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Wirtschaft von innen
06/15/2014

Das IT-Desaster des AMS

Arbeitsmarktservice überlegt Neuausschreibung, Rechnungshof will wieder prüfen.

von Andrea Hodoschek

Das Projekt läuft seit Beginn an schief. Die Ausschreibung ein zweijähriger Rechtskrieg, die gesamte Organisation bei der Umstellung monatelang gestört und tagelang überhaupt lahmgelegt, ein heftiger Bericht des Rechnungshofes, ein aufwendiges Schlichtungsverfahren – und nach wie vor nichts als Probleme. Die Pech- und Pannenserie des Arbeitsmarktservice mit der Auslagerung des IT-Systems an IBM dauert bis heute an. Jetzt wird im AMS über eine Neuausschreibung diskutiert und der Rechnungshof wird wieder zur Prüfung anrücken.

Es geht um riesige Datenbanken und 7600 Computer-Arbeitsplätze an 160 Standorten in ganz Österreich. Die IT der damit hoffnungslos überforderten Arbeitslosen-Verwalter, die sich aus den Pflicht-Beiträgen der Beschäftigten und der Unternehmen sowie aus Steuermitteln finanzieren, ist eines der größten Projekte im staatlichen Bereich. Das Auftragsvolumen umfasst die Größenordnung von 173 Millionen Euro (netto), zahlbar über die Gesamtlaufzeit von acht Jahren. Das Problem beim Outsourcing von IT: Der Kunde verlagert die Verantwortung an einen Dritten, von dem er dann freilich völlig abhängig ist.

Ende 2008 wurde ausgeschrieben, den Zuschlag erhielt IBM erst im September 2011. Die unterlegenen Konkurrenten Siemens und T-Systems waren mit ihren Anwälten aufgefahren, weil IBM während der Bieterschlacht den Preis um 50 Prozent senkte. Da hätten im AMS schon die Alarmglocken schrillen müssen. Heute stellt sich die Frage, ob IBM tatsächlich der Bestbieter war.

Immer noch soll die Performance im AMS, das derzeit mehr als 370.000 Arbeitslose IT-unterstützt verwaltet und serviciert, miserabel sein und die Mängel sollen schwer sein. "Nicht einmal einfache Software-Änderungen können von IBM umgesetzt werden, wichtige IT-Vorhaben werden nicht erfüllt", klagen Insider. Was AMS-Vorstand Herbert Buchinger, SPÖ, dem mit Vertretern der Sozialpartner und des Sozialministeriums besetzten Verwaltungsrat (quasi Aufsichtsrat) in der Sitzung am 15. April berichtete, gefiel dem Kontrollgremium gar nicht. Das Protokoll liegt dem KURIER vor (siehe Faksimile). Im Alltagsbetrieb würden keine wesentlichen Störungen (mehr) auftreten, "die großen Störungen betreffen weiterhin die Softwareveränderungen, sprich die Releases". Buchinger referierte vor den Verwaltungsräten über die aktuell gröbsten Probleme. So sei IBM nicht in der Lage, Applikationsteile zur Sommerrelease 2014 zu liefern, was vor allem den Kombilohn betreffe. Das zweite große Problem, das 2014 gar nicht funktioniere, betreffe Data Warehouse (Zusammenführung von Daten unterschiedlicher Herkunft in einer Datenbank): "Alles, was bis jetzt geliefert wurde, war fehlerhaft". Jetzt würden zwar die Zahlen aus 2013 stimmen, aber dafür sei das AMS derzeit "im Blindflug" unterwegs. Deshalb sollte man sich langsam "mit dem Gedanken einer Neuausschreibung anfreunden". Die Mindestbindungsfrist an IBM laufe noch bis September 2017. Fest stehe jedenfalls, erklärte Buchinger, "dass IBM eindeutig zu billig angeboten hat".

Eine Chance, die IBM noch nutzen wolle, sei die Einführung einer Standardsoftware mit einem Schlag – ein "Big Bang". Das werde gerade von IBM geprüft, sei aber "ein Unterfangen mit sehr hohem Risiko". Das AMS sollte sich nicht darauf einlassen. Experten halten die Wahrscheinlichkeit, dass ein "Big Bang" ohne gröbere Probleme funktioniert, für minimal.

Vorsitzender Roland Sauer, Chef der Sektion Arbeitsmarkt im Ministerium, meinte abschließend, man werde sich "relativ rasch" mit dem Thema Neuausschreibung befassen, sollte die Performance nicht besser werden.

Gegenüber dem KURIER äußert sich Buchinger diplomatischer. Dann und wann träten Störungen im laufenden Betrieb auf, diese würden "inzwischen von IBM weitgehend erfüllt". Nicht ganz zufrieden sei man bisher "mit den Fähigkeiten von IBM, Softwareänderungen auf Anforderung rasch und richtig zu liefern". Eine Neuausschreibung sei "aktuell noch kein Thema". Allerdings müsse das AMS angesichts der Verfahrensdauer bis Ende 2014 entscheiden, ob eine Neuausschreibung vorbereitet werden solle. IBM-Chefin Tatjana Oppitz lässt ausrichten, man spreche in der Öffentlichkeit prinzipiell nicht über Kundenbeziehungen.

IBM sei weiterhin der Billigstbieter, betont Buchinger. Und verweist auf den Vergleich, der wegen der Probleme bei der Umstellung (Transition) geschlossen wurde. Die Transition ist bei Großprojekten besonders kritisch, dabei werden die IT-Systeme des bisherigen Dienstleisters vom neuen Anbieter übernommen.

Vielleicht hätten Buchinger und sein schwarzer Vorstandskollege Johannes Kopf härter verhandeln sollen. Immerhin wurde das AMS nach monatelangen Störungen bei der Umstellung im Sommer 2012 vier Tage lang geschlossen, weil die mehr als 5400 genervten Mitarbeiter IT-mäßig von der Außenwelt abgeschnitten waren. Die Internet-Angebote waren noch länger nicht verfügbar und Sozialminister Rudolf Hundstorfer, SP, musste auf die Veröffentlichung der Arbeitsmarktdaten – traditionell zum Monatsersten – tagelang warten.

Nach heftigen Auseinandersetzungen einigte man sich in einer Schlichtungsvereinbarung vom 15. März 2013, die dem KURIER ebenfalls vorliegt. IBM verzichtete auf etliche Forderungen, aber auch das AMS gab klein bei. Schlichtungen sind bei IT-Großaufträgen üblich, bevor die Streithähne vor Gericht gehen und sich die Verfahren über Jahre hinziehen.

Das AMS verzichtete beispielsweise auf eine Million Euro für zusätzliche Hardware-Mietkosten.

Sowie auf 1,2 Millionen Euro für Dienstleistungen, für die der vorherige Partner einspringen musste.

1,242 Millionen Euro wurden IBM für verspätete Leistungen abgezogen, die Hälfte davon wurde wieder zurück überwiesen.

Für die Schließtage entstanden Kosten von einer Million Euro – auf die Eintreibung wurde verzichtet.

In Summe habe sich das Projekt nicht verteuert, beteuert Buchinger. Das stimmt schon, doch die Leistung entspricht nicht den vertraglichen Vereinbarungen.

Der Rechnungshof hat die Causa wieder auf dem Plan. 2011 schlugen die Prüfer erstmals Alarm. Das AMS habe bei der Neuausschreibung keine ausreichenden Vorkehrungen getroffen, um das Umstellungsrisiko zu minimieren. "Angesichts der großen Bedeutung des AMS ist eine Follow-up-Prüfung bereits fixiert", kündigt Rechnungshof-Sprecherin Doris Grabherr an.

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