Arbeitsmarkt: Deutlich mehr Rumänen als erwartet

Unter den Leiharbeitern, am Bau sowie im Tourismus ist die Ausländerbeschäftigung in Österreich am höchsten.
11.000 zusätzliche Arbeitskräfte nach einem Jahr Freizügigkeit. Viele arbeiten unter ihrer Qualifikation.

Da lagen die Prognosen doch ziemlich weit daneben. Der freie Zugang zum Arbeitsmarkt werde 2014 rund 5500 zusätzliche Arbeitskräfte aus Rumänien und Bulgarien nach Österreich locken, errechneten die Experten des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) und des Instituts für Höhere Studien (IHS) im Auftrag des Sozialministeriums.

Arbeitsmarkt: Deutlich mehr Rumänen als erwartet
Es sind doppelt so viele gekommen. Die Zahl der unselbstständig beschäftigten Rumänen und Bulgaren hat sich im Jahresabstand um 11.000 oder 38 Prozent auf knapp 40.000 erhöht, geht aus den jüngsten Daten des Hauptverbandes hervor. Damit übersteigt die Zahl sowohl jene der Polen als auch der Tschechen und Slowaken am heimischen Arbeitsmarkt (siehe Grafik). Allein aus Rumänien kamen im Vorjahr 8500 zusätzliche Arbeitskräfte. Nicht mitgerechnet sind hier jene rund 20.000 selbstständigen Pflegerinnen, die in der 24-Stunden-Betreuung in Privathaushalten zum Einsatz kommen.

IHS-Arbeitsmarktexperte Helmut Hofer gibt offen zu, den Zuzug unterschätzt zu haben. "Die Zahl ist zwar immer noch locker verkraftbar, aber im Nachhinein betrachtet waren die prognostizierten 5500 doch etwas zu niedrig". Wegen der schlechten Konjunkturaussichten für Österreich habe man keine so starke Zunahme erwartet. Offenbar gab es aber auch zahlreiche illegale Beschäftigungsverhältnisse, die mit der Freizügigkeit legalisiert wurden. Dies lasse zumindest die steigende Erwerbsquote vermuten, so Hofer. Deutschland hat den Zuzug rumänischer Arbeitskräfte (+125.000) übrigens relativ genau vorhergesehen.

Gut qualifiziert

Die neuen Arbeitskräfte aus Rumänien und Bulgarien sind zumeist jung und gut qualifiziert, finden in Österreich aber häufig nur Jobs, die unter ihren Qualifikationen liegen. Die WIIW/IHS-Studie verweist darauf, dass 70 Prozent der Arbeitskräfte zwischen 15 und 44 Jahre alt sind, damit im Schnitt noch jünger als die Zuwanderer aus den übrigen neuen EU-Mitgliedsstaaten. Der höchste Anteil an Rumänen ist in der Sachgüterproduktion beschäftigt, gefolgt von Tourismus, Leiharbeit, Bau und Landwirtschaft (Erntehelfer). Detail am Rande: Den prozentuell höchsten Anstieg bei der Ausländerbeschäftigung gab es im IT- Bereich (12 Prozent), insgesamt betrug das Plus 5,7 Prozent.

Im Ländervergleich zeigt sich eine nachlassende Dynamik bei ungarischen Arbeitskräften – der Großteil davon Tagespendler –, deren Anzahl nicht mehr so stark steigt wie in den vergangenen Jahren. "Das Potenzial ist langsam ausgeschöpft", glaubt Hofer. Auch die anziehende Konjunktur in Ungarn könnte dafür ein Grund sein. 98 Prozent der Arbeitsmigration erfolgte im Vorjahr aus einem EU-Land, 80 Prozent aus den neuen EU-Ländern.

Arbeitslose

Die Arbeitslosenrate bei den Rumänen und Bulgaren liegt mit 12,4 Prozent leicht über dem Ausländer-Schnitt, ist aber im Jahresabstand nur minimal gestiegen. Überdurchschnittlich hoch ist die Arbeitslosigkeit bei türkischen, serbischen und kroatischen Staatsbürgern, während Deutsche und Ungarn sogar unter der Inländer-Quote liegen. Arbeitsmarkt-Experten sehen auch einen gewissen Verdrängungseffekt unter den Ausländern: Jüngere, gut qualifizierte Zuwanderer ersetzen ältere, schlecht qualifizierte.

