"Unsere Politiker haben kein Charisma", findet Heli Dungler (li). Toni Hubmann meint, dass mehr Tierschutz auch das Bauerneinkommen verbessern würde.

© KURIER/Franz Gruber

Landwirtschaft
08/21/2014

Der Feinkostladen Österreich hat längst zu

Kritik an heimischer Agrarpolitik: Tierschützer und Unternehmer fordern neues Fördersystem.

von Simone Hoepke

In Österreich leben rund acht Millionen Menschen und vier Millionen Schweine – aber letztere sieht man so gut wie nie", sagt Heli Dungler, Gründer und Chef der Tierschutzorganisation Vier Pfoten. Er schätzt, dass gerade einmal 4000 Schweine in Österreich vor die Stalltüre dürfen. "Die anderen sind in hochindustrielle Ställe weggesperrt." Österreich könne sich auf seine Haltungsbedingungen nichts einbilden, in anderen Ländern, etwa Spanien, würden deutlich mehr Freiland-Tiere gehalten, meint Dungler. Nachsatz: "Der Feinkostladen Österreich hat längst geschlossen."

"Vergeben Chance"

Schuld daran sei die Politik, die auf Masse statt Qualität setze. "Unsere Politiker haben kein Charisma und keine Vision, wofür wir in Europa stehen sollen. Sie warten immer nur, was in Brüssel entschieden wird", ärgert er sich. Als jüngstes Beispiel führt er die Pläne von Gesundheitsminister Alois Stöger an, den Platz für Mastputen von derzeit 40 auf 60 Kilo pro Quadratmeter zu erhöhen. In Deutschland gebe es in der Putenindustrie gerade Bestrebungen, die Besatzdichte von 60 auf 40 Kilo pro Quadratmeter zu verringern – also genau den umgekehrten Weg zu beschreiten. Dungler: "Aber wir wollen uns wieder den EU-Richtlinien anpassen und dann auch noch von österreichischer Qualität sprechen, obwohl dann gar nicht mehr von Qualität die Rede sein kann. Wir vergeben eine Chance."

Unternehmer Toni Hubmann schlägt in dieselbe Kerbe. Der Bauer müsse von der Produktion leben können, das Einkommen würde mit einer Aufstockung der Besatzdichte aber nicht steigen. "Das zu glauben, wäre ja blauäugig. Der Lebensmittelhandel weiß ja auch, dass sich die Produktionsbedingungen ändern und will dann weniger für die Ware zahlen. Unterm Strich bleibt den Bauern weniger", erklärt er.

Das Argument, dass aus wirtschaftlichen Gründen auf Masse gesetzt werden muss, hält für ihn nicht. Eine Verbesserung des Tierwohls würde die Qualität steigern und auch die Bauerneinkommen, meint er. Als vor rund 20 Jahren Österreich in der Abschaffung der Käfighaltung von Legehennen eine Vorreiterrolle übernommen hatte, wurde prophezeit, dass viele Betriebe zusperren und der Selbstversorgungsgrad Österreichs mit Eiern sinken würde. Hubmann: "Tatsächlich ist der Selbstversorgungsgrad von 77 auf 83 Prozent gestiegen. Heute produzieren heimische Betriebe mehr Eier als vor 20 Jahren."

Mittlerweile sollte es laut einer EU-Richtlinie übrigens in der ganzen EU keine herkömmliche Käfighaltung für Legehennen mehr geben – nur noch größere, sogenannte ausgestaltete Käfige sind erlaubt. Die Realität sieht allerdings anders aus, da die Umsetzung der Richtlinie bei den Staaten liegt. In fünf Ländern, darunter Spanien, Italien und Griechenland, werden Legehennen noch in kleinen Käfigen gehalten. Viele mitteleuropäische Unternehmen seien wegen der weniger strengen Gesetze, der quasi nicht vorhandenen Kontrollen und billigen Arbeitskräfte in diese Länder abgewandert, sagt Dungler.

Tierwohl statt Masse

Unternehmer Hubmann wünscht sich von der Politik ein anderes Förderungssystem, das mehr das Tierwohl und die Qualität hebt und nicht nur die Mengenproduktion sicherstellt und steigert. "20 Jahre lang haben wir nur das System Menge angeschaut und vor allem noch größere Stallungen und noch mehr Technik gefördert." Eine der Folgen: Heute produzieren ein Viertel der Bauern mit der Hälfte der Kühe um 30 Prozent mehr Milch als noch vor 30 Jahren. Viele kleine Bauernhöfe und Familienbetriebe haben aufgehört. "Jetzt sollte man endlich über das Tierwohl und die Qualität nachdenken und damit die Einkommen der Bauern sichern. Ich wäre zum Beispiel für eine Förderung der Tierbetreuung, wie Behirtungs-, Tierwohl- und Weideprämien", meint Hubmann.

Dass die EU-Mindeststandards in der Tierhaltung noch einmal angehoben werden, glaubt weder Dungler noch Hubmann. Es können aber Tierwohl-Initiativen, die wesentlich über die Mindeststandards hinausgehen und durch neue "Tierwohl-Qualitäts-Kennzeichnungen" den Konsumenten darüber informieren, eine Änderung herbeiführen. Solche Bestrebungen gebe es derzeit unter anderem auch in Deutschland.

Laut Heli Dungler ist das Bewusstsein für die Ernährung und deren Produktion vor allem in Frankreich, den skandinavischen Ländern oder Großbritannien viel höher als bei uns, was sich auch in den Haltebedingungen widerspiegle. Eine Landwirtschaft, in der es nur darum gehe, immer mehr und immer billiger zu produzieren, stoße an ihre Grenzen, verweist er auf Monokulturen und Pestizidrückstände.

Bauer und Tierschützer

Toni Hubmann Der Steirer war Vorreiter in der Freilandhaltung von Legehennen. Er hat selbst eine Landwirtschaft und vermarktet zudem die Eier von rund 300.000 Legehennen (Marke: Tonis Freilandeier) seiner rund 200 Vertragsbauern.

Heli Dungler Der Tierschützer hat vor 26 Jahren die Tierschutzorganisation Vier Pfoten ins Leben
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