Rad fahren

© KURIER/Reinhard Vogel

Interview
09/13/2014

Fette Reifen, starker Antrieb

Auf der "Best of Bike" in Salzburg wirft die Branche einen Blick in die Fahrrad-Zukunft.

von Stefan Hofer

Ein Mekka der Pedalritter, das ist Salzburg von Sonntag bis Dienstag. 80 Aussteller mit 290 Marken stellen im Messezentrum auf 12.000 Quadratmetern die Highlights der kommenden Rad-Saison vor. Norbert Katsch, Geschäftsführer der Funbike GmbH und Mitinitiator der "Best of Bike", spricht im KURIER-Interview über saftige Preise, schräge Funbikes und pocht auf einen Ausbildungszweig "Sporttechniker".

KURIER: Das Rad hat sich vom Alltags-Vehikel zum Lifestyle-Produkt gewandelt. Wie kam es dazu?

Norbert Katsch: Die Menschen wollen auffallen, sich mit dem Rad identifizieren. In Ballungszentren verbindet man das Nützliche mit dem Stylischen. Die Zubehörindustrie zieht mit, bietet entsprechende Accessoires an.

Fixies und Klappräder haben die Straßen erobert...

... Klapprad klingt nach Campingrad wie vor 20 Jahren. Heute sind das hoch entwickelte Falträder. Hier sehe ich einen künftigen Trend in Österreich. Es wird die einzige Möglichkeit sein, das Rad in den Öffis mitzunehmen, auch zu Stoßzeiten, es in die Wohnung zu stellen und mit Aufbewahrungsboxen etwa auf Bahnhöfen auszukommen. In Skandinavien gehören Falträder zum Erscheinungsbild. Bei uns sollten die öffentliche Hand, Kommunen und Beförderungsunternehmen mitmachen.

Zur Bike-Messe: Verraten Sie uns den nächsten Trend?

Optisch betrachtet die Fatbikes. Diese kommen mit ganz dicken Reifen. Dafür benötigt man wiederum eigene Rahmen und Komponenten. Fatbikes gibt es auch mit E-Antrieb. Jedoch werden sie kaum in nennenswerten Stückzahlen verkauft werden, weil die Alltagstauglichkeit eingeschränkt ist.

Mittlerweile ist jedes zehnte verkaufte Fahrrad ein E-Bike.

Der Trend hält ungebrochen an und wird sich auch noch steigern, weil sich das Image vom "Fahrrad für alte Leute" hin zum Sportgerät oder Businessrad entwickelt.

Händler preisen in den Auslagen Rennräder und Mountainbikes (MTB) um 9000 Euro an. Dafür bekomme ich auch ein Moped.

Vermutlich geht es um das persönliche Wohlgefühl. Manche haben einen Porsche – und sind noch nie Vollgas gefahren ... Die Branche birgt ja auch für Hersteller und Importeure Risiken. Vorlaufzeiten von bis zu neun Monaten sind gang und gäbe. Zudem ist die Branche wetterabhängig. Bleibt Ware übrig, muss sie kräftig abgeschrieben werden. Das alles verlangt nach einer "normalen" Handelsspanne. Spezielle Rahmen, aufwendige Produktion, geringe Stückzahlen: Es klingt unlogisch, aber meistens wird an extrem teuren Rädern weniger verdient als an günstigeren.

Gut informierte Radfahrer kaufen Bikes und Zubehör im Internet. Wie kann sich der stationäre Handel hier behaupten?

Wenn ein Endkunde derart informiert ist, dass er genau weiß, welches Produkt er benötigt, kann er es sicher im Internet günstiger erwerben. Der Handel ist gefordert, dass er ein Einkaufserlebnis bietet, viel Auswahl hat, kulant mit Reklamationen umgeht, über gut geschultes Personal verfügt und – wichtig! – über eine gut organisierte Servicewerkstatt verfügt.

Apropos. FĂĽr ein Radservice habe ich in Wien zuletzt 75 Euro bezahlt. Gerechtfertigt?

