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Wirtschaft
11/23/2019

Warum Bio-Lebensmittel zur Massenware werden

Der typische Österreicher gibt knapp 200 Euro im Jahr für Bio aus. Beim Anbau ist Österreich den Deutschen weit voraus.

von Simone Hoepke

Jan Niessen, Professor an der Technischen Hochschule in Nürnberg, sagt, was der typische Österreicher gerne hört. Dass Deutschland von Österreich viel lernen kann. Zumindest im Bio-Bereich. Ein Viertel der landwirtschaftlichen Fläche wird hierzulande biologisch bewirtschaftet, jeder fünfte Landwirt gehört zu den „Bios“.

„Da legst di’ nieder“, sagt Niessen bei einer Veranstaltung von Ja! Natürlich. Er verweist auf die Situation in Deutschland: „Wir haben weder bei der Anbaufläche noch bei der Anzahl der Bio-Betriebe unsere Ziele für 2020 erreicht, wir sind heute so weit wie Österreich im Jahr 2014.“ Also bei einem Bio-Flächenanteil von weniger als zehn Prozent. Und das, obwohl Deutschland nach den USA der größte Bio-Markt der Welt ist.

Davon hat die österreichische Landwirtschaft in den vergangenen Jahren profitiert. Da die Deutschen zu wenig Bio-Nachschub von den eigenen Feldern hatten, haben sie fleißig importiert – auch aus Österreich.

Die Bio-Branche ist längst aus der Nische herausgewachsen und zur weltumspannenden Milliardenindustrie geworden. Allein Österreichs Lebensmittelhändler haben im Vorjahr mit dem Verkauf von Bio-Lebensmitteln knapp zwei Milliarden Euro bewegt – Tendenz weiter steigend.

Rund um den Globus wird der Branchenumsatz mit 95 Milliarden US-Dollar beziffert. Gemessen am Pro-Kopf-Umsatz sind die Schweizer mit knapp 300 Euro Ausgaben im Jahr führend, gefolgt von Dänemark und Schweden. Die Österreicher belegen mit knapp 200 Euro den fünften Platz und greifen damit tendenziell öfter zu Bio als der typische Deutsche (122 Euro).

"Geiz ist geil"

Die „Geiz ist geil“-Mentalität ist in Deutschland beim Lebensmitteleinkauf eben stärker ausgeprägt, meint Niessen. Dass sich das schnell einmal ändern wird, glaubt er nicht. „Die Kluft zwischen Gutverdienern und jenen mit geringem Einkommen geht weiter auf.“ Anders formuliert: Viele können sich die teurere Bio-Ware schlicht nicht leisten. Auch wenn diese von Händlern verstärkt als Lockartikel eingesetzt wird und damit immer billiger zu haben ist.

Sehr zum Missfallen der Öko-Branche. Dennoch wird es im Supermarktregal letztlich immer ein konventionelles Produkt geben, das billiger zu haben ist – und damit oft im Einkaufswagerl landet. Schließlich sind manche Konsumenten ohnehin skeptisch, ob Bio automatisch auch besser bedeutet.

Dazu hätten in Deutschland zuletzt diverse Lebensmittelskandale beigetragen, wie etwa Berichte von den Zuständen in holländischen Bio-Eier-Produktionen, die ihre Ware in den deutschen Markt exportiert haben, erläutert Niessen: „So etwas führt immer zu einer Sippenhaftung. Es werden auch letztlich jene Bio-Betriebe diskreditiert, die ordentlich arbeiten.“

„Skandale gab es in Österreich auch, nur früher“, sagt Andreas Steidl Geschäftsführer und Direktor des Qualitätsmanagements von Ja! Natürlich. Sie hätten letztlich zu mehr Kontrollen geführt, auch direkt in den landwirtschaftlichen Betrieben. Das sei notwendig, da die Einhaltung vieler Auflagen im Labor nicht mehr nachgeprüft werden kann – etwa im Bereich der Tierhaltung.

In den vergangenen Jahren waren es oft die Händler, die die Standards nach oben getrieben haben. „Wir haben uns dafür eingesetzt, dass die Kühe von der Leine gelassen werden und das Küken-Töten ein Ende hat“, sagt Ja!Natürlich-Geschäftsführerin Martina Hörmer zum 25-Jahr-Jubiläum der Marke.

Heute vertreibt der Rewe-Konzern unter dem Label Ja! Natürlich mehr als 1.000 Produkte, seit neuestem gibt es sogar Bio-Superfood aus Niederösterreich und dem Burgenland: Bio-Amaranth, Buchweizen und Chiasamen. Der Jahresumsatz von Österreichs größter Bio-Marke stieg zuletzt auf 450 Millionen Euro. „Noch nie waren die Rahmenbedingungen so gut“, sagt Hörmer mit Verweis auf die aktuellen Umweltschutzdebatten.

Viele Bauern stellen auf Bio um

Das zeigen auch die Daten der Roll-Ama. In zwei Jahrzehnten hat sich der Bio-Anteil von 2,7 auf knapp neun Prozent fast verdreifacht. „Diese Entwicklung ist einzigartig. Bio-Lebensmittel haben heute einen völlig anderen Stellenwert in unserer Gesellschaft als noch vor zwanzig Jahren“, kommentiert Micaela Schantl, Leiterin der AMA Marktforschung.

Markus Brandenstein ist Biolandwirt der ersten Stunde. Er hat 1990 den elterlichen Betrieb im Marchfeld übernommen, der damals vor allem Mais, Getreide und Rüben ausgepflanzt hat. Der Einsatz der Spritzmittel habe bei ihm ein „diffuses Unwohlsein“ hervorgerufen, deswegen habe er auf Bio umgestellt.

„Ich bin überzeugt davon, dass Bio die Welt ernähren könnte. Ich seh’ ja auf meinen eigenen Feldern, wie viel auf einem Hektar wächst“, so der Marchfelder Landwirt. Er baut auf einer Fläche von 110 Hektar vor allem Bio-Karotten und Bio-Spargel und Getreide an, beschäftigt zur Erntezeit bis zu 40 Personen. Allein seine Bio-Karotten-Ernte belaufe sich auf rund 400 Tonnen im Jahr. „Die neue Greta-Generation wird den Bio-Anbau auch vehement einfordern“, ist er überzeugt.

Derzeit würden auch in Österreich viele Landwirte auf Bio umstellen, weil sie von der konventionellen Produktion nicht mehr leben können. Eine gute Entwicklung, findet Öko-Pionier Brandenstein, warnt aber vor der „Konventionalisierung der Bio-Landwirtschaft“. Also davor, dass zu den Mindest-Bio-Standards angebaut wird und damit dem Ruf der gesamten Branche geschadet wird.

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