Tower am Flughafen Wien

© Kurier/Juerg Christandl

Wirtschaft
07/10/2019

Gezielte Personalverknappung? Die Privilegien der Fluglotsen

Hohe Gehälter, hohe Pensionen, Zusatzurlaub. Wird gezielte Personalverknappung betrieben?

von Andrea Hodoschek

Die Airlines am Flughafen Wien hatten die schlimmsten Befürchtungen. Bei der Flugsicherung Austro Control waren Betriebsversammlungen angesetzt. Zwar gab es am Dienstag weder Flugausfälle noch Verspätungen, doch das Aufatmen währte nur kurz. Denn was sich bei der Austro Control intern abspielt, beunruhigt bereits die gesamte Luftfahrtbranche.

Der Zeitpunkt der Betriebsversammlungen im Tower war symptomatisch für die Zustände im Unternehmen. Es ging nicht um die aktuelle Lohnrunde, diese wurde nach langen Streitereien teuer (bis zu drei Prozent mehr Gehalt sowie eine Prämie über 5.000 Euro) schon im April abgeschlossen, sondern um weitere Verbesserungen für die Belegschaft. Es gab keinen Grund zur Eile und warum die Veranstaltung ausgerechnet zum Start der sommerlichen Hochsaison stattfinden musste.

Fluglotsen tragen eine sehr hohe Verantwortung, doch die Austro Control (ACC) mit ihren 1.060 Mitarbeitern ist ein staatlicher Privilegienstadel mit Seltenheitswert.

Das Brutto-Durchschnittsgehalt pro Mitarbeiter – vom Portier bis zum Fluglotsen – lag im Vorjahr bei 160.000 Euro. Rechnet man die Pensionsrückstellungen des Unternehmens dazu, liegt die durchschnittliche Lohnsumme bei 210.000 Euro. Die Pensionsrückstellungen belaufen sich auf 60 Millionen Euro.

Dabei gibt es ein Zwei-Klassen-System. Mitarbeiter mit Altverträgen haben noch garantierte Pensionszusagen. Junge Kollegen erhalten ihre Zusatzpension über eine finanziell schlechtere Pensionskassen-Variante.

Lotsen können mit 55 Jahren in den Vorruhestand gehen – mit 75 Prozent ihres Letztbezuges. Sie haben eine 32-Stunden-Woche und zwei Wochen Zusatzurlaub.

Personalknappheit

Der Rechnungshof hatte bereits 2009 vor personellen Engpässen gewarnt und dringend empfohlen, mehr neue Fluglotsen einzustellen. Per Recruiting-Veranstaltungen sucht das Unternehmen regelmäßig neue Lotsen, die dreijährige Schulung erfolgt im eigenen Haus.

Die Drop-out-Rate soll aber auch für die anspruchsvolle Ausbildung ungewöhnlich hoch sein. „Von beispielsweise 20 neu aufgenommenen Kandidaten bleiben meist nur ein bis zwei Junglotsen im Unternehmen. Der Rest wird von den eigenen Kollegen vertrieben“, berichten Insider.

Angeblich mit dem Ziel, die Zahl der Mitarbeiter künstlich knapp zu halten, um Forderungen der Belegschaft im Vorstand und im Verkehrsministerium leichter durchzubringen. Dabei fallen so hässliche Worte wie „Mobbing“ und „Erpressung“.

Obendrein werde der einheitliche europäische Luftraum „Single European Sky“ von den Fluglotsen, nicht nur den österreichischen, ganz bewusst verzögert, argumentieren Kritiker. Technisch sei der einheitliche Flughimmel über Europa längst kein Problem.

Die Austro Control dementiert diese Vorwürfe natürlich. Trotz einer Verkehrssteigerung von 14 Prozent gebe es bei den An- und Abflügen in Wien nur minimale Verspätungen. Anders sei die Lage bei Überflügen. Wegen Kapazitäts-Engpässen in ganz Europa werde immer mehr Verkehr auf Routen über Österreich verlagert. So würde der Flughafen Karlsruhe einzelne Strecken gar nicht mehr anbieten.

Die Lage scheint allerdings prekärer zu sein und hat sich in den vergangenen Wochen zugespitzt. Im Juni war die ACC die unpünktlichste Flugsicherung in ganz Europa. Die Quelle ist unverdächtig, die Daten (siehe Grafik) stammen von der Zentrale Eurocontrol.

40 Prozent aller derzeitigen Verspätungen seien auf die Flugsicherung zurückzuführen, klagt die AUA: „Wir spüren das alltäglich. Wir bekommen keine Slots, fliegen zusätzliche Schleifen, unsere Flugzeuge bleiben auf dem Boden.“ AUA-Chef Alexis von Hoensbroech warnte im Ö1-Mittagsjournal vor einer weiteren Verschärfung der Lage.