© Kurier/Gerhard Deutsch

Interview
03/05/2020

"Die Amerikaner lachen uns aus"

Der Investor Klaus Umek über den Ausblick für Aktien nach dem Coronavirus, die Angst der Anleger und die Fehler Europas.

von Irmgard Kischko

Klaus Umek ist Kapitalmarktprofi. Nach Jahren bei der US-Investmentbank Goldman Sachs gründete er 2009 seine eigene Anlagegesellschaft: Petrus Advisers. Mittlerweile hat er mit seinem Team in London, Frankfurt, Bratislava und Wien drei Fonds für Institutionen und Privatanleger aufgebaut, die in Aktien und Absicherungsinstrumente investieren, dabei beste Renditen erwirtschaften und regelmäßig den Aktienmarkt übertreffen.

Mit dem KURIER sprach Umek über den jüngsten Absturz der Börsen, den Vertrauensverlust der Anleger und warum Amerikas Öffentlichkeit Recht hat.

KURIER: Herr Umek, hat Sie der Absturz der Börsen am Anfang dieser Woche überrascht?

Klaus Umek: Ja, er hat mich überrascht. Die Börsen waren davor mancherorts ganz gut gelaufen, aber nicht vollständig überhitzt. So gesehen war der Absturz – außer in Einzelfällen – bisher nicht ruinös.

Wo war er denn ruinös?

Bei vielen Aktien ist der Kursverfall nicht mit Corona oder dem schwächer erwarteten Wachstum erklärbar. Da wurde einfach übertrieben, es wurde alles parallel verkauft.Ich verstehe ja, wenn man sagt, ich verkaufe die Carnival-Cruise-Aktie, weil weniger Leute Kreuzfahrten buchen. Aber für Wiener Titel wie Raiffeisen Bank International gibt es vom Geschäftsgang her gesehen keinen Grund für die Kursverluste. Die RBI schreibt Rekordgewinne.

Warum wird die Aktie dann trotzdem verkauft?

Es gibt offenbar einen anhaltenden Vertrauensverlust unter Anlegern. Bei 18 Euro ist die Aktie massiv unter ihrem Wert geschlagen. Es schienen Sorgen der Investoren im Markt zu liegen, die nie ausgeräumt wurden. Aber Anleger haben auch in andere Titel wie Wienerberger, Verbund oder S-Immo kurzfristig das Vertrauen verloren.

Hat das Coronavirus also eine größere Vertrauenskrise an den Börsen ausgelöst? Viele denken sich, die Kursverluste werden noch weitergehen. Sie haben noch die Krisen 2015/’16 mit der China-Abwertung und dann 2016 den Brexit und Trump als Aktien-Verwerfungen im Kopf. Die Anzahl der Herzinfarkte der Aktienbörsen ist zu hoch. Selbst ein junger Anleger hat schon viel mehr Grauen gesehen als Sonnenschein. Das erhöht die Nervosität der Investoren. Ängstliche finden immer mehr Grund für Angst.

Prognosen wie jene der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD), dass wegen des Virus die Wachstumsraten halbiert werden, lassen aber keinen Sonnenschein erwarten ...

Die Börsen interessiert nicht, ob es heute regnet. Sie interessiert, ob es noch fünf Monate weiterregnet. Die OECD-Prognose signalisiert eine klare Warnung. Und die EU und auch die Republik Österreich sind gefordert, etwas zu machen.

Was könnten sie machen?

Die EU hat doch große Überschüsse. Mehr als 1.000 Milliarden Euro liegen in Strukturfonds, die nie ausgegeben werden und in Bankenstützungsfonds, die auch nicht ausgegeben werden. Wozu liegt das dort? Die Amerikaner lachen uns aus, weil wir immer ängstlich in guten Zeiten Überschüsse ansparen und dann keine Krise stark genug ist, um sie endlich zu mobilisieren.

Teilen Sie diese Meinung?

Ja, die Meinung der Amerikaner stimmt im Grunde. Die USA haben strukturell fünf Prozent Budgetdefizit und haben sofort beim Auftreten der ersten Coronafälle reagiert. In Europa wird der Flugverkehr gestrichen, und es gibt keine koordinierte Antwort, obwohl das Thema schon zwei Wochen länger bei uns herumgeistert. Wenn wir jetzt nicht unsere Reserven nutzen, wann dann.

Die Regierungen sagen aber: Wir müssen sparen ...

Die Deutschen erwirtschaften zwei Prozent Budgetüberschuss und stellen nicht genug Geld für Investitionen bereit. Worauf warten die, bis sie sich bewegen? Jetzt aber bräuchten wir ein Paket: Die Bundesrepublik und die EU müssten Stärke zeigen, weil wir alle wissen, dass sie es können.

Die USA haben die Zinsen gesenkt, die Weltbank stellt Geld zur Verfügung. Reicht das nicht?

Einem Hotel in Venedig, dem 80 Prozent der Gäste ausfallen, helfen tiefere Zinsen nicht. Wir in Europa brauchen zielgerichtete Hilfen für die Tourismusindustrie, die Fluggesellschaften, Flughäfen, Messebetreiber. Und für Italien. Ja, dort gab es wieder ein Staatsversagen. Aber die EU ist eben eine Solidargemeinschaft und wir sollten darüber hinweg sehen.

Das spricht aber nicht für eine baldige Erholung der Börsen, oder?

Doch. Sobald die Zahlen der Neuerkrankungen nicht mehr steigen, beruhigen sich die Börsen. Und wenn die öffentliche Hand Betroffenen hilft, wie nach einem Hochwasser, werden sich die Kapitalmärkte wieder beruhigen. Die Österreicher haben weiterhin zuviel Cash und einen viel zu kleinen Kapitalmarkt.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.