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Wirtschaft atmedia
09/11/2012

Ein Sommer ohne Gespräch

Sommer-Gespräche mit Parteichefs wurden einst erfunden, um das Sommerloch zu schließen. Heuer tat sich eines auf.

von Helmut Brandstätter

Der Weg vom Burschen zum Mann ist nicht einfach, da ist vieles zu lernen: Der lässige Umgang mit der tieferen Stimme, das gekonnte Binden einer Krawatte, und dann, dass man nur ja nie diese eine Frage formuliert: "Wie war ich?"

Diese Frage ist tabu, und zwar in jeder Situation. Ob man einen öffentlichen Auftritt gemeistert oder eine intime Situation freudig überstanden hat, – der junge Mann von Welt fragt nie: "Wie war ich?"

Womit wir bei den heurigen Sommergesprächen wären. Seit Wochen geht es auf den Internetplattformen twitter und facebook nur um "Wie war ich? , wobei der Moderator sein Flehen um Lob natürlich geschickter formuliert. War er gut vorbereitet, schlagfertig, zu hart, live oder das letzte Mal im Einsatz? Nur das stand im Mittelpunkt. Um die Interviews ging es nie, weil der Moderator schon wieder was über sich und sich – und sich erzählen musste. An die Politiker, die selten befragt, oft belehrt und manchmal gerügt wurden, erinnert sich schon niemand mehr.

Nichts Neues

Gut, Herr Bucher will Landeshauptmann von Kärnten werden, warum soll denn nur im Winter Fasching sein? Frau Glawischnig seufzt unwillkürlich, wenn sie schon wieder nicht zu Wort kommt; Herr Strache will nach der Wahl und vor einer Regierungsbildung eine Volksbefragung oder eine Volksabstimmung zu – ja, wozu eigentlich? –; und Herr Spindelegger neigt in ernsten Situation zu seltsamen Anfällen von Humor: Stronach soll die ÖBB kaufen. Von Faymann wissen wir jetzt, dass er den Taxischein gemacht hat. Das war’s.

Das war das Ergebnis von fünf Stunden Politikberichterstattung im öffentlich-rechtlichen ORF. Das ist übrigens jener Sender, für den jeder zahlen muss, auch im Sommer, wenn es viele Wiederholungen, aber so gut wie keine aktuelle Diskussions- oder Reportagesendung gibt. Der "Report" schläft seit Langem, dafür werden wir Dienstagabend darüber aufgeklärt, dass Königskinder entweder geil oder geldgeil sind, meistens beides.

Welche Krise?

Gut, dass die Zeitungen und die Privatsender auch im Sommer über die Profilierungsversuche von Stronach, das Obmann-Zerlegen in der ÖVP und die Volksbefragung zum Bundesheer berichtet haben. Und da gibt’s ja auch noch die größte Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg. In allen fünf Sommergesprächen haben wir nicht erfahren, welchen Ausweg aus der Krise die Politik sieht. Es wurde aber auch nicht deutlich danach gefragt.

"Wie war ich?" – Sandra Maischberger hat diese Frage nach ihren Interviews niemals gestellt. Einmal verließ ein etwas blasser Ron Sommer, der sonst kühle Chef der Deutschen Telekom, das Maischberger-Studio bei n-tv mit dem Geständnis: "Ich habe jetzt Dinge gesagt, die ich gar nicht sagen wollte."

Nie wäre die Journalistin auf die Idee gekommen, nach ihrer Wirkung zu fragen: Sie weiß eben, wie man ein Gespräch führt.

Quoten: 694.000 Zuschauer beim Finale am Montag

Schnitt: Durchschnittlich 696.000 Zuschauer sahen die heurigen "Sommergespräche", das entspricht einem Marktanteil von 27 Prozent (12+). Bei den 12- bis 49-Jährigen lag der Marktanteil bei 18 Prozent. Das letzte "Sommergespräch" mit Bundeskanzler Werner Faymann lag fast genau im Schnitt: 694.000 (26 % Marktanteil).

Spitze: Die meisten Seher hatte das Gespräch mit Heinz Christian Strache (806.000 Zuschauer, 30 % Marktanteil), die wenigsten das mit Josef Bucher (616.000, 25 % Marktanteil). Das "Sommergespräch" mit Eva Glawischnig sahen 670.000 Zuschauer (29 %), das mit Michael Spindelegger 691.000 Zuschauer (27 Prozent Marktanteil).

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