Klässner im KURIER-Interview: Kein Heimvorteil in Österreich

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Wirtschaft
08/02/2019

Der Mann, der VW elektrisiert

Der Automobil-Konzern steigt groß beim Start-up has.to.be ein. Gründer Martin Klässner im KURIER-Interview.

von Andrea Hodoschek

Die Story hat Runtastic-Dimensionen. Der Software-Entwickler Martin Klässner, 36, zog in Radstadt ein Start-up auf, als Elektromobilität noch lange kein großes Thema war. Schon vor elf Jahren baute er Protoypen für Ladestationen in seiner Garage. Klässner hält trotz vieler Rückschläge durch. Jetzt ist der VW-Konzern, der nach eigenen Angaben die "größte E-Offensive in der Automobilindustrie" verfolgt, mit 25 Prozent eingestiegen. VW legt für das Investment vermutlich 20 bis 30 Millionen Euro hin.

KURIER: Wie geht es Ihnen?

Klässner: Ehrlich gesagt, sehr gut. Es war ein langer Weg bis heute. Als in den USA die ersten Tesla gebaut wurden, haben wir 2008 als Hardware-Hersteller die ersten Ladestationen in Deutschland gebaut. Dann bemerkten wir, dass es für die Verwaltung der Ladestationen überhaupt keine Software gibt und gründeten 2013 has.to.be.

Können Sie bitte verständlich für Laien erklären, was das Unternehmen tut?

Unsere Kunden stellen Ladestationen auf und wir kümmern uns als Dienstleister mit unserer Software darum, dass alles funktioniert. Wir sorgen für ein 24-Stunden-Monitoring-Service, die Hotline für die Endkunden, die Bezahlung und Abrechnung.

Wer sind Ihre Kunden?

Autohersteller, Stadtwerke, Autobahnbetreiber, Telekom-Unternehmen, Landes-Energieversorger oder große Handelsunternehmen. Einer unserer größten Kunden ist Ionity, das größte Schnell-Ladenetzwerk in Europa. Ein Gemeinschaftsunternehmen von Audi, BMW, Daimler, Ford, Porsche und VW. Der Endkunde, der sein Auto auflädt, merkt von uns nichts, wir sind der unsichtbare Dritte im Hintergrund.

Was haben Sie mit der Kapitalerhöhung vor?

Expandieren. Wir strecken unsere Fühler auch in die USA aus, aber unser Fokus ist Europa, wir wollen die größte europäische Plattform werden.

Warum ausgerechnet Radstadt? Die Stadt gilt nicht gerade als Start-up-Center.

Das hat historische Gründe. Ich hatte befürchtet, wir werden dort keine Wachstumsmöglichkeiten haben. Doch inzwischen ist es leichter, im Salzburger Land Mitarbeiter zu bekommen als in Wien, Linz oder München. Salzburg hat eine hohe Dichte an Online-Agenturen und dadurch viele Software–Entwickler. Auch Sony und Siemens haben ihre IT-Entwicklungszentralen in Salzburg.

Was bieten Sie den Leuten?

Eine überdurchschnittliche Bezahlung, weil unsere Mitarbeiter überdurchschnittlichen Einsatz bringen. Darüber hinaus bieten wir ,social benefits’. So sind zum Beispiel viele unserer Mitarbeiter ehrenamtlich bei Blaulicht-Organisationen tätig. Einsatzzeit ist bei uns Arbeitszeit. Ich bin selbst seit 15 Jahren bei der Feuerwehr.

Davon kann die Firma sicher auch profitieren.

Natürlich. Die Leute sind gewohnt, im Team zu arbeiten, unter Druck und Stress Entscheidungen zu treffen und sind besonders loyal und engagiert. Das deckt sich gut mit unserer Unternehmenskultur.

Apropos Kultur. Fürchten Sie nicht, dass VW seine Konzernstruktur über has.to.be stülpt und die Start-up-Kultur umbringt?

Ich glaube schon, dass wir uns gegen Konzernkulturen gut durchsetzen können. Wir müssen Konzern-Compliance-Prüfungen standhalten, aber trotzdem flexibel genug bleiben.

Warum kaufen noch so wenig Leute ein Elektro-Auto?

