gegenzug sank die Arbeitslosigkeit in der Sparte um 3,9 Prozent, während sie österreichweit nur um 2,5 Prozent zurückgegangen ist. In großen Teilen Oberösterreichs ist der Markt für Facharbeiter praktisch leer gefegt. Landeshauptmann Thomas Stelzer hat erst kürzlich gemeint, das Land erweitere stetig den Umkreis der Facharbeitersuche und gehe jetzt aktiv bis ins deutsche Bundesland Baden-Württemberg, um Spezialisten für die oberösterreichischen Unternehmen zu finden.

Für eine Lehre statt einer Höheren Schule spricht laut Scheichelbauer-Schuster vor allem auch die Chance, rasch einen Job zu finden. 45 Prozent aller beim Arbeitsmarktservice gemeldeten offenen Stellen seien Facharbeiter-Jobs. Bei Schweißern, Bautischlern, Maurern und Elektrikern käme im Österreich-Durchschnitt nicht einmal ein Bewerber pro offener Stelle.

Völlig anders die Lage bei Akademikern: Im Durchschnitt drängten 8,2 Personen mit Universitätsabschluss auf eine freie Stelle. Auch Absolventen von kaufmännischen Schulen hätten es nicht so leicht wie Menschen mit abgeschlossener Lehre, geht aus dem Fachkräfteradar der WKO hervor.

Ost-West-Gefälle

Betriebe im Osten Österreichs haben es deutlich leichter, Mitarbeiter zu finden, als jene in Oberösterreich, Tirol oder Vorarlberg. So kommen auf eine offene Stelle für einen Maurer in Wien immerhin 2,8 Bewerber, in Tirol nicht einmal einer. Bei Bau- und Möbeltischlern kommen in Wien 10,25 Interessenten pro offener Stelle, in Tirol nur 0,34. Ähnlich ist es bei Elektrikern und Schweißern.

Beschwerde gegen Slowenien gefordert

Österreichs Baufirmen beklagen eine neue Art des „Dumpings“ durch ausländische Konkurrenten. Und zwar hat Slowenien für Betriebe, die Arbeitnehmer für Aufträge im EU-Ausland einsetzen, besondere „Zuckerl“ parat: Sie müssen nicht, wie in der EU vorgeschrieben, vom Lohn des jeweiligen Landes die Sozialversicherungsbeiträge abführen, sondern von einem deutlich geringeren Lohn Sloweniens.

Zusätzlich wurden die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung reduziert. „Entsendebonus“ nennt das die Sparte Handwerk und Gewerbe. Und dieser Bonus widerspreche klar dem EU-Recht. Daher fordert die Sparte die derzeitige Bundesregierung auf, sofort bei der EU Beschwerde einzulegen. Denn dieser Bonus benachteilige österreichische Bauunternehmen bei Ausschreibungen. Im Durchschnitt ersparten sich slowenische Unternehmer mit dieser Bonus-Regelung 250 Euro je Mitarbeiter und Monat.

Eigentlich gibt es den Entsendebonus Sloweniens schon seit einigen Jahren. Seit 2016 aber steigen die Entsendungen – insbesondere nach Österreich – derart stark, dass heimische Firmen unter enormen Konkurrenzdruck geraten. Insgesamt 99.107 slowenische Arbeiter sind für ihre Betriebe im Ausland tätig, also „entsendet“. Davon arbeiten allein 45.107 Slowenen in Österreich. Die Gesamtzahl der aus Slowenien entsendeten Arbeitnehmer ist doppelt so hoch wie die Zahl jener, die in der Branche in Slowenien beschäftigt sind.

Die Gewerkschaft Bau-Holz mutmaßt seit Längerem, dass Slowenien wegen des Entsendebonus als eine Art Drehscheibe für Baufirmen fungiert, die von dort aus ihre Mitarbeiter nach Österreich und in andere EU-Länder schicken. Daher hat die Gewerkschaft auch schon Beschwerde bei der EU eingelegt. Die Sparte Handwerk und Gewerbe will nicht selbst gegen die slowenische Regelung vorgehen, sondern fordert die Regierung dazu auf.

Welche Handwerker im Sommer besonders gefragt sind

Für manche Professionen ist mit dem Sommer die Hochsaison angebrochen. Die Dienstleistungsplattform prontopro.at hat sich angeschaut, welche Dienstleister jetzt mit besonders viel Geschäft rechnen dürfen und mit welchen Preisen die Kundschaft rechnen muss. Wer sich etwa eine Klimaanlage einbauen lassen will, muss im Durchschnitt mit rund 2.000 Euro rechnen. Für die Wartung von Klimaanlagen sind 90 bis 350 Euro zu veranschlagen.

Die Energie dafür könnte durchaus aus den eigenen Solarpaneelen kommen. Wer sich für Sonnenenergie entscheidet, muss mit Kosten von 5.400 bis 13.300 Euro rechnen, so prontopro.at.

Gelsen & Co. sind in vielen Gegenden Österreichs ein lästiges Thema. Die Montage von Fliegengittern kostet laut der Dienstleistungsplattform 450 bis 600 Euro.
Wer sich einen Swimmingpool auf der Wiese aufstellen lassen will, sollte mit 2.500 bis 13.800 Euro kalkulieren. Für einen fix eingebauten Swimmingpool fallen zumindest 14.300 Euro an. Bei Luxusausführungen kann es auch bis zum Vielfachen gehen. Für ein Sommerfest soll ein Eventplaner engagiert werden? Dieser kostet 600 bis 2.800 Euro.

Die Plattform prontopro.at hat in Italien 300.000 registrierte Dienstleister. In Österreich ist man seit 2018 mit 2.500 Profis vertreten.