Über 1100 Arbeiter verloren beim Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch im April ihr Leben.

© APA/ABIR ABDULLAH

Bangladesch
10/21/2013

Mehr als die Hälfte der Textilien für EU gefertigt

Südwind: Ein halbes Jahr nach den Vorfällen in einer Textilfabrik in Bagladesch, hätten sich die Arbeitsbedingungen kaum gebessert. Näherinnen kämpfen für mehr Geld.

von Simone Hoepke

Die Frage sei nicht ob, sondern wann wieder eine Fabrik in Bangladesch einstürzt oder in Flammen aufgeht. Das sagen Mitarbeiterinnen von Clean Clothes nach einem Lokalaugenschein in der 15-Millionen-Einwohner-Hauptstadt Dhaka.

Außer am Papier scheint noch nicht viel passiert zu sein. Nachdem vor einem Jahr mehr als 1100 Näherinnen bei einem Fabriksbrand ums Leben kamen, haben sich hundert Unternehmen verpflichtet, für bessere Sicherheitsstandards bei ihren Zuliefererbetrieben zu sorgen. „Umgesetzt ist das Sicherheitsabkommen aber noch nicht. Und es beinhaltet nicht die noch immer ausstehenden Entschädigungszahlungen und eine Anhebung der Löhne“, sagt Südwind-Mitarbeiterin Ines Zanella.

Rund vier Millionen Menschen in Bangladesch arbeiten in der Textilindustrie. Der staatliche Mindestlohn liegt bei monatlich 30 Euro. Arbeitnehmervertreter fordern eine Anhebung auf 76 Euro, um ein existenzsicherndes Lohnniveau zu gewährleisten. Ein Kilo Reis kostet in Bangladesch rund 50 Cent, ein Kilo Tomaten 90 Cent, ein Kilo Rindfleisch etwa drei Euro. Die Arbeiter sind nicht krankenversichert, ein Arztbesuch kostet 60 bis 100 Euro. Die Arbeitgeber stellten am Montag eine Anhebung der Löhne um 50 bis 80 Prozent in Aussicht. Dafür sollen auch die Modeketten zur Kasse gebeten werden.

Bilder: Die größten Industriedesaster

Bangladesch, eines der ärmsten Länder der Welt, lockt mit Billiglöhnen internationale Textilketten an und ist so zum zweitgrößten Textilproduzenten der Welt aufgestiegen. Jährlich werden Kleider mit einem Exportwert von mehr als 14 Milliarden Euro verschifft. „2012 hat die EU Waren im Wert von 9,2 Milliarden Euro aus Bangladesch importiert, 76 Prozent davon entfielen auf Textilien. Damit ging mehr als die Hälfte der Texilproduktion des Landes in die EU“, rechnet Zanella vor. Allein H&M importierte 2012 Waren im Wert von 1,1 Milliarden Euro „made in Bangladesh“. Europäische Konzerne profitieren nicht nur von den niedrigen Löhnen, sondern auch von einem Handelsabkommen, das die Einfuhr von Waren aus Bangladesch in die EU von Zöllen befreit.

Zeitdruck

In Bangladesch ist die Textilindustrie eng mit der Politik verzahnt. Jeder zehnte Parlamentsmitarbeiter ist in der Textilindustrie tätig. 3500 Fabriken exportieren ins Ausland. Gearbeitet wird unter hohem Zeitdruck. Von der Auftragserteilung bis zur Auslieferung vergehen im Schnitt 35 bis 50 Tage. Überstunden sind damit für Näherinnen Alltag.

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