Derzeit liegt der Preis noch im Premium-Segment. Aber das ändert sich rapide. Den neuen VW ID.3, der Ende 2019 kommt und unter 30.000 Euro kosten wird, konnte man nach zwei Stunden nicht mehr vorbestellen. Mit einer neuen Fahrzeug-Generation und intelligenten Mobilitätsdiensten wird es funktionieren. Dafür ist aber eine Lade-Infrastruktur mit Stationen mindestens alle 20 Kilometer notwendig.

Haben Sie manchmal daran gedacht, den Hut draufzuhauen?

Mindestens zwei Mal pro Jahr. Die letzten Jahre waren geprägt von vielen Rückschlägen. Weil sich die Rahmenbedingungen so oft änderten. Von den Mitbewerbern beim Start sind nur zehn Prozent übrig. Wir mussten uns immer wieder auf neue Partner umstellen, dazu kam der Finanzdruck als junges Unternehmen. Bis 2018 konnten wir in Österreich kaum Fuß fassen.

Hatten Sie keinen Heimvorteil?

Wir mussten erst im Ausland erfolgreich sein, bis man uns in Österreich zugetraut hat, dass wir was können. In Lettland gelang uns der Markteintritt schneller als in Österreich. Wir hatten hier schon viele Start-up-Preise abgeräumt, aber noch keine Kunden. Nach unzähligen Präsentationen haben wir uns ausschließlich auf das Ausland konzentriert. Dann passierte Merkwürdiges: Je mehr wir uns in Österreich zurückzogen, umso mehr Kunden kamen plötzlich.

Warum ist es in Österreich so schwierig?

Die regionalen Vorbehalte eines in Landesgrenzen verschränkten Denkens sind in Österreich besonders ausgeprägt. Diese protektionistische Haltung habe ich nur hier so erlebt. Jeder versucht, sich so weit wie möglich abzusichern – meine Ladestationen sind nur für meine Kunden. In anderen Ländern haben die Leute verstanden, dass sich die Kosten reduzieren, je mehr Kunden eine Ladestation nutzen.

Sie haben prominente Aktionäre, darunter Ex-OMV-Chef Gerhard Roiss. Wie kamen Sie als kleines Start-up an solche Wirtschaftskapazunder ran?

Ich habe Gerhard Roiss vor dreieinhalb Jahren kennengelernt, er war auf der Suche nach Investitionsmöglichkeiten in Start-ups und ich war auf der Suche nach Kapital. Und dann sind seine Freunde auch eingestiegen.

Roiss ist Vorsitzender des Beirats. Mischt er sich ins Geschäft ein?

Ich bin ein Software-Entwickler und habe mich im Selbststudium weiter gebracht. Roiss hilft mir sehr viel, von ihm bekomme ich ehrliches Feedback. Das ist nicht immer angenehm, aber er ist ein Sparring-Partner, der die Grenzen und Risiken aufzeigt. Damit wir nicht in die falsche Richtung laufen und Fehler machen, die einen den Kopf kosten können.

Wie ist Ihre Perspektive? Bald aussteigen und Kasse machen?

Nein, ich bin überzeugt, dass die Branche in den nächsten fünf, sechs Jahren einen extremen Wachstumsschub bekommt. Die Zahl der E-Autos wird rapide steigen. Da will ich selbst gestalten und als CEO an Bord bleiben. Da kommt mein Ego rein. Was nachher ist, weiß ich nicht.

Fahren Sie ein E-Auto?
Ja, einen VW Golf. Aber ich bekommen demnächst einen Audi e-tron. 

VW investiert insgesamt 250 Millionen Euro in den Ausbau von Ladestationen für Elektroautos. Bis 2025 will der Konzern europaweit 36.000 Ladepunkte installieren. Das Start-up has.to.be liefert Software-Lösungen und Services für E-Mobilität. Das Unternehmen wurde von Martin Klässner gegründet und beschäftigt 73 Mitarbeiter aus zehn Nationen.

has.to.be verwaltet derzeit mehr als 14.500 Ladestationen, vorwiegend in Europa, aber auch in Australien und Taiwan. Ende 2020 will Klässner 180 Mitarbeiter beschäftigen.

Bereits beteiligt sind neben Roiss noch Ex-Siemens-Chef Peter Löscher, Paul Achleitner (Aufsichtsratschef der Deutschen Bank), BASF-Aufsichtsratschef Jürgen Hambrecht sowie die Blue Minds Solution des Ehepaares Kern.