Textilproduktion in Portugal: Wer hier produziert, kann schnell auf Trends reagieren

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Wirtschaft
05/02/2019

Die Rückkehr der Modeproduktion nach Europa

Das Modekarussell dreht sich immer schneller. Das macht die Fertigung in Europa wieder attraktiv. Auch für heimische Marken.

von Simone Hoepke

Fast Fashion lautet das Motto, das die Modemacher von Kollektion zu Kollektion treibt. Gab es früher eine Sommer- und eine Winterkollektion, hängen Mode-Riesen wie Zara bereits alle zwei Wochen neue Kleider in ihre Schaufenster. Das Modekarussell dreht sich immer schneller, die Kunden werden immer anspruchsvoller, die Industrie schlägt in der Produktion neue Wege ein.

„Die Zeiten, in denen alle in der gleichen grünen Adidasjacke herumlaufen wollen, sind vorbei“, sagt Christian Kaiser, Professor für Textiltechnologie an der deutschen Hochschule Albstadt-Sigmaringen. Viele Marken reagieren auf den Trend, in dem sie immer mehr Kollektionen mit immer kleineren Stückzahlen in den Markt pressen. Das bringt logistische Probleme mit sich und rückt Produktionsstätten in Europa wieder ins Rampenlicht. Schließlich ist ein Container voller T-Shirt „Made in China“ ein- bis einhalb Monate unterwegs, bevor das Schiff in einem europäischen Hafen anlegt. „Das bindet für die Textil-Konzerne Millionen von Euro und ist mit ein Grund, warum sich viele wieder nach Produktionsstätten in Europa umsehen.“

Abgezogen

In einer schnelllebigen Zeit muss der Nachschub schnell im Geschäft sein, am besten gleich in der Nähe vom Band laufen. Eine Produktion nahe am Absatzmarkt biete neue Perspektiven: „Man kann schneller reagieren, gegebenenfalls nachproduzieren, besser kalkulieren und muss letztlich weniger abschreiben“, so die Rechnung des Experten. Allerdings sind die Produktionskapazitäten in Europa begrenzt. „Früher gab es hier viel Know-how, doch dann ist die Textilindustrie wegen ein paar Cent nach Asien gegangen und die Textilkompetenz ist zu einem großen Teil verloren gegangen.“

Portugal hoch im Kurs

Hoch im Kurs steht neben Bulgarien und Rumänien derzeit die Textilindustrie in Portugal, die ein Revival erlebt – auch weil der Staat kräftig in den Aufbau des Zweiges investiert hat. „Dazu kommt ein gut ausgebildetes Fachpersonal und die Tatsache, dass das von der Eurokrise gebeutelte Land verdammt günstig produzieren kann“, so Kaiser.

Das ist auch der Einkaufsgenossenschaft Sport 2000 nicht entgangen, zu der allein in Österreich rund 120 Händler mit insgesamt rund 360 Fachgeschäften gehören. „Dass Teile der Textilproduktion zurück nach Spanien, in die Türkei und nach Portugal ziehen, ist nicht neu. Gründe dafür sind die langen Lieferfristen aus Asien, die hohen Abnahmemengen, die die Fabriken fordern und auch immer wieder Lieferengpässe“, fasst Sport-2000-Chef Holger Schwarting zusammen. „Wir haben vor zwei, drei Jahren begonnen, in Portugal zu produzieren, was auch am damals sehr schwachen Euro lag, der Europa als Produktionsstandort mit einem Schlag wieder konkurrenzfähig gemacht hat.“

Die Entwicklung bleibt nicht auf die Textilindustrie beschränkt, beobachtet der Sport-2000-Chef. Sogar Fahrradbauer verlegen seit der Eurokrise ihre Produktionen aus Taiwan, China und Bangladesch teilweise nach Europa: „Hier tun sich vor allem Werke in Italien, Tschechien und Bulgarien hervor. Auch wir haben immer mehr Räder aus Europa.“

Dass immer mehr Großkonzerne zurück auf den alten Kontinent drängen, beobachtet auch Gabor Rose, Eigentümer der Wiener Textilhandelskette Jones: „Wir sind vor sieben, acht Jahren wieder verstärkt nach Europa zurückgekommen. Shirts des Labels kommen heute unter anderem aus Litauen, Konfektionsmode und Blusen aus Italien, Bulgarien oder der Türkei.“ Rose lässt laut eigenen Angaben seit Jahren nicht mehr in China fertigen. „Die Fabriken sind fast nur noch auf große Stückzahlen spezialisiert, wie Zara oder H&M, oder eben für unserer Stückzahlen zu teuer und unökonomisch wegen der langen Transportwege.“

Teures China

In den vergangenen Jahren sind viele Modemacher aus chinesischen Textilfabriken abgezogen, nachdem die Lohnkosten dort empfindlich gestiegen sind. Grund dafür war unter anderem die aufstrebende Elektronikindustrie, die mit höheren Löhnen immer mehr Näherinnen abgeworben hat, was die Textilfabrikanten schließlich dazu bewogen hat, höhere Löhne zu bezahlen, um genügend Mitarbeiter zu bekommen.

Darauf zogen viele Modemacher weiter – in noch billigere Produktionsländer. Eine Situation, wie es sie ähnlich auch in Ungarn oder Tschechien gibt. „Hier zieht die Automobilbranche Mitarbeiter aus der Textilindustrie ab, weshalb manche mit der Produktion in die Ukraine abwandern“, beobachtet Rose. „Unter dem Strich bleibt die Tatsache, dass die Preisdifferenz zu Asien immer geringer wird“, sagt Rose. Damit ist das Match der Textil-Riesen um europäische Produktionslinien eröffnet.