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TV-Film
10/31/2012

Rommel: Film über Hitlers liebsten General

Ein TV-Film will am Donnerstag das wahre Gesicht von Feldmarschall Erwin Rommel zeigen. Über dieses streiten Historiker seit Jahrzehnten.

von Michaela Mottinger

Es fällt schwer, aus Interviews Wesentliches herauszufiltern, wenn die Gesprächspartner sich wie auf Verabredung in den gleichen Schlagworten ergehen. Zum Beispiel, dass endlich Schluss sein müsse mit der Schwarz-Weiß-Malerei, dass man differenzierter auf die Gestalter des Dritten Reiches schauen müsse, dass nicht alle Nazis "Nazis" waren (?), dass man bei so einem Projekt immer dem Teufel diene, dass es schade sei, "dass wir in Deutschland zwielichtige Figuren nicht zu Helden machen, wie Shakespeare es tat" (Zitat Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein). Von "Zerrissenheit" ist immer wieder die Rede. Und ARD-Programmdirektor Volker Herres bemüht im Anschluss an die Filmpräsentation im Hamburger Zeisekino gefühlte 25-mal das Wort "Fiktion".

Dann kommt der Hauptdarsteller, Ulrich Tukur, und meint lässig: "Ja, ich weiß, man hätte den Film ganz anders machen können."

Ehrgeizige Produktion

Am Donnerstag (20.15, ORF 2 und ARD) ist die ehrgeizige Sechs-Millionen-Euro-Produktion von teamWorx, mit der man ein differenziertes Bild von Hitlers Generalfeldmarschall Erwin Rommel alias "Der Wüstenfuchs" zeigen will, im Fernsehen zu sehen. Beleuchtet werden die letzten sechs Lebensmonate Rommels.

Sehen soll das TV-Publikum einen Offizier zwischen "Führer"-Verehrung und Sympathien für Stauffenbergs Widerstand.

Unter Experten schwelt bis heute der Streit, wie Rommel tatsächlich historisch einzuordnen ist. "Leider war er wohl nicht so im Widerstand drin, wie viele es gern hätten", sagt Ulrich Tukur dazu. "Für mich ist Rommel eine tragische Figur. Einerseits sieht er, der Patriot, wie Hasardeure sein Vaterland in den Abgrund reißen. Andererseits leidet er an einer schweren Form von Kadavergehorsam."

Sich so einer Rolle zu nähern, so Tukur, sei nicht einfach: "Ich kann ihn nicht hassen, sonst kann ich ihn nicht spielen. Ich habe daher versucht, den Menschen Rommel in seiner Zeit abzuholen, um ihn besser zu verstehen. Urteilen oder verurteilen kann ich über nichts und niemanden. Ich habe ja den Moment nicht gelebt."

Tukurs Darstellung ist vielschichtig. Er gibt den Generalfeldmarschall einerseits als verschmitzt-jovialen Schwaben, der gern mit seinem Dackel Gassi geht. Andererseits gelingt es ihm mit feinstem Mienenspiel, die psychische Abhängigkeit Rommels vom System, das ihn zum Helden hochstilisierte, zu zeigen.

Auf drei Punkte legt Tukur Wert: "Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, mit Rommel einen exemplarischen Blick in die Abgründe der menschlichen Seele zu zeigen. Denn der ,große Krieger" hat viele Soldaten in sinnlosen Schlachten geopfert. Ich hoffe, dass man sein Mitläufertum über den Minderwertigkeitskomplex des Schuldirektorssohns gegenüber den adeligen Offizieren begreift. Und ich hoffe, dass man seine Blauäugigkeit erkennt, sich von diesem Hampelmann Hitler, der sich für das größte militärische Genie aller Zeiten hielt, bevormunden zu lassen."

Politiknaivling?

Gerade diese "Blauäugigkeit", eine Charakterisierung als Politik­naivling, als Ideologienaivling beschwören Verehrer des Mythos Rommel mit Vorliebe ...

Ulrich Tukur, die Privatperson, will mit Militär nichts zu schaffen haben: "Das ist ein Ding aus der Vergangenheit. Das Geld, das man da reinschmeißt, würde ich anderweitig verwenden." Auch als Schauspieler ist Tukur kriegsmüde: Ein Angebot von teamWorx-Chef Nico Hofmann, in einer TV-Serie Hitler zu spielen, lehnte er ab. Nun freut er sich auf ein Jahr ohne Nazi-Rolle.

INFO: Im Anschluss an "Rommel" läuft die TV-Doku: "Rommel – Hitlers General", in Menschen & Mächte, ORF 2, 22:20 Uhr

Kommentar: Drittes Reich sells!

Zwei Szenen aus dem neuen Rommel-Film:
1. Im Bunker. Angesichts der ausweglosen Situation an der Atlantikküste fragt Rommel den "Führer", ob er an andere Lösungen denke. Dieser, gespielt von Johannes Silberschneider, nimmt bedächtig die Nickelbrille ab, bevor er fragt, welche. Darauf Rommel: verhandeln.
2. Im Schloss La Roche-Guyon wird zu Abend getafelt. Stabchef Speidel, ein Stauffenberg-Mann, dargestellt von Benjamin Sadler, fordert Rommel offen auf, sich dem Widerstand anzuschließen. Der sagt: "Speidel, Sie sind ja ein rauer Krieger!". Und isst weiter.

Woher Drehbuchautor und Regisseur Niki Stein diese intimen Gespräche hat? Einfach ausgedacht. Im Hinterkopf ersonnen, was Nazi und Co. in Hinterzimmern beplauderten.
Ein seriöser Zugang? Einer, der Fragen offen lässt.

Seinem Anspruch, die Figur Rommel auszuleuchten, wird Stein nicht gerecht. Er zeigt nur Schnappschüsse eines komplizierten Charakters. Sicher, alles ist da, alles ist drin. Historisch korrekt. Kurz angestrahlt – und weg. Wer über Rommel nicht dissertiert hat, also kein zeitgeschichtliches Vorwissen besitzt, dem wird sich manches nicht oder falsch erklären. Trotz des glänzenden Tukur.

Drittes Reich sells! Offenbar egal, wie. Die Quoten werden schon stimmen. (Obwohl ORFeins gegen ORF 2 "Die Tore der Welt" kampfprogrammiert hat.) - mot

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