Chefin des VIG-Konzern: First Lady Elisabeth Stadler

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Foto: undefined, APA/GEORG HOCHMUTH Viel Ehrgeiz und eine 80-Stunden-Woche

Elisabeth Stadler, neue Chefin des VIG-Konzerns, ist die erste Frau an der Spitze eines ATX-Unternehmens. Die hart arbeitende, faktenorientierte Top-Managerin will Frauen fördern.

Lange genug hat’s gedauert. Am 1. Jänner 2016 wird nicht nur erstmals eine Managerin Vorstandsvorsitzende der Vienna Insurance Group (VIG), des größten heimischen Versicherungskonzerns. Elisabeth Stadler ist die erste Frau, die es an die Spitze eines ATX-Unternehmens geschafft hat.

Der ATX ist der Leitindex der Wiener Börse, in dem 20 Unternehmens-Schwergewichte gelistet sind. Bis heute sind die ATX-Bosse hübsch unter sich geblieben. Eh klar, zählt Österreich doch in Sachen Frauen-Karrieren nach wie vor zu den rückständigsten Ländern in ganz Europa.

Wie tickt jene Managerin, der es gelungen ist, den elitären Männerzirkel zu sprengen? In der breiten Öffentlichkeit ist Elisabeth Stadler wenig bekannt. Sich ins Rampenlicht zu drängen, entspricht nicht dem Stil der 54-Jährigen, die das so gar nicht frauentypische Studium der Versicherungsmathematik absolvierte. Und die über ihren Karriere-Sprung genauso überrascht gewesen sein dürfte wie über den verfrühten Abgang ihres Vorgängers Peter Hagen.

"Elisabeth Stadler hat eine starke, offene und sympathische Persönlichkeit. Sie ist eine exzellente Managerin mit internationaler Erfahrung und tiefgehendem Versicherungsfachwissen", attestiert der schärfste Konkurrent, UNIQA-Boss Andreas Brandstetter.

Eines ist sicher. Elisabeth Stadler ist keine Quotenfrau. Günter Geyer, Aufsichtsrats-Vorsitzender und mächtigster Mann im VIG-Konzern, gilt zwar als Förderer von Frauen-Karrieren, aber für eine 1er-Position ist die Quote zu wenig Argument.

Stadler selbst hält gar nix von der Quote. "Auch wenn es Befürworter gibt, die sagen, ohne Quote kommen Frauen nicht weiter, ist es eine Beleidigung für Frauen in Spitzenpositionen", sagt sie kurz nach ihrer Bestellung im Exklusiv-Gespräch mit dem KURIER. Frauen wollen "wegen ihrer Fähigkeiten, ihrer Kompetenz, ihrer Management-Skills und ihrer Leadership in Führungspositionen kommen – und nicht, weil sie Frauen sind".

Von den mehr als 30 Berufsjahren ist Stadler seit zwölf Jahren in Vorstandspositionen. Zuerst beim Mitbewerber UNIQA, dann als Österreich-Chefin der deutschen Ergo-Versicherung. Im Vorjahr holte sie Geyer als Trouble-Shooterin zur VIG-Tochter Donau, die in Italien viel Geld verloren hatte.

Bis dahin eigentlich schon eine beachtliche Karriere. Sie habe sich, betont Stadler, diese Positionen "über viele Jahre erst durch viel Ehrgeiz und Engagement erarbeiten müssen". Wer jetzt glaubt, die neue VIG-Chefin habe es selbst nicht so mit der Unterstützung ihrer Geschlechtsgenossinnen, irrt. Sie versuche sehr wohl, Frauen zu fördern. "Bei einer gleichwertigen Bewerbung ziehe ich die Frau vor". Klare Worte.

Welche Tipps kann eine Managerin, die ganz oben angekommen ist, Frauen geben?

"Stärker am Selbstvertrauen arbeiten und selbstbewusster auftreten. Öfter Ja sagen und öfter etwas ausprobieren".

Frauen würden sich "oft selbst im Weg stehen", beobachtet Stadler. Weil sie sich zu wenig zutrauen. Bei Ausschreibungen von Jobs macht Stadler immer wieder ähnliche Beobachtungen: "Die einzige Bewerberin erfüllt alle fünf Kriterien, und ist trotzdem noch unsicher, ob sie entspricht. Die Männer schaffen nur zwei von fünf Anforderungen, versuchen aber, den Rest durch außerordentliches Selbstbewusstsein wettzumachen."

