Wirtschaft
15.08.2018

Autozulieferer Polytec: Kapitalismus mit starker sozialer Ader

Beim Linzer Kunststoffverarbeiter ist die Übergabe auf Schiene. Vater und Sohn Huemer nehmen sich kein Blatt vor den Mund.

Vor 32 Jahren gründete Friedrich Huemer in einer Garage den Autozulieferer und Kunststoffverarbeiter Polytec. Nachdem die Übernahme des Mitbewerbers Peguform von der Wirtschaftskrise durchkreuzt wurde und das Unternehmen an den Rand des Abgrunds brachte, floriert Polytec heute wieder. Die Übergabe an Sohn Markus steht kurz bevor.

Wie kamen Sie auf die Idee, Kunststoffteile zu produzieren?

Friedrich Huemer: Ich war als Angestellter bei Semperit in Linz, als diese gerade aufgeteilt wurde. Ich habe als technischer Verkäufer für gegossene Spezialkunststoffteile gearbeitet und dort im letzten Jahr die Abteilung mit 25 Mitarbeitern übernommen, das Personal reduziert und den Umsatz verdoppelt. Ich habe dann bemerkt, dass Linz für die Zentrale in Wien schon abgeschrieben war, da habe ich über Nacht gekündigt und mich selbstständig gemacht. Mein Angebot, die Abteilung herauszukaufen, wurde abgelehnt. So habe ich von null begonnen. Eineinhalb Jahre später war die Abteilung meine erste Akquisition, da wollten sie dann doch verkaufen.

Dann wurde es richtig turbulent.

Friedrich: 1986 hatte ich meinen ersten Auftrag über 3,5 Millionen Schilling, an mich privat adressiert. Ich wusste noch nicht, wo meine Firma sein wird. Es war Juni, im September musste ich an Kässbohrer Finisher für Pistenraupen liefern (gelbe Kunststoffteile am Ende des Fahrzeugs, die den Schnee flach drücken und die markanten Rillen hinterlassen, Anm.). Im August war ich am Weg zum Arbeitsamt, um Mitarbeiter zu bekommen, da bin ich verunglückt. Mir ist seitlich einer reingefahren, wäre ich angeschnallt gewesen, wäre ich tot gewesen. Das Auto war zur Hälfte eingedrückt. Es folgten drei Wochen absolute Krankenhaus-Bettruhe. In der Zeit habe ich alles organisiert und pünktlich in einer gemieteten Halle zu produzieren begonnen. 1988 war dann das neue Werk fertig, zwei Tage später ist es abgebrannt.

Was hat Sie als Unternehmer geprägt?

Friedrich: Learning by doing. Ich habe nur die HTL absolviert. Nach ersten Berufserfahrungen war ich viel im Ausland, ich habe in jungen Jahren gelernt, wie man mit Menschen umgehen muss. Das ist mir zugutegekommen. Ich habe heute ein breites Wissen und Erfahrung, nicht bei der Entwicklung von Produkten, sondern wie man führt. Ich bin auch juristisch und steuerlich sattelfest. Das ging Schritt für Schritt.

Markus Huemer: Ich habe nach der HTL in Wels an der FH Steyr Produktion und Management studiert, später bereits berufsbegleitend einen MBA in Finanzmanagement gemacht. Durch das konsequente Management meines Vaters (lacht) habe ich in meiner Ferienzeit mehrere Wochen in den Betrieben verbracht, um ihn von der Pike auf zu kennen. Und um Fremdsprachen zu lernen…

Friedrich: …deshalb habe ich dich nach England und in die USA geschickt, um Sprachen zu lernen. Das war immer eine meiner Schwächen.

Markus: Meine erste große Managementaufgabe im Unternehmen war 2009, ein Werk in Schweden zu schließen und die ganze Fertigung zu verlagern. Mit 28 Jahren war das eine sportliche Aufgabe, das hat mich sehr geprägt. Eine ganzheitliche Organisation, nicht nur in einem Bereich, Kundenverhandlungen, Verlagerungsplanung, Personalabbau und dennoch die Mannschaft motiviert zu halten. Mein Vater hat immer gesagt „Komm rechtzeitig, wenn du Rat brauchst“. Das gibt Sicherheit. Daher konnte ich frühzeitig große Aufgaben übernehmen. In einem anderen Unternehmen kann ich ja nicht dauern zum Chef laufen und ihn fragen.

Wie verläuft die Übergabe?

