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Wirtschaft Digitales Österreich
09/07/2019

Voestalpine: Drahterzeugung mit 400 km/h

Das vollautomatisierte Drahtwalzwerk in Donawitz sorgt für internationale Aufmerksamkeit.

von Thomas Pressberger

Es war sogar dem Wall Street Journal eine Meldung wert: das neue Drahtwalzwerk der Voestalpine in Donawitz.

Als Donald Trump auf die Idee kam, Zölle auf Stahl und Aluminium einzuführen, um Arbeitsplätze in der US-Stahlindustrie zu schaffen, zeigte das Beispiel aus Österreich die Realitätsferne des US-Präsidenten. Moderne Stahlwerke benötigen fast keine Mitarbeiter mehr, es läuft fast alles automatisch ab.

Keine Handarbeit

140 Millionen Euro hat die Voestalpine vor drei Jahren in die 800 Meter lange Anlage investiert, die jährlich 450.000 Tonnen Draht produziert. „Der Unterschied zu anderen Anlagen ist, dass kein Mitarbeiter hier noch etwas händisch macht. Wir haben einen zentralen Leitstand, auf dem drei Mitarbeiter pro Schicht die ganze Anlage bedienen“, sagt Franz Kainersdorfer, Vorstand der Voestalpine und Leiter der Division Metal Engineering.

Das ist nur durch einen sehr hohen Digitalisierungsgrad möglich. Mehr als 2.000 Sensoren sind in der Anlage eingebaut, die den Draht von der Entnahme bis zur Bundbildung verfolgen, Produktions- und Steuerinformationen aufnehmen und in einzelne Automatisierungssysteme einschleusen. Mit einer entsprechenden Steuerung wird die Drahtstraße vollautomatisch betrieben.

Drähte wie Stäbe

Mit bis zu 400 km/h rast der Draht durch die Anlage. Große Stahlbolzen werden immer dünner gewalzt, es können Drähte mit einem Durchmesser von fünf bis 50 Millimeter hergestellt werden. „Bei den dickeren handelt es sich fast schon um so etwas wie einen Stab“, erklärt Kainersdorfer. Die Drähte werden für verschiedene Industriesegmente produziert.

„Die Aufgabe der Mitarbeiter hier ist Überwachung und Regulierung. Das beschränkt sich darauf, nur dann einzugreifen, wenn es zu Störungen kommt“, sagt Kainersdorfer. Mitarbeiterabbau gab es durch die Automatisierung keinen, stattdessen kam es zu einer Verschiebung. Nur noch ganz wenige Mitarbeiter werken noch direkt auf der Strecke in vorbereitenden Bereichen, wie dem Gerüstvorbau oder der Instandhaltung.

Besondere Fähigkeiten

Vielmehr wurden viele anspruchsvollere Jobs geschaffen, sagt Kainersdorfer: „Im Automatisierungsbereich wird viel hochqualifizierte Personal benötigt, das geht nicht mit weniger Mitarbeitern.“ Die Kollegen seien richtige Spezialisten, die Digitalisierung fordere besondere Fähigkeiten und ein hohes Ausmaß an Verständnis für die Prozesse, um mit den Bedienelementen umgehen zu können.

Am Anfang habe das Projekt bei manchen Mitarbeitern Ängste ausgelöst, im Laufe der Umsetzung des Projekts kam aber immer mehr Euphorie auf – die Technologie sei einfach faszinierend. Dieser Veränderungsprozess sei jedoch kein leichter gewesen.

Einer dieser Spezialisten ist Michael Prenner. Er arbeitet als Steuermann am Hauptleitstand und ist seit 2005 im Werk. „Wir haben die Aufgabe, den Materialfluss zu überwachen und einzugreifen, wenn zum Beispiel die Stäbe die Walzlinie verlassen.“ Schnelles Eingreifen sei wichtig, um Schäden zu verhindern und die Produktion wieder rasch hochfahren zu können, um die Anlagenkapazitäten voll auszuschöpfen. Körperliche Arbeit ist im Gegensatz zu den alten Anlagen kaum noch gefordert.

Neue Situation

„Wir waren die Digitalisierung nicht gewohnt. Aber wir haben einen Simulator bekommen, mit dem wir super anlernen und Fehler durchspielen konnten. Die Anlernphase ist zwar länger, aber es waren alle von Anfang an begeistert“, sagt Prenner.

Das Walzwerk ist in seiner Weise einzigartig, meint Kainersdorfer. Es gebe zwar andere Anlagen mit ähnlichem Grundkonzept, doch habe keines eine so große Breite an Durchmessern. „Normal ist das auf mehrere Walzwerke aufgeteilt, doch müssen wir aufgrund der Kundenanforderungen eine derartige Premiumanlage fahren.“ Die alte Anlage, die sich zuvor auf dem selben Standort befand, konnte das übrigens auch, doch ist die Produktivität der neuen deutlich höher.

Komplexes System

Dass die Voestalpine wieder auf den Standort Donawitz setzte, lag nahe. „Wir haben hier große Stahlkapazitäten, die wir nutzen wollen.“ In der Region betreibt der Konzern ein Stahlwerk, ein Windenwerk mit Hochöfen, ein Schienenwalzwerk und ein Rohrwalzwerk. Die Voestalpine ist für die Region ein unverzichtbarer Arbeitgeber geworden.

„Oft arbeiten zwei oder drei Generationen einer Familie in einem unserer Werke“, so Kainersdorfer. Durch die Industriearbeitsplätze sei das Bruttoeinkommen in der Region ein relatives hohes. In Donawitz werden 3000 Mitarbeiter beschäftigt, am nahegelegenen Standort Kindberg sind es 4300.

Neben den Chancen, die durch die Digitalisierung entstehen – wie höhere Produktivität in Verbindung mit hoher Qualität – gibt es aber auch Risiken. „Die liegen im hohen Automatisierungsgrad. Früher konnten Menschen manuell und individuell in den Prozess eingreifen.“

Durch die Vollautomatisierung ist das nicht mehr so. „Wenn nicht alle 2000 Sensoren funktionieren, dann funktioniert die Anlage nicht“, erläutert der Vorstand.

Die Empfindlichkeit der Anlage würde dadurch deutlich steigen. Dazu kämen viele Algorithmen für die Steuerung. Was früher Menschen durch ihre jahrelange Erfahrung durchführen konnten, wird heute durch Software erledigt. „Das ist ein hochkomplexes System, da muss alles zusammenspielen“, sagt Kainersdorfer.

Daher seien auch viele Mitarbeiter nötig, die das System warten und weiterentwickeln. Man müsse aber immer darauf achten, dass man „sinnvoll“ digitalisiert und nicht über das Ziel hinausschießt. Man könne auch „überdigitalisieren, sprich es übertreiben, und dadurch eine hochdigitale, aber fehleranfällige Anlage schaffen, die dann zu teuer zu betreiben wäre. „Das muss man abwägen können“, so der Voestalpine-Vorstand. Im Drahtwalzwerk in Donawitz ist es der Voestalpine offensichtlich gelungen.