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Dumping und Blockadepolitik: Wie China Österreichs Medikamenten-Produktion bedroht

Warnruf aus Kundl. Antibiotika aus Österreich sollen Europas Versorgung sichern. China aber baut seine Übermacht mit Preisdumping aus
++ HANDOUT ++ TIROL: SANDOZ ERÖFFNET 50 MIO. EURO SCHWERE ANTIBIOTIKA-PRODUKTIONSANLAGE

Es ist ein Prestigeprojekt, das nicht nur Österreichs Bundesregierung, sondern auch die EU-Spitze in Brüssel gerne in die Auslage stellt. Gerade in Zeiten grassierender Medikamenten- und vor allem Antibiotika-Knappheit verweist man gerne auf das Penicillin-Werk im Tiroler Kundl. Großzügig, mit zweistelligen Millionenbeträgen an heimischen Förderungen, ausgebaut, soll die heute zum Schweizer Sandoz-Konzern gehörende Traditionsfirma in der Lage sein, ganz Europa mit Penicillinen zu versorgen.

Doch der jüngste Warnruf aus Kundl stellt diese offensichtlich trügerische Sicherheit in Frage. China würde mit zunehmend aggressivem Dumping beim Wirkstoff Amoxicillin, einem der wichtigsten Antibiotika, die Produktion in Kundl schwer unter Druck setzen. Zuletzt hätte China die ohnehin niedrigen EU-Preise - Amoxicillin ist ein billiges Standardmedikament ohne Patentschutz – um fast 50 Prozent unterboten. „Das Dumping, das aktuell von China betrieben wird, macht es für uns unmöglich, langfristig und nachhaltig wirtschaftlich zu arbeiten.“, macht Simon Göller, Mitglied des Sandoz-Vorstands, gegenüber dem KURIER das Problem deutlich: „Wir stellen uns gerne jedem Wettbewerb, nur der muss fair sein.“

Doch fairen Wettbewerb kann man auch in Brüssel bei Chinas Pharma-Strategie wie in vielen anderen Branchen nicht ausmachen. Das EU-Institut für Sicherheitsstudien nennt die Abhängigkeit von China ein „strategisches Risiko für Europa“. Die Regierung in Peking würde die chinesische Medikamentenproduktion nicht nur mit riesigen Summen fördern, sondern auch den eigenen Markt konsequent von jeglicher ausländischer Konkurrenz abschotten. Das öffentliche Gesundheitssystem des Landes werde fast ausschließlich von heimischen Produzenten versorgt. Westliche Firmen, die etwa bei Maschinen und Instrumenten für die medizinische Forschung versucht hatten, in China auf den Markt zu kommen, wurden sogar mit Sanktionen belegt.

Globale Übermacht

Zugleich hat man sich gerade im Bereich weit verbreiteter Standardmedikamente ohne Patentschutz, sogenannter Generika, eine globale Übermacht verschafft. Egal, ob es um Schmerzmittel, Diabetes-Medikamente, oder eben Antibiotika geht. China kontrolliert bei all diesen Wirkstoff-Klassen rund 80 Prozent der westlichen Märkte. Indien ist zwar ebenfalls ein Riese in der Generika-Herstellung, bezieht aber di e Wirkstoffe für seine Produkte ebenfalls aus China.

Spätestens seit während der Corona-Pandemie in Europa die Regale der Apotheken leer standen und Standardmedikamente für Kinder nicht mehr zu bekommen waren, ist man sich in Brüssel des Problems bewusst. Vor wenigen Wochen haben sich die EU-Institutionen auf das „Gesetz für kritische Arzneimittel“ geeinigt. Der gibt den EU-Staaten die Möglichkeit, die heimische Produktion wichtiger Medikamente großzügig zu fördern, Brüssel soll außerdem die EU-Staaten dabei unterstützen, gemeinsam Medikamente zu beschaffen, bei der Auswahl der Produkte sollen jene bevorzugt werden, die in Europa hergestellt werden.

Es ist ein in jahrelangen Verhandlungen geschmiedeter Kompromiss, den wohlwollende EU-Vertreter, die an diesen Verhandlungen beteiligt waren, als „wichtigen Schritt“ bezeichnen. Ein wirklich gemeinsames europäisches Vorgehen in der Medikamentenversorgung haben die EU-Staaten nicht zugelassen, gerade den heiklen Bereich der Gesundheitssysteme wollen die nicht aus der Hand geben, ist er doch in den EU-Verträgen als nationale Kompetenz definiert.

Auch die Gegenwehr gegen die chinesische Übermacht gestaltet sich im Detail schwierig. Auch europäische Medikamenten-Hersteller lassen sich mit Wirkstoffen aus China beliefern. Harte Maßnahmen wie hohe Einfuhrzölle auf diese Produkte sehen diese Firmen skeptisch. Gerade bei den billigen Generika, bei denen die Gewinnspannen ohnehin gering sind, will man insgeheim auf den Preisvorteil durch die China-Importe nicht verzichten. Außerdem, geben Vertreter der Pharmaindustrie insgeheim zu, sei es zu teuer, oder sogar schlicht unmöglich, die Produktion, die in Jahrzehnten nach Asien abgewandert sei, jetzt im Eiltempo wieder nach Europa zurückzuholen.

Ob das neue Gesetz also tatsächlich Chinas Pharma-Übermacht zumindest verringert, bleibt abzuwarten. Auch Simon Göllers Erwartungen sind bescheiden: „Ist der Critical Medicines Act die Lösung des Penicillin-Problems, da bin ich skeptisch.“

Um Europa bei der Medikamenten-Versorgung wieder auf eigene Füße zu stellen, dafür müsse die gesamte Wertschöpfungskette wieder hierher zurück - und das sei ein langer Weg: „Jetzt müssen wir uns einmal darum kümmern, dass wir die Medikamenten-Infrastruktur, die wir noch haben nicht auch noch verlieren. Danach können wir daran denken, eine neue aufzubauen.“

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