Friedrich: Er hat sich stark weiterentwickelt. Ich habe ihm immer gesagt, dass er nicht nur Assistent vom Vorstand ist, sondern lernen muss, auch eigene Entscheidungen zu treffen. Sich nicht als Angestellter, sondern auch als Eigentümer sehen soll. In Schweden hat er gelernt, Entscheidungen zu treffen. Seit 2014 ist er offiziell stellvertretender Vorstandsvorsitzender, das war auch der Beginn des Übergabeprozesses. Ich werde meinen Vertrag nicht verlängern, mit 1. Jänner 2019 wird er Vorstandsvorsitzender.

Was wird mit dem Sohn am Steuer anders?

Markus: Mein Vater ist enorm zahlenaffin, er sieht Anomalien in einem 50 Seiten Finanzbericht in fünf Minuten. Durch die starke Akquisitionspolitik war Polytec extrem dezentral, aufgeteilt in Businessunits, geführt. Ich will den Konzern anders führen. Wir haben den Konzern konsolidiert und transparenter gemacht, um mehr Überblick zu bekommen. Wir haben Technologien zusammengeführt, auch den Vertrieb und mehr Leute im Controlling und Reporting.

Friedrich: Ich komme aus einem einfachen Elternhaus. Ich denke kapitalistisch, habe aber eine ausgeprägte soziale Ader. Von einem Unternehmen sollten alle Stakeholder profitieren. Das heißt Kunden, Mitarbeiter, aber natürlich auch die Aktionäre – auch wenn Letzteres von AK-Funktionären nicht so gerne gesehen wird. Ich will nur, dass diese Werte weiterhin stimmen. Für die Zeit, wenn ich nicht mehr CEO bin, habe ich mir schon Beschäftigung gekauft: Hotels, Immobilien und mit GlobeAir auch ein Bedarfsflugunternehmen.

Polytec hat zuletzt eine Gewinnwarnung herausgegeben. Wie ist das zu bewerten?

Markus: Der Markt ist derzeit volatil. Ein geringer Ergebniseinbruch auf hohem Niveau ist kein Drama. Schwierig zu bewerten sind die Planungsunsicherheiten, ob das temporär oder dauerhaft ist, ist schwer zu bewerten.

Friedrich: Wie naiv teilweise die Kapitalmärkte reagieren, ist unbegreiflich. Wir geben eine Gewinnwarnung von 20 Prozent heraus, stehen aber immer noch gut da, und der Aktienkurs ist um 20 Prozent gefallen. Im vergangenen halben Jahr hat er sich insgesamt halbiert. Tesla erhöht den Verlust und die Aktie steigt. Wenn mir wer sagt, der Kapitalmarkt ist intelligent, dann muss ich das bezweifeln.

Was sagen Sie zu Trump, Strafzöllen und Sanktionen?

Friedrich: Was mir Angst macht ist, dass Leute wie Trump oder Erdoğan unberechenbar und mit einer unglaublichen Macht ausgestattet sind. Trumps Rationalität ist infrage zu stellen, er ist auch beratungsresistent.

Wie beurteilen Sie die österreichischen Regierung?

Friedrich: Die letzten Regierungen waren ein Desaster, es gab nur Streit. Der Bruch und die Neuwahlen waren richtig. Viele haben in Kurz den Retter gesehen, auch ich zählte mich dazu. Meine Euphorie ist inzwischen deutlich zurückgegangen. Er sagt nur etwas zur Migration und verkauft sich gut. Die FPÖ kann tun, was sie will, das Rauchverbot aufheben und andere Blödheiten. Die FPÖler können sagen was sie wollen, der Vilimsky den Juncker als Säufer bezeichnen. Der Kanzler muss führen, das ist wie in einem Unternehmen. Und das tut Kurz nicht sichtbar. Er spricht nur von Migranten, obwohl wir derzeit kein Migrationsproblem haben. Wir haben keine Arbeiter, aber schieben Lehrlinge ab, weil sie keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Das ist ein Trauerspiel, schockierend, was da passiert.

Markus: Es gibt viele populistische Themen mit breiter Publikumswirksamkeit. Dass der Zwölfstundentag auf Biegen und Brechen eingeführt wurde, ist nicht so schlecht, aber dann wurde er falsch diskutiert und abgeschwächt. So werden wichtige Strukturreformen nie funktionieren. Die dringend notwendige Pensionsreform wird so in hundert Jahren nicht kommen. Dass Kurz die FPÖ gewähren lässt, so zu reden, ist ein Armutszeugnis für uns Österreicher. Die ÖVP muss die Führung tatsächlich übernehmen. Insgesamt wären die Ansätze und Voraussetzungen gut, großteils sind die richtigen Personen im Team.