Die Kolleginnen sind begeistert. "Super, dass eine Frau in eine solche Top-Position kommt. Mindestens die Hälfte der österreichischen Konsumenten sind Frauen, das sollte sich auch im Management widerspiegeln", applaudiert Brigitte Ederer, Ex-SPÖ-Politikerin und ehemalige Top-Managerin im Konzernvorstand von Siemens.

"Ich freue mich, dass wir nun endlich eine Frau an der Spitze eines ATX-Unternehmens haben", sagt Bettina Glatz-Kremsner, Vorstand der Casinos Austria. Sie attestiert Stadler, "als analytische, vorausschauende und lösungsorientierte Managerin in wichtigen Entscheidungen stets die Fakten im Blick zu behalten". Außerdem schätze sie Stadlers hohe Sozialkompetenz und ihre Fähigkeit als gute Zuhörerin.

Ex-ÖVP-Ministerin Maria Rauch-Kallat, Gründerin des Frauen-Netzwerkes Alpha, spricht von einer "Vorbildwirkung für andere Unternehmen, die gar nicht hoch genug geschätzt werden kann". Die Bestellung sei nicht nur ein hoher Vertrauensbeweis, sondern "zeigt auch auf, dass innovative Unternehmen auf die Kraft der Frauen setzen". Die VIG hat immerhin schon einige Managerinnen in den diversen Vorstandsetagen.

Gleichzeitig warnt Rauch-Kallat vor Euphorie. Seit einigen Jahren seien Führungspositionen für Frauen in fast allen Bereichen rückläufig. "Die Männer haben entdeckt, dass jede Position für eine Frau eine Position weniger für einen Mann ist." Das bekämen auch gut ausgebildete, führungserfahrene Frauen zu spüren.

Stadler ist optimistischer. Da sich die Basis an qualifizierten Frauen verbreitere, würden in den nächsten Jahren auch mehr Managerinnen in die Top-Ebenen aufsteigen.

Leicht wird der neue Job für Stadler, die sich von ihrer 80-Stunden-Arbeitswoche am liebsten bei einem Glas Wein im Haus in Langenlois ("der schönsten Weinstadt Österreichs") entspannt, auf keinen Fall.

Über ihre Strategie kann Stadler noch nichts sagen. Generell konstatiert sie der Branche, "für die es schwieriger wird", mehrere große Herausforderungen. Die anhaltend schwache Konjunktur. Die Niedrigzinspolitik drückt die Renditen bei der Veranlagung. Der Druck, Kosten zu senken, steigt. Und die Digitalisierung werde sich als Wettbewerbsfaktor "noch weiter verstärken".

Was andererseits auch positiv sei. "Weil wir gefordert sind, neue Produkte zu entwickeln und uns für die Zukunft gut aufzustellen".

Wäre noch die Frage, ob Stadler im Gegensatz zu Vorgänger Hagen die brave Erfüllungsgehilfin von Aufsichtsratschef Geyer machen wird. Antwort: "Ich bin grundsätzlich bekannt dafür, dass ich die Ideen, von denen ich überzeugt bin, auch umsetze". Man darf gespannt sein.

Versicherungskonzern: Die VIG ist Österreichs größter Versicherungsgruppe. Der Konzern investierte früh in Osteuropa und umfasst heute 50 Unternehmen in 25 Ländern. In Österreich ist die VIG mit der Wiener Städtischen, der Donau und der s-Versicherung präsent.  
Mitarbeiter: Die Gruppe beschäftigt insgesamt 23.000 Mitarbeiter und ist das am besten bewertete Unternehmen im Leitindex ATX der Wiener Börse. Die Aktie notiert auch an der Börse in Prag.
Gewinneinbruch: Das Vorsteuerergebnis fiel in den ersten neun Monaten 2015 um 60 Prozent auf 175 Millionen Euro. Ausschlaggebend dafür war eine Wertberichtigung der IT von 195 Millionen Euro. Eine interne Überprüfung ergab, dass Teile der IT erneuert werden müssen. Operativ fuhr die VIG 370 Millionen Euro Gewinn ein.

(kurier) Erstellt am
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