Wirtschaft 12.06.2018

Die Angst der Tierärzte vor den Heuschrecken

Tierärzte werden es als Einzelkämpfer künftig schwer haben © Bild: Getty Images/BraunS/iStockphoto

Regierung soll drohende Mehrheits-Beteiligung von Finanzinvestoren bei Freien Berufen verhindern

In der Tierwelt fressen die Großen die Kleinen. In der globalisierten Tierarzt-Welt ist das nicht anders. Erst dieser Tage wagte der US-Multi Mars Petcare (Pedigree, Whiskas, Sheba, Royal Canin) den Sprung über den großen Teich und schluckte die schwedische Tierklinikkette AniCura sowie das britische Praxisnetzwerk Linnaeus. Zu den 2000 Praxen/Kliniken in den USA kommen nun 287 weitere AniCura-Standorte in Europa dazu, darunter vier in Österreich. Insgesamt beschäftigt Mars Petcare mehr als 50.000 Veterinäre.

Gewinner des Mega-Deals in der Branche sind die beiden Investmentfonds NordicCapital und Fidelio, die Mehrheitseigentümer von AniCura. Sie streifen mit dem Verkauf fast zwei Mrd. Euro Gewinn ein. Während die „Heuschrecken“-Fonds profitieren, haben die Tierbesitzer durch die Fusion künftig weniger Auswahl bei der Praxiswahl und es drohen höhere Preise. In Großbritannien, wo bereits jede vierte Tierarztpraxis in Kettenbesitz ist, seien die Honorare seit Öffnung des Marktes für Kapitalgesellschaften um bis zu 40 Prozent gestiegen, warnt Kurt Frühwirth, selbst Tierarzt und Präsident der Bundeskonferenz der Freien Berufe Österreichs (BUKO). Ohne Abschluss einer Tierversicherung könnten sich die Briten ein Haustier fast gar nicht mehr leisten.

EU-Klage

In Österreich wurde die Mehrheitsbeteiligung durch Kapitalgesellschaften an Freien Berufen bisher durch die Standesregeln erfolgreich verhindert. Weil damit gegen EU-Recht verstoßen wird, handelte sich Österreich eine Klage der EU-Kommission ein. Frühwirth geht davon aus, dass der Europäische Gerichtshof (EuGH) in einem bis zwei Jahren in der Causa entscheiden wird – sofern es zuvor keine Einigung gibt.

Die BUKO appelliert daher an die Regierung, sich während der kommenden EU-Präsidentschaft für den Erhalt des Status Quo einzusetzen. „Die drohenden Mehrheitsbeteiligungen sind ein Damoklesschwert für die Freien Berufe, wie wir sie heute haben“, meint Frühwirth. Ziviltechniker und BUKO-Vize Rudolf Kolbe sieht auch die Unabhängigkeit der Berufsausübung in Gefahr. Als Beispiel nennt er Pharmakonzerne, die sich in Apotheken einkaufen oder Energieriesen, die sich eigene Ziviltechniker-Büros zulegen.Vor allem in Skandinavien und den Niederlanden gebe es bei technischen Berufen keine Beteiligungsverbote mehr, die Zahl der Selbstständigen sei rapide gesunken.

Mehr Miteinander

Um sich vor übermächtiger Konkurrenz durch große Ketten zu schützen, setzen die Standesvertreter auf mehr Miteinander und wollen Vergesellschaftungen, Gemeinschaftspraxen oder Kooperationen fördern. „Einzelkämpfer werden es in Zukunft schwer haben“, so Frühwirth und baut auf die nächste Generation. Einer Umfrage unter 900 jungen Freiberuflern zufolge können sich 80 Prozent vorstellen, sich gemeinsam statt allein selbstständig zu machen.

Generell ist laut Umfrage der Wunsch nach selbstständiger Tätigkeit nach wie vor stark ausgeprägt. 72 Prozent der Befragten gaben dies als Grund an, warum sie einen Freien Beruf angestrebt haben. "Auch wenn wir heute schon bei einigen Gruppen der Freien Berufe, wie etwa bei den Apothekern, viele Angestellte haben, freu mich dieses Bekenntnis unseres Nachwuchses zur Selbstständigkeit", so Frühwirth.

Zu den Freien Berufen zählen Ärzte,Tierärzte, Zahnärzte, Apotheker, Notare, Rechtsanwälte, Patentanwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer sowie Ziviltechniker. Die BUKO vertritt 80.000 Mitglieder mit 170.000 Beschäftigten.

( kurier.at , ast ) Erstellt am 12.06.2018