Wirtschaft
02.04.2015

Experte Blum: "Notstand am Lehrstellenmarkt"

Jährlich geben rund 1000 Lehrbetriebe auf. Experte Egon Blum will mit einem Treuebonus gegensteuern.

Egon Blum schlägt Alarm. Wieder einmal. Der frühere Lehrlingsbeauftragte der Regierung trägt in seiner neuen Broschüre, die er den Sozialpartnern übermittelte, dick auf: "Die Realität in der Lehrlings-Entwicklung ist schlichtweg furchterregend und dramatisch, es herrscht Notstand am Lehrstellenmarkt", schreibt der 74-jährige Vorarlberger, der bei der Beschlägefirma Blum jahrzehntelang die Fachkräfte-Ausbildung leitete.

Untermauert wird die "Sorge um den Frachkräftenachwuchs" mit aktuellen Zahlen aus der betrieblichen Lehrstellenentwicklung. So haben von 2008 bis 2014 mehr als 7400 Lehrbetriebe in Österreich aufgegeben, die Lehrlingszahlen sind in diesem Zeitraum um mehr als 22.000 gesunken. Bei den Lehranfängern ist die Situation "noch dramatischer". Im Vorjahr haben um fast 10.000 Jugendliche weniger eine Ausbildung begonnen als 2008. Das Minus fällt weit stärker aus als der Geburtenrückgang. "Es stimmt einfach nicht, wenn die Gründe für den eklatanten Lehrstellenrückgang der Demografie angelastet werden", ärgert sich Blum. Das im Ausland viel gelobte System Lehre zeige im Inland "Zerfallserscheinungen", das gute Image entspreche schon lange nicht mehr der Realität.

Sofort-Maßnahmen

Der Lehrstellenschwund erfordere unverzügliche Maßnahmen, so Blum. Damit vor allem bei Kleinbetrieben die Hemmschwelle sinkt, das Handtuch zu werfen, schlägt Blum einen " Treuebonus" von 2000 Euro für maximal zwei Lehrlinge pro Firma und Jahr vor. Die Kosten für diese Lehrlingsförderung beziffert er selbst mit 61 Millionen Euro. Als weiteren Anreiz regt er unter anderem einen "Qualitätsbonus" von 3000 Euro nach dem zweiten Lehrjahr inkl. Qualifikationsnachweis an.

Weil die Bundespolitik seit Jahren untätig sei, will der Experte die Zukunft der Lehrlingsausbildung in die Hände der Länder legen. Die jeweiligen Bundesländer könnten nur dann Wachstum generieren, "wenn es ihnen gelingt, ihr Territorium als Produktions- und Dienstleistungsstandort aufrechtzuerhalten oder zu verbessern". Dies sei nur möglich, wenn international wettbewerbsfähige Klein- und Großunternehmen die dafür nötigen Fachkräfte im Land vorfänden.

In der Wirtschaftskammer (WKÖ) sieht man eine Verländerung der Lehre kritisch. "Die berufliche Ausbildung den Ländern zu überlassen, halte ich nicht für sinnvoll. Vorarlberg ist nicht Österreich", meint WKÖ-Bildungsexperte Alfred Freundlinger. Bei den Förderungen gebe es ohnehin Spielraum für die Länder. Den Lehrbetrieben Geld zu geben, damit sie nicht aufhören, hält Freundlinger für wenig hilfreich: "Die Firmen bilden deshalb nicht aus, weil sie keine geeigneten Bewerber finden." Durch den Trend zur höheren Schulbildung sinke die Auswahlmöglichkeit. Aber auch der Strukturwandel in der Wirtschaft – etwa mehr Ein-Personen-Unternehmen – führe zum Lehrstellenrückgang. Die Gewerkschaft fordert seit Längerem eine Fachkräftemilliarde. Alle Unternehmen, die ausbilden könnten, sollten solidarisch in einen Fonds einzahlen.

Das Problem beginnt im Elternhaus

Die Wirtschaftspolitiker und Unternehmer in Schanghai waren begeistert, als ihnen Wirtschaftskammer-Chef Leitl die duale Ausbildung skizzierte. Die Boom-Region leidet an Facharbeitermangel und will das System der Lehre kopieren. Frankreich will sich die Lehrausbildung im Kampf gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit zum Vorbild nehmen.

Österreich wird im Ausland um die Lehre beneidet. Nur im eigenen Land funktioniert das Erfolgsmodell nicht mehr so richtig. Immer mehr Betriebe bilden nicht mehr aus, immer weniger Jugendliche absolvieren eine Lehre. Die Ursachen dafür liegen im Bildungssystem, das permanent Leistung nach unten nivelliert und – noch viel mehr – im Elternhaus. Jugendliche, die weder die Grundrechnungsarten beherrschen noch halbwegs schreiben und lesen können, tun sich selbstverständlich schwer, einen Lehrplatz zu finden. Wenn Unternehmer berichten, dass es dann auch noch mit dem Auftreten hapert – Grüßen ist so gar nicht cool – ist das ein Armutszeugnis. Nicht für die Jugendlichen, sondern für deren Eltern. Es mag schon sein, dass manche Eltern überfordert sind, aber oft ist es nur Bequemlichkeit, sich nicht mit den Kindern auseinanderzusetzen und ihnen die grundlegenden Kulturtechniken beizubringen.

Wäre noch das Image. Viele, die in der Öffentlichkeit dafür plädieren, dass nicht jeder Jugendliche in eine höhere Schule müsse, treten ihre eigenen Kinder zur Matura und durchs Studium. Weil es in manchen Gesellschaftskreisen leider immer noch besser ankommt, wenn der Nachwuchs einen akademischen Titel hat. Auch wenn gut qualifizierte Facharbeiter heute oft wesentlich mehr verdienen als Uni-Absolventen.

Streit um neue Rezeptionisten-Lehre

Um die Lehre für Jugendliche attraktiver zu machen, will das Wirtschaftsministerium vier neue Lehrberufe schaffen und zwölf modernisieren. Die Änderungen sind gerade in Begutachtung und sollen ab Juni gelten. Bei den vier neuen Ausbildungen handelt es sich um Hotelkaufmann/frau bzw. Rezeptionisten, Ofenbau- und Verlegetechnik sowie Zimmereitechnik.

Die von der Hotelbranche geforderte neue Ausbildung zum Rezeptionisten stößt jedoch bei der Gewerkschaft auf Ablehnung. Sie spricht von einer „Schmalspurausbildung“ und „Billig-Variante“ des bereits existierenden Lehrberufes Hotel- und Gastgewerbeassistent/in. Dieser biete deutlich bessere Berufschancen für die Jugendlichen, weil er wesentlich umfassender sei. Die Touristiker wiederum beharren auf diese für die gehobenere Hotellerie wichtige Spezialisierung.

Unbestritten ist die Modernisierung von populären Lehrberufen wie jene im Einzelhandel. Auch die neuen „Modul-Lehrberufe“ Labortechnik oder Mechatronik finden breite Zustimmung.