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Brexit-Referendum
05/24/2016

Herz oder Kopf? Briten haben die Wahl

Am 23. Juni wird über den EU-Austritt entschieden. Was die österreichische Wirtschaft dazu sagt.

"Should I stay or should I go?" Diese Frage werden sich die Briten am 23. Juni stellen, wenn sie über den Brexit – also einen EU-Austritt – abstimmen. Die Stimmung ist sogar ein klein wenig mit der österreichischen Bundespräsidentenwahl vergleichbar: Es herrscht Frust über das "Establishment", über Migration und nationale Probleme wie Wohnungsnot und Mängel im Bildungs- und Gesundheitssystem. Dennoch wird mit einem Ja zur EU gerechnet. Und darauf hofft auch Österreichs Wirtschaft. Beim diesjährigen Europatag der Wirtschaftskammer wurde darüber diskutiert.

Britische Extrawürste

Das Vereinigte Königreich gilt als streitbares EU-Mitglied und errang etliche Sonderregelungen. Die britische Botschafterin Susan le Jeune d’Allegeershecque geht davon aus, dass ihre Landsleute auch am 24. Juni noch weiterhin "stolzer Teil dieser Gemeinschaft" sein werden. Sie zeigte aber Verständnis für Kritiker, die meinen, es werde in Brüssel zu viel reguliert und zu wenig getan, um Europa global wettbewerbsfähig zu machen. Den "unaufrichtigen Umgang" nationaler Politiker mit der EU rügte Europaparlamentarier Othmar Karas, denn: "Es gibt keine europäische Entscheidung ohne Zustimmung der Mitgliedstaaten."

Ein Brexit würde wirtschaftlichen Schaden auf beiden Seiten verursachen, meinten die Diskutanten. Großbritannien hätte zum Beispiel ein Zollproblem und müsste neue Handelsabkommen verhandeln, so Karl Pisec, Sprecher des Dachverbands des europäischen Handels. Die EU wiederum würde ihre zweitgrößte Marktwirtschaft und einen "Hort des Liberalismus" verlieren.

Österreich füllt Nischen

Großbritannien ist zwar bei weitem nicht Österreichs wichtigster Handelspartner, doch heimische Firmen füllen dort Nischen aus, zum Beispiel im Bau. Einer davon ist der Oberösterreicher Erich Wiesner, Eigentümer der WIEHAG Timber Construction. Das Unternehmen gilt als Pionier im Ingenieurholzbau. Während man österreichischen Politikern die von ihm mit errichteten britischen Gebäude als beispielhaft vorführe, könnte man sie in Wien aufgrund vielerlei Regulierungen gar nicht bauen, erzählte Wiesner. Er ist begeistert über die architektonische Vielfalt und ökologische Orientierung im Londoner Bauwesen. Obwohl Österreich ein Forstland sei, werde der "grüne" Werkstoff Holz hierzulande viel weniger eingesetzt. Ein Brexit würde sein Geschäft zwar nicht ernsthaft stören. Aber die nachfolgende gedrückte Stimmung würde die Baukonjunktur wohl eher drosseln, glaubt er.

Stimmen die Briten mehrheitlich für einen Austritt aus der EU, dann bedeutet dies laut einer Studie im Auftrag des Finanzministeriums in London für die Wirtschaft des Landes nichts Gutes. „Ein Austritt würde einen sofortigen und heftigen Schock hervorrufen“, sagte Finanzminister George Osborne gestern, Montag, bei der Vorstellung der Studie.

Das Papier entwirft zwei Szenarien. Bei einem milden Schock wäre demnach die Wirtschaftsleistung nach zwei Jahren um 3,6 Prozent niedriger als bei einem Verbleib in der EU. Zugleich dürfte die Inflation bei der erwarteten Pfund-Abwertung steigen und die Immobilienpreise um zehn Prozent niedriger sein.

Bei einem heftigen Schock könnte das Bruttoinlandsprodukt sogar um sechs Prozent und die Immobilienpreise um 18 Prozent niedriger ausfallen. Mindestens eine halbe Million Arbeitsplätze könnte vernichtet werden.

„Das ist die Option zur Selbstzerstörung“, warnte Regierungschef David Cameron. „Das britische Volk muss sich selbst diese Frage stellen: Können wir bewusst für eine Rezession stimmen?“, fragte Osborne.

Unrealistisch

Kritiker werfen der Regierung vor, kein realistisches Bild zu zeichnen. „Dieses Dokument des Finanzministeriums ist keine ehrliche Bewertung, sondern ein stark voreingenommener Blick auf die Zukunft“, sagte Iain Duncan Smith, früher Minister unter Premier Cameron.

Laut einer Analyse der Privatbank Sal. Oppenheim würden sich die unmittelbaren realwirtschaftlichen Folgen eines Austritts für die restliche EU in Grenzen halten. Die Exporte der EU-Länder nach Großbritannien machen rund sieben Prozent der Gesamtexporte aus. „Aber es wäre ein verheerendes politisches Signal“, heißt es. „Wäre Großbritannien nicht mehr dabei, würde die EU insgesamt südländischer geprägt werden, und für Deutschland würde es schwieriger sein, Mehrheiten für die eigene Position zu finden.“

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