Augarten-Chefin: "Porzellan als reines Statussymbol gibt es heute nicht mehr"

Die Bedeutung von feinem Geschirr verändert sich. Der KURIER hat die Porzellanmanufaktur im Wiener Augarten besucht und mit ihrer Chefin gesprochen.
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Vorsichtig gießt Peter Mader die dünnflüssige Masse in die Gipsform. Es sei wichtig, dass dabei keine Luftblasen entstehen, erklärt er. Der Porzellanformer arbeitet bereits seit 40 Jahren in der Porzellanmanufaktur Augarten. Sein Spezialgebiet sind Figuren, für die er jeden Teil einzeln gießt, bevor er sie mit Kleber zusammensetzt. An größeren Figuren, wie etwa zwei kämpfenden Pferden, arbeitet Mader tagelang. Sie kosten mehrere Tausend Euro. Bis heute sind Tiere die beliebteste Form, allen voran das Pferd. 

Doch die Bedeutung von Porzellanfiguren hat in den vergangenen Jahrzehnten  abgenommen. „Die Zeiten, in der bürgerliche Haushalte ganze Vitrinen voll Figuren hatten, sind vorbei“, sagt Augarten-Geschäftsführerin Stephanie Lamezan-Salins dem KURIER. Trotzdem liegt ihr Anteil am Umsatz in Österreich bis heute bei 20 Prozent – vor allem wegen aufwendiger Sonderanfertigungen. Auch beim Geschirr hat sich die Bedeutung des „weißen Goldes“ verändert. „Porzellan als reines Statussymbol, das gibt es heute nicht mehr. Es ist nunmehr eine bewusste Entscheidung für Handwerk, Qualität und Design“, sagt Lamezan-Salins.

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Die Gipsformen, in denen Figurenteile oder auch Tassenhenkel gegossen werden, stellt das Unternehmen Augarten selbst her.

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Die flüssige Masse aus Kaolin, Feldspat, Quarz und Wasser wird in die Form gegossen. Der Gips entzieht ihr das Wasser.

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Teller werden auf einer Drehscheibe geformt.

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Die Stücke werden getrocknet, bevor sie weiterverarbeitet werden.

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Nach dem Trocknen werden sie glasiert. Erst nach dem Brennen im Ofen wird die Oberfläche glasig.

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Jedes einzelne Teil wird händisch bemalt. 

Sonderanfertigung: Ein Teeservice um 200.000 Euro

Auch Tassen und Teekannen entstehen bei Augarten in Gipsformen. Teller werden auf einer Drehscheibe per Hand geformt. Insgesamt arbeiten 30 Mitarbeiter in der Porzellanproduktion des Unternehmens. Nach dem Glasieren und Brennen kommen die Stücke zum Bemalen. „Jeder Maler hier hat sein Spezialgebiet“, erzählt Lamezan-Salins. Beim Besuch des KURIER arbeitet ein Mitarbeiter gerade mit Airbrush an Champagner-Schalen, seine Kollegin tupft mit einem Schwämmchen Farbe auf Porzellanzitronen. 

Zwei andere Malerinnen arbeiten an einem gestreiften Teeservice. Die Tassen gehören zu einem Set für 40 Personen, die ein amerikanischer Kunde für seine Jacht geordert hat. Der Gesamtpreis für das Service: Rund 200.000 Euro. Großaufträge wie diese seien für die Auslastung der Manufaktur notwendig. Auch ihr Anteil am Umsatz sei hoch. 

Meistens kommen solche Sonderwünsche von Kunden aus den USA. Diese seien der wichtigste Exportmarkt des Unternehmens. Im Vorjahr habe man deswegen stark unter der US-Zollpolitik gelitten. Neben den USA ist Augarten auch auf den  Märkten in Asien – insbesondere Japan – stark vertreten. Hier kommen vor allem klassische Designs und Blumenmuster gut an. Im arabischen Raum will das Unternehmen ebenfalls wachsen, ist aber momentan vor allem durch große Einzelprojekte vertreten. Insgesamt macht Augarten die Hälfte seines Umsatzes im Ausland. Und der Exportanteil wird laut der Geschäftsführerin in Zukunft voraussichtlich noch weiter wachsen.

Der internationale Wettbewerb ist hart

International sei der Wettbewerb hart. „Es gibt viele Firmen, die Porzellan herstellen, und zum Teil zu attraktiveren Preisen als wir. Wir setzen auf Qualität und Handwerk“, sagt Lamezan-Salins. Und das kostet entsprechend viel: Weiße Speiseteller fangen etwa bei rund 120 Euro an, Espressotassen mit Untersetzern liegen bei mindestens 93 Euro pro Stück. Hintergrund sei die aufwendige Herstellung und der hohe qualitative Anspruch. Hinzu kämen „irre hohe Personalkosten“ am Produktionsstandort in Wien, sagt Lamezan-Salins.

Zwei Frauen sitzen auf einem lila Sofa und unterhalten sich an einem Tisch mit Getränken und Dekoration.

Stephanie Lamezan-Salins im Gespräch mit KURIER-Redakteurin Marlene Liebhart.

Der Anspruch des Unternehmens sei Perfektion. Figuren oder Geschirr mit kleinen Fehlern werden nicht bemalt, sondern bleiben weiß. Das Unternehmen verkauft sie als „zweite Wahl“ – etwa im Zuge der sogenannten „Weißen Wochen“ Anfang Mai.

Allgemein sei der Spielraum bei der Preisgestaltung trotz Kundschaft im Premium-Segment begrenzt. Wegen der „angespannten wirtschaftlichen Lage in den Haushalten und bei den Kunden“ habe man versucht, sich in den vergangenen Jahren mit Preissteigerungen zurückzuhalten, sagt Lamezan-Salins. In manchen Bereichen habe es jedoch keine andere Möglichkeit gegeben, etwa beim Verkaufsschlager, den vergoldeten Champagnerschalen. „Bei Produkten mit hohem Goldanteil ist der Goldpreis natürlich ein Riesenthema für uns. Wir haben dort Preisanpassungen vorgenommen, wo sie notwendig waren.“

Wie hoch der Umsatz insgesamt ist, will die Geschäftsführerin nicht mitteilen. Die Geschichte von Augarten sei eine bewegte. Der Anspruch sei nun, dass das Unternehmen selbstständig in die Zukunft gehe und Investitionen selbst tragen könne. „Wir sind am allerbesten Weg, diese stabile Zukunft abzusichern.“

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