Wenn damit sämtliche Teile überprüft, Lager gefettet und eingestellt, Züge geschmiert und Schaltung eingestellt wird, Räder zentriert werden – auf alle Fälle. Eine gut ausgestattete Werkstätte mit gutem Personal verursacht enorme Kosten. Es gibt Werkstätten, die dafür über 100 Euro verlangen, was auch gerechtfertigt sein kann. Es gibt auch schwarze Schafe, die für mangelhafte oder nicht erbrachte Leistung, teilweise durch ungeschultes Personal, den gleichen Betrag verlangen. Das wäre fast Betrug.

Warum gibt es, wie bei Automechanikern, keine Ausbildung?

Ich bin Mechanikermeister, kenne das Problem. Die Arge Fahrrad fordert seit Langem ein Berufsbild, das den Fahrradmechaniker abdeckt; das kann z. B. "Sporttechniker" heißen. Auch die Wirtschaftskammer ist interessiert, wir führen Gespräche.

Wie viel "Made in A" steckt in Marken wie KTM und Simplon?

Die Rahmen kommen zu fast 100 Prozent aus Fernost, die Endfertigung erfolgt bei vielen eher hochpreisigen Modellen in Österreich. Andere werden komplett zugekauft. Trotzdem darf man die Leistung nicht schmälern, da Konstruktion und Design hierzulande entstehen: Ein gut designter Rahmen ist der halbe Erfolg. Auch die Spezifikation, das heißt die Zusammenstellung der Komponenten, ist wichtig. Somit ist das Know-ow eine Leistung, die im Lande erbracht wird.

Für MTB-Spezialisten von Interesse: 27,5- bzw. 29-Zoll-Reifen werden angepriesen, die klassische Größe 26 Zoll ist nahezu verschwunden. Werden hier künstlich neue Märkte geschaffen?

Die 29-Zoll-Räder gibt es schon lange, nur die Zeit war nicht reif. Letztlich müssen sich die Firmen einig sein und einen Hype schaffen – mit den Medien. Die Entwicklung geht dann in diese Richtung und auf einmal gewinnen Profis damit Rennen. Natürlich gibt es auch ein neues Fahrgefühl.

Noch einmal: Keine Nachteile?

29-Zoll-Räder kommen, etwa bei sehr kleinen Personen, schnell an ihre konstruktiven Grenzen. Es konnte sich auch nicht gleich jeder Händler mit den großen Rädern identifizieren. Dafür hat man – meiner Meinung nach zu schnell – die 27,5-Zoll-Kategorie geschaffen. Zu den 26-Zoll konnte man nicht zurück. Die sind tot. Künstlicher Markt? Nein. Es ist eine Weiterentwicklung.

Kann ein Rad auch als Geldanlage dienen?

Vielleicht bei einer limitierten Edition mit 100 Stück. Grundsätzlich: Nein.

Mountainbikes top

Verkäufe und Marktanteile

Laut Schätzungen besitzen 725 von 1000 Österreichern ein Rad. Die höchste Fahrrad-Dichte gibt es in Vorarlberg (810), die niedrigste in Wien (620). Die Verkaufszahlen sind rückläufig (2013: 382.000 Stück, minus 7 Prozent), die Umsätze konnten aber gehalten werden. Grund ist der höhere durchschnittliche Verkaufspreis pro Rad (2013: 780 €), mitverursacht durch teure E-Bikes (Durchschnittspreis 2000 €). Mountainbikes sind mit einem Marktanteil von 38,2 Prozent der beliebteste Rad-Typ.

Best of Bike

Österreichs größte Fachmesse für Fahrrad & Zubehör läuft vom 14.–16. 9. 2014 (täglich von 9–17 Uhr) im Messezentrum Salzburg. Eintritt: 15 € (10 € im Online-Vorverkauf). Zielgruppe sind Tourismusbetriebe, Radfachhändler und -werkstätten.

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