Die Zahl der Arbeitslosen ist im Jänner erneut gestiegen. Inklusive der AMS-Schulungsteilnehmer waren Ende Jänner 472.539 Personen auf Arbeitssuche - ein Anstieg von 5,1 Prozent. Nach nationaler Definition stieg die Arbeitslosenquote um 0,8 Prozentpunkte auf 10,5 Prozent, gab das Sozialministerium am Montag bekannt. Nach Eurostat blieb die Quote mit 4,9 Prozent relativ moderat. Österreich ist damit innerhalb der EU an zweiter Stelle hinter Deutschland. Ohne Schulungsteilnehmer vermerkte das Arbeitsmarktservice 406.239 Arbeitslose, um 36.402 Personen mehr als vor einem Jahr.

AMS-Chef Johannes Kopf bezeichnete das am Montag als "absolut ernst zu nehmende Situation". "Da sieht man schon, dass die Konjunktur weiterhin sehr sehr schwach ist", so Kopf im Ö1-Mittagsjournal. Sowohl für heuer als auch für nächstes Jahr erwartet der Arbeitsmarktexperte auch keinen Rückgang. Sozialminister Rudolf Hundstorfer verwies darauf, dass die Arbeitsmarktpolitik "ohne eine nachhaltige Belebung der Konjunktur und der daraus folgenden Nachfrage nach Arbeitskräften" an ihre Grenzen stoße. Umso wichtiger seien "europäische Initiativen zur Belebung der Investitionen".

Deutlich weniger Schulungen

Arbeitsmarkt: Deutlich mehr Rumänen als erwartet
Die Zahl der Schulungsteilnehmer ist im Jänner um fast 17 Prozent auf 66.300 Personen drastisch zurückgegangen. Besonders stark war der Rückgang mit 28,5 Prozent in Wien. Das AMS begründet den Einbruch mit einem Strategiewechsel: Es würden nun Kurse mit längerer Laufzeit angeboten - bei gleichbleibendem Budget könnten dadurch weniger Arbeitslose in Schulungen geschickt werden, sagte AMS-Sprecherin Beate Sprenger. Auch werden die oftmals kritisierten Bewerbungstrainings - vor allem in Wien - deutlich zurückgefahren.

Im Bundesländervergleich war der Anstieg der Arbeitslosen in Wien mit 19,1 Prozent am höchsten, was zur Hälfte durch die sinkenden Schulungsteilnahmen zu erklären sei, so das Sozialministerium. Am geringsten stieg die Zahl der Arbeitslosen in Kärnten (+2,3 Prozent) und im Burgenland (+4,9 Prozent).

Licht und Schatten am Bau

Eine Überraschung gab es am Bausektor. Verglichen mit anderen Branchen stieg die Bauarbeitslosigkeit mit 2,6 Prozent unterdurchschnittlich, da der Winterbau gut laufe, gab das Ministerium bekannt. Auch die Beschäftigung am Bau wächst. Nichtsdestotrotz trägt die Bauwirtschaft am meisten zur Gesamtarbeitslosigkeit bei. 18,5 Prozent aller Arbeitslosen waren vorher am Bau beschäftigt.

Nach Branchen den mit 14,4 Prozent höchsten Anstieg der Arbeitslosen verzeichnete der Bereich Arbeitskräfteüberlassung (Leiharbeiter). Leicht überdurchschnittliche Zuwächse gab es im Handel (+10,3 Prozent) und im Tourismus (+9,9 Prozent).

Besonders benachteiligt am Arbeitsmarkt waren erneut ältere Menschen ab 50 Jahren (+13,7 Prozent), Ausländer (+18,9 Prozent) und behinderte Personen (+16,3 Prozent). Die Zahl der Langzeitarbeitslosen (über 12 Monate vorgemerkt) hat sich auf rund 20.200 Personen mehr als verdoppelt.

Insgesamt sind in Österreich 3,4 Millionen Menschen unselbstständig beschäftigt. Beim AMS gibt es derzeit fast 23.000 gemeldete offene Stellen, ein Plus von 5,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

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