Eidgenossen auf Schnäppchenjagd

Lebensmittel sind bei Schweizern begehrt.
Foto: ap

Der starke Franken lässt die Schweizer zum Shopping nach Vorarlberg strömen. Aber es gibt nicht nur Gewinner.

Ein prüfender Blick. Vorsichtig dreht Marc Potterat die Wassermelone zwischen seinen Fingern, riecht daran und unterzieht sie einem Drucktest. "Das ist die Richtige", meint der St. Gallener in breitem Schwyzerdütsch und packt die Frucht in seinen prall gefüllten Einkaufswagen. "Meine Frau liebt dieses Obst, aber bei uns ist es lange nicht so gut wie hier. Ich komme zwei Mal im Monat zum Shoppen in den Messepark nach Dornbirn. Seit der Franken so stark ist, umso lieber." Potterat gehört zu den 70 Prozent der Eidgenossen, die laut einer aktuellen Studie im Ausland einkaufen und den Vorarlberger Handel jubeln lassen. "Allein bei uns werden die Schweizer und Liechtensteiner heuer hochgerechnet für rund 60 Millionen einkaufen. Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine Steigerung um etwa 15 Prozent. In manchen Geschäften registrieren wir jetzt schon ein Plus von 20 Prozent", bestätigt Wirtschaftskämmerer Michael Tagwerker die zunehmende Lust der Schweizer am Einkauf über der Grenze. Zu den Exportschlagern Uhren, Käse und Schokolade hat sich der Franken gesellt.

Angebot

Auf dem Parkplatz des Messeparks Dornbirn drängen sich Autos mit Schweizer Kennzeichen aneinander. Im Inneren des Einkaufszentrums flanieren deren Besitzer durch die Gänge und halten nach Schnäppchen Ausschau. "Wir haben eine neue Wohnung und nützen den starken Franken, um Möbel und Elektrogeräte einzukaufen", meint Besim Qehaja aus Walenstadt. Die Händler sind sich einig: "Uns geht es gut, weil es dem Franken gut geht." Im vergangenen Jahr kamen 15 Prozent der Konsumenten aus der Schweiz, "heuer sind es an die 20. Kein Wunder, hat der Franken rund 40 Prozent an Wert zugelegt", so Petra Walter, Marketingchefin des Messeparks. Der Lebensmittelsektor (43 Prozent der Kaufkraft-Zuflüsse) , die Gastronomie und der Tourismus sind die großen Gewinner. "In manchen Betrieben, etwa im grenznahen Rheintal, sind bis zu 80 Prozent der Gäste Schweizer", sagt der Touristiker Wolfgang Juri.

Doch nicht nur in den Kassen der Haubenküche klingelt es ordentlich, "beim Dorfwirten parken ebenso 80 Prozent Eidgenossen". Und sie sind bereit, Geld auszugeben, "und greifen schon einmal zum Steak".

Gefragt sind auch die Wellnessbetriebe im Bregenzerwald. "Es reisen ganze Damengruppen aus der Schweiz an. Außerdem sind sich die Regionen sehr ähnlich. Die Gäste haben das Gefühl, im Ausland und trotzdem daheim zu sein", sagt Juri und betont: Neben dem Frankenkurs profitiere man aber auch vom guten Ruf, den sich Vorarlberg beim Nachbarn erarbeitet hat. "Der Wechselkurs ist das Tüpfelchen auf dem i."

Kopfweh

Während sich Handel und Tourismus die Hände reiben, betrachten Häuslbauer, die sich ihr Heim mit einem Frankenkredit finanziert haben, die Entwicklung sorgenvoll – ebenso manche Gemeinde. Und auch die Industrie ist zwiegespalten: Einerseits profitieren einige Unternehmen im Exportbereich, andererseits verschärft sich der Mangel an Facharbeitern. Denn mehr als 14.000 Vorarlberger verdienen ihr Geld als Grenzgänger in der Schweiz und Liechtenstein.

(kurier) Erstellt am
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