Wirtschaft
30.04.2017

SAP: Wie Software Jobs wegrationalisiert - und gleichzeitig neue schafft

Zukunft der Arbeit: Der digitale Wandel finde längst statt, sagt SAP-Österreich-Chef Rudi Richter. Der Technologiekonzern hat einst die Buchhaltung automatisiert, aber wie geht es weiter?

Automatisierung, Digitalisierung, Rationalisierung: Tägliches Brot für den Weltmarktführer bei Unternehmens-Software, SAP. Österreich-Chef Rudi Richter ist überzeugt, dass dadurch nicht nur Jobs verloren gehen, sondern auch viele neue entstehen.

KURIER: Wo steht Österreich bei der digitalen Transformation?

Rudi Richter: Auch in Österreich sind wir inzwischen mitten im digitalen Wandel. Länder wie Deutschland oder Großbritannien, wo etwa der eCommerce deutlich stärker ist, haben sicher einen gewissen Vorsprung, denn österreichische Betriebe waren bei Neuinvestitionen in den vergangenen Jahren zurückhaltend. Aber das beginnt sich gerade zu ändern.

Die Unternehmen investieren wieder mehr?

Ja. Wir merken, dass die Wirtschaft anzieht. Viele wagen jetzt den nächsten Technologiesprung. Bei den ERP-Systemen (Unternehmenssteuerung, Anm.) findet im übertragenen Sinne der Sprung vom Handy zum Smartphone statt. Die Systeme arbeiten in Echtzeit, die Benutzeroberfläche ist völlig anders und einfacher geworden.

Mehr Aufträge heißt auch mehr Personal, oder?

Im gesamten SAP-Umfeld wird händeringend nach Mitarbeitern gesucht, die das gesamte ERP-Thema (betriebswirtschaftliches Know-How zur Steuerung von Geschäftsprozessen, Anm.) beherrschen. Wir suchen salopp gesagt die erfahrenen SAP-Berater von vor 15 Jahren, die damals unsere Lösungen wie mysap.com oder R/3 implementiert haben. Diese Systeme gilt es jetzt in die neue Zeit herüberzutragen, das verlangt tiefes Prozess- und Anwendungswissen. Im gesamten SAP-Beraterumfeld sind hier sicher Hunderte Stellen offen. Aber der Markt ist ausgetrocknet...

Wie passt das zum angekündigten Vorruhestands-Programm für ältere Mitarbeiter bei SAP?

Das Abbauprogramm zielt auf den Service-Bereich ab, in der Beratung suchen wir in Österreich Mitarbeiter. Nicht nur Uni-Absolventen, die erst am Anfang ihrer Karriere stehen, sondern auch Leute mit viel Erfahrung. Die Jungen sehen wir eher in den neuen Wachstumsbereichen wie Internet der Dinge (IoT) oder Cloud.

Welche Qualifikationen braucht es für diese neuen Berufe?

Wirtschaftsinformatik ist sicher eine gute Basis, generell alle technischen Fächer. Es gibt hier leider immer noch zu wenige Absolventen. Aber auch ein generalistischer Zugang muss kein Hindernis sein, wir haben auch Theologie- oder Philosophie-Absolventen bei uns als Berater.

SAP hat die Buchhaltung automatisiert und viele Tätigkeiten wegrationalisiert. Werden Bürojobs bald ganz verschwinden?

Es wandelt sich. Einfache, händische Dateneingaben wie bei Eingangsrechnungen werden automatisiert. Das System lernt hier immer mehr dazu. Der Eingabe-Job fällt dadurch sehr wohl weg, aber dafür entstehen andere, oft höherwertige Tätigkeiten. Der zusätzliche Verkauf über eCommerce-Plattformen ist da nur ein Beispiel. Für neue Geschäftsfelder braucht es auch zusätzliches Personal. Einen Chief Digital Officer oder IoT-Experten hat es vor ein paar Jahren auch noch gar nicht gegeben.

Werden nur noch Höherqualifizierte einen Job finden?

Nicht unbedingt. Man denke nur an die vielen neuen Dienstleister rund um eCommerce, da entstehen neue Lieferketten und eine Vielzahl an Dienstleistungs-Services. Generell gilt aber: Höherqualifizierung ist auf jeden Fall ein Vorteil, keine Frage.

Wird der SAP-Berater nicht auch irgendwann ein Roboter sein? Wozu hier noch Menschen?

(Lacht) Fürs Update der Software reden schon jetzt nur noch die Maschinen miteinander. Aber die Anforderungen unserer Kunden sind so individuell, dass die Standard-Software immer angepasst werden muss. Da erwarten sich die Firmen menschliche Ansprechpartner für Beratung und Implementierung. Die Beratung wird sogar noch wichtiger werden, gerade wenn es um die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle geht.

Die digitale Transformation ist also nicht nur ein Jobkiller?

Nein, auf keinen Fall. Wir können nicht absehen, welche neue Jobs entstehen werden, aber neue Geschäftsfelder kreieren immer auch neue Jobs. Bei der digitalen Transformation geht es weniger darum, Kosten zu reduzieren, sondern Mehrumsatz zu generieren, indem das Geschäftsfeld erweitert wird. Unsere Software soll Unternehmen helfen zu wachsen. Und wachsende Unternehmen brauchen auch mehr Personal als schrumpfende. Soziale Intelligenz kann und wird ein Roboter nie ersetzen können, selbst wenn er noch so liebe Kulleraugen hat...

SAP: Nummer 1 bei Firmen

IT-Konzern
Der deutsche Software-Konzern SAP ist mit 350.000 Kunden in 180 Ländern und einem Umsatz von 22 Mrd. Euro weltgrößter Anbieter von Unternehmens-
Anwendungen und einer der wichtigsten IT-Konzerne Europas. Mitarbeiter: 85.700 weltweit, davon 390 in Österreich.
Rudi Richter
Der 46-jährige Wiener, studierter Wirtschaftsinformatiker, ist seit Jänner 2017 Geschäftsführer von SAP Österreich. Zuvor war er elf Jahre lang in unterschiedlichen Funktionen bei SAP tätig.

Die gefährdetsten Jobs

Angst vor einem Job-Kahlschlag durch Digitalisierung und Automatisierung ist am morgigen „Tag der Arbeit“ nicht angebracht. „Per Saldo könnte der Effekt sogar positiv sein“, beruhigt Martin Kocher, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS). Einer IHS-Studie zufolge sind mittelfristig neun Prozent der Arbeitsplätze in Österreich gefährdet, das wären 360.000 Jobs. Dem Wegfall steht eine noch unbekannte Zahl neu entstehender Arbeitsplätze gegenüber.

Die größte Gefahr geht von digitalen Helferlein für Hilfskräfte aus – am Bau, im Büro (siehe oben), im Servicebereich. Einfache Handwerkstätigkeiten dürften ebenfalls durch Automaten ersetzt werden. Je höher die Bildung, desto geringer das Risiko. Entwarnung gibt die Studie für Berufe, wo Kreativität, soziale Intelligenz und Flexibilität gefragt sind. Was die Erfahrung mit neuen Technologien lehrt: In vielen Berufen verändern sich die Tätigkeiten und es kommen neue Hilfsmittel dazu, der Beruf selbst wird deshalb aber nicht ersetzt.